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Karl-Heinz Kurras, ehemals  Polizist in West-Berlin, erschoss 1967 den Studenten Benno Ohnesorg.
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Karl-Heinz Kurras, ehemals Polizist in West-Berlin, erschoss 1967 den Studenten Benno Ohnesorg.

Fall Kurras

Die Räuberpistolen des Ex-Polizisten

  • VonAndreas Förster
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Bizarrer Auftritt bei der Vernehmung: Der frühere West-Berliner Polizist und Stasi-Agent Kurras behauptet, Herbert Wehner habe ihn angeworben. Von Andreas Förster

Mit einem bizarren Auftritt hat der frühere West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras die Bundesanwaltschaft überrascht. Zwar räumte der 81-Jährige bei seiner Vernehmung vor einem Monat nach Informationen der Berliner Zeitung eine Zusammenarbeit mit der Stasi ein. Zugleich behauptete er aber, bei seiner Agentenverpflichtung 1955 in Ost-Berlin sei neben dem Stasi-Spionagechef Markus Wolf auch der SPD-Politiker Herbert Wehner dabei gewesen.

Von Kurras´ Vernehmung sind bislang keine inhaltlichen Details bekanntgeworden. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts auf Landesverrat, nachdem publik geworden war, dass Kurras zwischen 1955 und 1967 als Agent mit dem Decknamen "Otto Bohl" für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gearbeitet hatte. Nachdem Kurras am 2. Juni 1967 bei einer Demonstration den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte, brach die Stasi laut Aktenlage den Kontakt zu Kurras ab.

In seiner knapp zweistündigen Vernehmung am 21. Oktober in der Außenstelle des Bundeskriminalamtes in Treptow bestätigte Kurras, er habe sich 1955 schriftlich zu einer Zusammenarbeit mit dem MfS verpflichtet. Der damalige Leiter der West-Berliner Bereitschaftspolizei, Knief, habe ihn damals nach Ost-Berlin begleitet. Tatsächlich war Knief ein Agent des DDR-Geheimdienstes.

Kurras schilderte den Ermittlern, dass bei seiner Ankunft in einer Stasi-Wohnung in Ost-Berlin neben Markus Wolf ein weiterer MfS-Offizier, ein West-Berliner Journalist, dessen Namen er nicht kenne, und eben Herbert Wehner anwesend gewesen seien. Man habe Gespräche über Ost und West geführt. Wolf und Wehner seien die Wortführer gewesen. Der SPD-Politiker habe ihn schließlich dazu überredet, mit dem MfS zusammenzuarbeiten.

Gegenüber den verblüfften Vernehmern blieb der 81-Jährige auch auf Nachfrage bei seiner Darstellung. Selbst den Einwand, laut Stasi-Akte sei er allein nach Ost-Berlin gekommen und habe sich dort weder mit Wolf noch mit Wehner getroffen, ließ Kurras nicht gelten. Ausdrücklich dementierte er in der Vernehmung, den Todesschuss auf Ohnesorg im Stasi-Auftrag abgefeuert zu haben. Das sei eine Räuberpistole der Medien, sagte Kurras. Er habe den Schuss nicht gezielt abgegeben, sondern um sich zu wehren. "Für dieses Gesindel wollte ich nicht sterben", soll Kurras in der Vernehmung unter Bezug auf Ohnesorg gesagt haben.

Auch weiteren Erkenntnissen aus den Stasi-Akten widersprach der Ex-Polizist. So habe er nie einen Agentenlohn erhalten, da er angeblich nach zwei Lottogewinnen ohnehin wohlhabend gewesen sei. Allerdings habe er den ersten Gewinn von 250.000 DM noch vor dem Mauerbau fast vollständig samt Unterlagen an die Stasi übergeben müssen, behauptete Kurras.

Nach dem 2. Juni 1967 will er keinen Kontakt mehr zum MfS aufgenommen haben. Nur zweimal noch sei er in Ost-Berlin gewesen, einmal auf dem Weihnachtsmarkt und ein anderes Mal zu einer Parade von Polizeiorchestern aus Ost und West. Bei beiden Gelegenheiten sei er nicht mit MfS-Mitarbeitern zusammengetroffen.

In den Akten hingegen ist ein Treffen zwischen Kurras und seinem Stasi-Führungsoffizier 1976 auf der Restauranttoilette im Ost-Berliner Haus des Lehrers dokumentiert. Kurras habe dabei laut Akten angeboten, wieder für das MfS aktiv zu werden. Der Führungsoffizier befürwortete dies in seinem Bericht.

Aus Sicht der Bundesanwaltschaft gibt es in der Aussage von Kurras zu viele Ungereimtheiten und inhaltliche Widersprüche zu seiner in den Akten über weite Strecken penibel dokumentierten Stasi-Tätigkeit. Daher könne die Aussage des 81-Jährigen kaum als glaubwürdig angesehen werden. Zu der abenteuerlichen Wehner-Story heißt es in Karlsruhe, Kurras habe damit entweder die Ermittler provozieren oder Senilität vortäuschen wollen.

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