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Radikal fürs Klima

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Von: Michael Kopatz

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Umweltschutz-Aktivisten vor dem Brandenburger Tor
Frühjahr 2022: Klimaaktivist:innen der Initiative „Letzte Generation“ demonstrieren mit teils festgeklebten Händen auf der Ebertstraße vor dem Brandenburger Tor in Berlin. © Annette Riedl/dpa

Am 24. Januar 2022 hat die „Letzte Generation“ zum ersten Mal in Berlin Autobahn-Zufahrten blockiert. Auch nach einem Jahr der Straßenblockaden und Kunstproteste bekommt die Gruppe noch viel Kritik ab.

Ich bewundere den Mut dieser Menschen. In meinen Augen ist die Dringlichkeit gegeben und die Aktionen sind gerechtfertigt. Aber ich würde mich nicht trauen. In eine Autobahnauffahrt setzen, Transparent zücken, eine Tube Sekundenkleber auf der Hand verteilen und an den Asphalt kleben. Aua! Und dann sitze ich tief unten und aus den Autos steigen Menschen, die mich anbrüllen und versuchen mich wegzuzerren, mir die Haut von der Hand reißen? Nee, dafür bin ich zu feige. Aber nicht zu alt.

Es sind nicht nur junge Leute, die sich trauen. Berührend fand ich den Bericht eines 64-jährigen Geologieprofessors. Über Jahrzehnte wies er durch seine Arbeiten auf die Folgen der Klimaerwärmung hin. Politisch aktiv war er nicht. Jetzt klebt er sich fest. Zu dramatisch sind die Konsequenzen für die Menschheit, zu wenig liefert die Politik.

Ich bewundere diesen Mut besonders, weil die engagierten Leute nicht für sich selbst kämpfen, sondern für zukünftige Generationen und für Menschen in weit entfernten Ländern. Beim Kampf gegen die Sklaverei oder für das Wahlrecht der Frauen waren die Aktivist:innen immerhin unmittelbar betroffen. Sie haben die Ungerechtigkeiten selbst erfahren. Doch die Klimakatastrophe kommt schleichend und der Gegner ist nicht so leicht adressierbar. Schließlich sind wir alle irgendwie verantwortlich.

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Die Klimakleber sehen, dass sich der Planet, mit den gegenwärtigen Plänen und Gesetzen, um mindestens 2,5 Grad erhitzt – optimistisch betrachtet. Warum bleiben viele Politiker:innen trotzdem so erstaunlich gelassen? Viele denken: Deutschland hat ja nur einen Anteil von zwei Prozent am globalen CO2-Ausstoß. China sei das Problem. Doch pro Kopf emittieren die Chines:innen weniger als wir und investieren massiv in die Erneuerbaren Energien.

Und wie kam es so weit? Weil Menschen dafür gekämpft haben! Die Energiewende begann mit der Anti-AKW Bewegung. Mutige Menschen haben sich an Bahngleisen festgekettet. Und weil man nicht nur protestieren wollte, nicht nur dagegen sein, haben weite Teile der Bewegung kleine Windräder installiert oder sündhaft teure Solaranlagen. Das waren damals noch Spinner. Und ja, viele waren radikal. Ich ziehe den Hut vor diesen Menschen. Chapeau!

Michael Kopatz ist Dezernent für Klimastrukturwandel in Marburg

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