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Israels Präsident Schimon Peres bei einer Gedenkfeier zum 15. Todestag seines Vorgängers.

Israel

Rabins Friedens-Vermächtnis verblasst

Vor 15 Jahren wurde der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin ermordet. Beim Gedenken herrscht Frust über die aktuelle Politik. Die Euphorie, die 1993 nach der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens herrschte, ist längst Ernüchterung gewichen.

Von Indra Kley

Drei Schüsse sind es, die eine Nation ins Trauma stürzen. Nach einer Friedenskundgebung am 4. November 1995 wird der damalige israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin von einem jüdischen Ultranationalisten erschossen. Lange galt er als Symbolfigur für den Frieden. Doch 15 Jahre nach dem Attentat scheint nicht nur eine Einigung mit den Palästinensern in weite Ferne gerückt zu sein – auch Rabins Vermächtnis verblasst.

Tel Aviv, Samstagabend: Auf dem Rabin-Platz, dem Ort des Attentates, wird des ermordeten Politikers gedacht – in dieser Form wahrscheinlich zum letzten Mal. Rund 20.000 Menschen waren diesmal nach Agenturangaben gekommen. Israelische Medien hatten berichtet, dass die Organisatoren wegen nachlassenden Interesses die jährliche Gedenkveranstaltung ab 2011 in kleinerem Rahmen abhalten wollten.

Uneinigkeit über die Relevanz des Ereignisses herrschte auch beim israelischen Rundfunk: Erst als eine Gruppe Aktivisten über das soziale Netzwerk Facebook Druck ausübte, erklärte sich das Staatsfernsehen Kanal 1 dazu bereit, die Veranstaltung – wie in den Vorjahren – zu übertragen. Eine Entwicklung, die selbst hartgesottene Friedensaktivisten nicht überrascht. „Es ist ein Fakt, dass die Leute seit Rabins Tod bittere Erfahrungen gemacht haben“, stellt Adam Keller vom linken Friedensblock Gush Shalom fest. „Die Mehrheit der Menschen in Israel hat resigniert. Frieden wird heute als etwas wahrgenommen, das in die Vergangenheit gehört, nicht in die Zukunft.“

Kritischer Blick auf Oslo-Pakt

Die Euphorie, die 1993 nach der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens herrschte, ist längst Ernüchterung gewichen. Politikwissenschaftler wie Reuven Hazan von der Hebräischen Universität in Jerusalem sprechen von einem Rechts-Ruck, der das Land in den vergangenen Jahren erfasst hat.

Und selbst linke Aktivisten wie Adam Keller sehen Rabins Bemühen um Frieden heute kritisch: Die Oslo-Verträge, die als Ergebnis der ersten direkten Gespräche zwischen Vertretern der PLO und der israelischen Regierung geschlossen wurden, hätten sich im Nachhinein als Pralinenschachtel erwiesen – viel buntes Papier, aber kaum Schokolade drin. „In der Retrospektive war die Euphorie damals ein Fehler. Oslo wurde als etwas präsentiert, das es einfach nicht war: Als ein Friedensvertrag, obwohl es sich eigentlich nur um ein vorübergehendes Abkommen handelte“, so Keller.

Ernüchterung war auch am Samstag auf dem Rabin-Platz zu spüren. Und Frust über den Weg, den die heutigen politischen Führer Israels einschlagen. „Es scheint so, als sei Hoffnungslosigkeit bequem geworden“, sagte Yonatan Ben-Artzi, der Enkelsohn von Yitzhak Rabin. „Es gibt nicht einmal einen Politiker, mit dem wir uns trösten können.“

Und so sehr Staatspräsident Simon Peres die Menge auch einschwor, dass Israel niemals die Hoffnung verlieren werde, gestand er auch ein, „dass der Weg zum Frieden noch ein langer ist“. Peres, Gefährte Rabins im Oslo-Prozess, war der einzige Politiker, der bei der Veranstaltung sprach.

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