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Die Radikalisierung des Gewissens

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Gudrun Ensslin, hier 1968 mit ihrem Verteidiger, bestand auf Kadavergehorsam.
Gudrun Ensslin, hier 1968 mit ihrem Verteidiger, bestand auf Kadavergehorsam. © dpa

Von der Generalisierung des Ressentiments: Die RAF-Protagonisten als totalitäre Persönlichkeiten.

Von MICHA HILGERS

Horst Mahler, Anwalt und Gründungsmitglied der RAF, ist längst zum vorbestraften Rechtsextremisten geworden. Mahler hat jedoch keine erstaunliche Mutation, sondern lediglich eine Häutung durchlaufen: Er ist geblieben, was er immer schon war - eine totalitäre Persönlichkeit, die Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung akzeptiert und das Gewaltmonopol des Staates ablehnt.

Keine Figur der RAF verdeutlicht unverblümter die Wiederkehr des Verdrängten: Aufgebrochen war die RAF, das "Schweinesystem" zu bekämpfen, das zumindest von den 68er-Denkern in der direkten Nachfolge des Nationalsozialismus mit ihrer unverarbeiteten Geschichte gesehen wurde. Doch tatsächlich trat die RAF in Sprache, interner Kommunikation und Handlung die unbewusste Nachfolge von Eltern und Großeltern an.

Denn Sprache und Verhalten, Mitleidlosigkeit und Antisemitismus der RAF wiesen fatale Ähnlichkeit mit der gehassten deutschen Vergangenheit auf: Anders als heutige islamistische Terrororganisationen mit Netzwerkcharakter war die RAF im Inneren absolut autoritär und führerorientiert organisiert, weshalb zum Beispiel RAF-Kader Gudrun Ensslin auf Kadavergehorsam bestehen konnte: "du weißt nicht, was ein befehl ist", orderte sie einem Mithäftling. Charakteristisch war die Furcht vor jeder Art von Autonomie als Ausdruck ziviler Individualität. Die ständige Forderung nach Gefangenenzusammenlegung hatte zum Ziel, das Ausscheren Einzelner durch Gruppendruck zu verhindern.

Die Mitleidlosigkeit ihres kalkulierten Mordens dokumentierte die RAF selbst: "wir haben nach 43 tagen hanns martin schleyers klägliche und korrupte existenz beendet". Die emotionale Nähe zu den sprachlichen Rechtfertigungen der Nationalsozialisten liegt in der zynischen Verachtung des Wertes jedes menschlichen Lebens und der Gottähnlichkeit, mit der man sich aufschwang, über Leben und Tod zu befinden.

Von den Protagonisten der RAF und ihren Sympathisanten unerkannt blieb ihre naive Wortwahl bei der Metapher des Körpers, wenn es um die eigene Gruppe ging. Während die Nationalsozialisten vom Volkskörper sprachen und damit den Einzelnen seiner Individualität beraubten, konstatierte Ensslin über die RAF: "der körper, der die waffe ist, ist das kollektiv, einheit, sonst nix". Die Auflösung der Person im Kollektiv ist jedoch ein totalitärer Gedanke an sich: Weil individuelle Existenz keinerlei Wert an sich hat, muss sich das Individuum dem Kollektiv, dessen unselbstständiger (Körper-)Teil es ist, unterwerfen. Deshalb kann das Kollektiv konsequenterweise auch über seine Mitglieder absolut verfügen - um so mehr jedoch über Leben und Tod seiner vermeintlichen Feinde.

Wie bei jedem politisch oder religiös motivierten Terrorismus sind wahrgenommene Ungerechtigkeiten die Triebfeder für entstehende Ressentiments, die subjektiv jede Grausamkeit rechtfertigen: Das Gewissen radikalisiert sich unter dem Eindruck von verletzten Werten, die wieder einzusetzen man sich nicht im Stande fühlt. Vietnamkrieg und Frankfurter Häuserkampf, Notstandsgesetze, knüppelnde Schergen des Schah unter den Augen deutscher Polizei während seines Berlin-Besuchs und der Tod des Studenten Benno Ohnesorg durch eine Polizistenkugel bei einer Demonstration waren solch schreiende und ungesühnte Ungerechtigkeiten, denen man sich ohnmächtig ausgeliefert sah.

Der Psychoanalytiker Leon Wurmser sieht in subjektiv empfundener Verletzung eigener Werte, dem Gefühl, die Gerechtigkeit nicht wieder einsetzen zu können und dem Bedürfnis nach Revanche, das sich generalisiert, die Grundlage des Ressentiments. Ressentiments liefern die zentrale Motivation für kompromisslose Urteile, die vernichtenden Charakter haben und in Gewaltbereitschaft münden. "Ich interessiere mich nicht für ein paar verbrannte Schaumstoffmatratzen, ich rede von verbrannten Kindern in Vietnam", sagte Gudrun Ensslin nach den Frankfurter Kaufhausbrandstiftungen im Jahr 1968.

Keineswegs waren die meisten RAF-Mitglieder Täter ohne Gewissen, sieht man von Andreas Baader ab, den Jean-Paul Sartre nach seinem Besuch in Stammheim 1974 als "Arschloch" bezeichnete. Gudrun Ensslin stammte aus einer Pfarrersfamilie, ebenso wie Jörg Lang, Christine Kuby und Annette von Wedel. Ulrike Meinhof genoss ein Stipendiat des Evangelischen Studentenwerks und pflegte bei Tisch zu beten, Wolfgang Grams überlegte nach Aussage seines Vaters, Seelsorger zu werden. Der Weg in den Terror erfolgte über ein strenges Über-Ich, die Taten standen im Einklang mit einem radikalisierten Gewissen.

Das Ressentiment hat die Tendenz sich auszuweiten: Waren für die RAF zunächst nur die Repräsentanten des "Schweinesystems" potenzielle Opfer, sozusagen unter Inkaufnahme von Kollateralschäden bei getöteten Chauffeuren oder Passanten, so wurde diese Grenze mit der Entführung der Lufthansamaschine Landshut endgültig überschritten: Rückkehrende Mallorcaurlauber als Pfand für die Freilassung der Stammheimhäftlinge bedeuteten den totalen moralischen Kollaps der RAF auch in der linken Sympathisantenszene. Zugleich schlug die RAF damit ein neues Kapitel des Terrors auf, das seinen vorläufigen Höhepunkt erst Jahre später in den Anschlägen des 11. September findet. Die Wahllosigkeit und möglichst große Zahl der Opfer charakterisieren diese Entwicklung des Terrors.

In Ermangelung politischer Analysen und Visionen bekämpfte die RAF nicht ein politisches System, sondern stattdessen seine Protagonisten. Der terroristische Mord ist die größenwahnsinnige Kompensation intellektueller Ohnmacht und der Unfähigkeit, zwischen Personen und System zu unterscheiden. Die schützende - so genannte triangulierende - Funktion einer dritten Instanz, die als Ideologie, politische Kultur oder Programm zwischen die Gegner tritt, entfällt, wodurch sich Hass und Gewalt direkt gegen den vermeintlichen Feind als Person richtet.

Vor diesem Hintergrund erscheinen auch islamistische Terroranschläge in anderem Licht: Die Generalisierung des Ressentiments führt zur Verteufelung der USA oder des Westens schlechthin, womit zugleich ihre Bürger zur Vernichtung freigegeben sind. Die Gleichsetzung von politischem System und seiner Zivilgesellschaft ermöglicht die direkte Attacke auf alle dort lebenden Personen. Einmal in Gang gesetzt, kennt diese Dynamik keinerlei Grenzen: Die permanenten Terroranschläge im Irak treffen inzwischen jeden, unabhängig von Religionszugehörigkeit, Nationalität oder politischer Orientierung: Viva el muerte lautet das unvermeidliche Fernziel jeder terroristischen Aktivität.

Die individuelle Entscheidung für den Weg in den Terror hat eine Reihe von Motiven: Persönliche Krisen und Orientierungslosigkeit mit dem Wunsch nach Halt und absoluten Werten entbinden von der Zumutung, Ambivalenz und partielle Ungerechtigkeiten ertragen zu müssen. Der Wegfall kommunistisch-sozialistischer Alternativen zum globalen Turbokapitalismus öffnet ein Vakuum, das gegenwärtig der Islamismus als Gegenentwurf füllt. Zugehörigkeit zu einer Gegenidentität stillt das Bedürfnis nach Einbindung in eine positiv besetzte Ideologie. Zudem verkehren Elitebewusstsein und die Idee des Ausgewähltseins subjektive Ohnmacht und Minderwertigkeitsgefühle in ihr Gegenteil.

Das wussten Nazigrößen, die ihren SS-Nachwuchs an Schulen rekrutierten und den "Auserwählten" das Gefühl der Überlegenheit vermittelten: Mit Erfolg, denn nur so kann man die Entscheidung über Leben und Tod anderer als persönliche Größe genießen, statt heilsame Zweifel an der eigenen Unfehlbarkeit zu entwickeln, die die Opfer schützen.

Die Voraussetzung für Humanität bleibt die Fähigkeit zu Ambivalenz, Zweifeln und Mitleid. Unter dem Eindruck von Ungerechtigkeit drohen diese Fähigkeiten verloren zu gehen, weshalb die Herausforderung, sich über Ressentiments zu empören, eine permanente Aufgabe bleibt - für den Einzelnen wie die Zivilgesellschaft.

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