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Polizisten bringen einen der Verdächtigen (links, gebeugt) in ein Moskauer Gerichtsgebäude.
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Polizisten bringen einen der Verdächtigen (links, gebeugt) in ein Moskauer Gerichtsgebäude.

Mordfall Boris Nemzow

Rätsel um die Motive der Verhafteten

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Fünf Männer aus Kaukasien haben russische Polizisten im Mordfall Nemzow in Haft genommen. Ein weiterer soll sich bei einem Zugriff in die Luft gesprengt haben. Menschenrechtler zweifeln am islamistischen Tat-Hintergrund.

Der Fall Boris Nemzow scheint schon eine gute Woche nach der Ermordung des Oppositionspolitikers vor seiner Auflösung zu stehen. Am Sonntag wurden in Moskau fünf Tatverdächtige dem Haftrichter vorgeführt. Sie werden dringend verdächtigt, an dem Mord beteiligt gewesen zu sein. Nemzow war am vorvergangenen Freitag unweit des Kremls von einem Killer erschossen worden. Die Behörden erhoben bereits Anklage gegen Saur Dadajew, den Vizekommandeur des tschetschenischen Polizeibataillons „Nord“, und Ansor Gubaschew, Wachmann eines Einkaufszentrums bei Moskau.

Nachtclub als Alibi?

Nach Angaben des Richters hat Dadajew seine Mitschuld bereits gestanden. Außer ihnen wurden auch Gubaschews jüngerer Bruder Schagit, angeblich ein Lastwagenfahrer, in U-Haft genommen, sowie zwei weitere Kaukasier: Chamsat Bachajew und Tamerlan Eskerchanow. Alle außer Dadajew bestreiten ihre Schuld. Eskerchanow behauptet, er sei zur Tatzeit in einem Nachtclub gewesen, dafür gebe es zahlreiche Zeugen. In Grosny tötete sich am Samstagabend laut Interfax ein weiterer Tatverdächtiger, Bislan Schabanow, mit einer Handgranate, als die Polizei seine Wohnung umstellte, um ihn festzunehmen.

Nach Angaben des Portals kavkaz.uzel sollen zumindest Dadajew und die Brüder Gubaschew verwandt sein, aus Tschetschenien stammen, mehrere Jahre in Inguschetien gelebt haben, danach in Moskau. „Mein Sohn und meine Neffen sind erwachsene Leute, über 30, ich glaube nicht, dass sie solch ein Verbrechen begehen konnten“, sagte Dadajews Mutter Aimani Dadajewa der Agentur Interfax.

Wladimir Markin, Sprecher des Ermittlungskomitees, feierte am Sonntag die „hohe Professionalität“ der Ermittler. Die Zeitung Kommersant führt den Fahndungserfolg auf „technische“ Routinearbeit zurück: Die Ermittler hätten die Aufzeichnungen der Überwachungskameras auf der Großen Moskwa-Brücke ausgewertet, wo Nemzow starb. Dann die Videos auf der Route des Fluchtwagens, wobei man Fotos der Verdächtigen sicherstellte. Auch die Überprüfung des Mobiltelefonverkehrs in der Umgebung der Tat habe Ergebnisse geliefert. Unklar ist das Motiv der Kaukasier. Nemzow soll im Internet islamistische Drohungen erhalten haben, nachdem er der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo den Rücken gestärkt hatte.

Und Dadajew rief am Sonntag im Gerichtssaal den Journalisten zu: „Ich liebe Allah.“

Aber die tschetschenisch-inguschische Diaspora in Moskau gilt keineswegs als religiös fanatisch, „die Version ist die unwahrscheinlichste“, so der Menschenrechtler und Kaukasusexperte Oleg Orlow. Nemzows Freund Ilja Jaschin bloggte, mehrere Fachleute hätten ihn auf den „dreisten tschetschenischen Stil“ des Verbrechens aufmerksam gemacht. Der Stil sei typisch für Morde an Widersachern des tschetschenischen Republikchefs Ramsan Kadyrow.

Was den mutmaßlichen Mittäter angeht, der sich in Grosny selbst in die Luft gejagt haben soll, weisen Orlow und andere Menschenrechtler immer wieder darauf hin, dass Kadyrows Sicherheitsorgane seit Jahren in dieser Manier die Leichen angeblicher islamistischer Terroristen präsentierten. Deren Familien aber hätten die Toten oft schon Monate vorher vermisst.

Viele Experten aber fragen sich, warum der Offizier der tschetschenischen Spezialeinheit und seine Komplizen ihren Mord direkt am Kreml veranstalteten, in dessen Umgebung sich mehr Überwachungstechnik ballt als an den meisten anderen Orten der Welt. „Es wirkt, als hätten die Killer unprofessionell gearbeitet“, sagt der Kriminalexperte Ochran Dschemal der FR. „Aber die Ausführenden können amateurhaft agieren, während die Organisatoren hochprofessionell sind.“

Erinnerung an Politkowskaja

Der Fall erinnere an die Ermordung der 2006 erschossenen Tschetschenienjournalistin und Putinkritikerin Anna Politkowskaja. Danach wurden mehrere miteinander verwandte Tschetschenen sowie ein Expolizist verurteilt, aber bis heute ist unklar, wer sie wirklich beauftragte. „Warten wir ab, wie viele Leute noch verhaftet werden“, sagt Dschemal. „Denn der Faden, an dem bei diesem Verbrechen gezogen wurde, kann sehr weit in die Höhe gehen, bleibt die Frage, wo er abgeschnitten wird.“

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