+
Krankenpfleger demonstrieren vor dem Gesundheitsministerium in Berlin.

Corona-Statistik

Was der R-Faktor aussagt – und was nicht

  • schließen

Die viel beachtete Reproduktionszahl ist zuletzt leicht gestiegen – verweist das auf eine zweite Infektionswelle?

Nun gab es am Dienstag doch noch einmal ein Pressebriefing des Robert-Koch-Instituts (RKI). Anlass war der kurzfristige Anstieg des öffentlich viel beachteten Reproduktionswerts und die Verunsicherung über die Aussagekraft der Zahl – vor allem vor dem Hintergrund der derzeitigen Lockerungen. Die Kennziffer 1 gilt nach wie vor als wichtige Maßgabe, um die Epidemie unter Kontrolle zu halten. Seit Samstag schwankt der R-Wert leicht um 1, nachdem er zuvor angestiegen war.

Wie kommen die Schwankungen zustande?

Als ein Signal für eine zweite Welle ist der zuletzt leicht gestiegene R-Wert laut RKI noch nicht zu interpretieren. Solange die Kennziffer für wenige Tage leicht um 1 schwanke, bedeute das noch keinen exponenziellen Anstieg der Fallzahlen in Deutschland. „Ein, zwei Tage – das liegt innerhalb der statistischen Ungenauigkeiten“, erläutert RKI-Vize Schaade. Erst wenn der Wert dauerhaft über 1,2 bis 1,3 liege, sei das ein Signal für einen Anstieg der Fallzahlen, das ein verschärftes Gegensteuern erfordere.

Da die gemeldeten Fallzahlen pro Tag abgenommen haben, hätten inzwischen auch größere lokale Ausbruchsgeschehen einen stärkeren Einfluss auf den R-Wert – wie beispielsweise die große Zahl an Neuinfektionen in mehreren Schlachthöfen. Von verstärkten Tests sei die errechnete Reproduktionszahl laut Schaade zwar auf lange Sicht unabhängig. „Aber wenn es abrupt vermehrt Testungen gibt, kann sich die Zahl auch dadurch kurz erhöhen – geht aber nach wenigen Tagen wieder runter.“

Schaade kündigte an, dass das Robert-Koch-Institut in Zukunft auch einen geglätteten R-Wert einführen werde. Dieser sei besser geeignet, um längerfristige Trends zu erkennen. Laut Schaade lag dieser geglättete Wert in der vergangenen Woche an keinem Tag über der kritischen Grenze von 1. Wie genau die Erhebung dieses geglätteten R-Werts zustande kommt, ist im Detail noch nicht bekannt.

Worüber gibt der R-Wert Auskunft?

Wissenschaftler sprechen bei Sars-CoV-2 von einer naturgegebenen Basis-Reproduktionszahl (R0) von etwa 3. Eine Person infiziert also im Schnitt drei weitere. Dieser Wert gilt unabhängig von Präventionsmaßnahmen und Zeithorizont. Die jetzt diskutierten Werte seien dagegen „die effektive Reproduktionszahl des neuen Coronavirus innerhalb von Deutschland“, erklärt der Infektiologe Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie zeigten das Gleichgewicht zwischen dem infektionsvermeidenden Verhalten der Bevölkerung und der Infektiösität des Virus selbst, erläutert auch das RKI. Bei der Berechnung um eine statistische Größe, eine Trend-Schätzung. Sie fließt auch in Prognosen zu Krankenhaus- und Behandlungskapazitäten ein.

Ohne Gegenmaßnahmen würde die Zahl der Infektionen mit einem R-Wert von 3 rasch exponenziell ansteigen und erst stoppen, wenn bis zu 70 Prozent der Bevölkerung eine Infektion durchgemacht hätten.

Was kann der R-Wert leisten – und was nicht?

Berechnet wird die Zahl mit Hilfe der sogenannten Nowcasting-Methode. Der Vorteil: Es werden nicht nur das Meldedatum, sondern auch das Erkrankungsdatum berücksichtigt und erwartbare Fälle mit einbezogen – damit können Lücken durch einen zeitlichen Verzug bei der Übermittlung von Daten an RKI und Gesundheitsämter ausgeglichen werden. „Auf der Grundlage aller vorhandener Daten ist der R-Wert näher am Infektionsgeschehen dran als Berechnungen, die sich ausschließlich an Meldezahlen orientieren“, erläutert Schaade.

Anders als gemeldete Neuinfektionen und Todesfälle berechnet sich die Reproduktionszahl allerdings nicht tagesaktuell, sondern mit Blick auf den Status von vor anderthalb bis zwei Wochen. Sprich: Die erhöhten veröffentlichten R-Werte dieser Tage beziehen sich auf Infektionen, aus dem Zeitraum zwischen dem 28. April und 3. Mai. „Wir sehen also mit dem R-Wert von heute das, was wir vor über zwei Wochen entweder gut oder schlecht in der Vorbeugung gemacht haben“, erklärt Infektiologe Stoll. Außerdem könne es bei dieser Schätzung zu Ungenauigkeiten kommen, räumt das RKI ein. Darauf weist auch das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung hin und spricht aufgrund der schwierigen Datenlage während der Epidemie von einer „erheblichen statistischen Unsicherheit“.

Welche weiteren Faktoren sind als Entscheidungsgrundlage außerdem wichtig?

Der vom RKI errechnete R-Wert ist nur ein Faktor, um die Dynamik der Virus-Übertragungen in Deutschland einzuschätzen. Wichtig ist auch die absolute Zahl der Neuinfektionen. Sie wird täglich von den einzelnen Gesundheitsämtern an die Landesgesundheitsbehörden und das RKI übermittelt. Jeder einzelne Fall soll von den Gesundheitsämtern identifiziert und Kontakte sollen verfolgt werden. Deshalb muss die Zahl so klein sein, dass die Nachverfolgung durch Gesundheitsämter gewährleistet werden kann. Steigt die Zahl in einem Landkreis auf über 50 Fälle auf 100.000 Einwohner sollen neue Beschränkungen erwogen werden.

Wichtig ist auch die Frage, wie schwer die Krankheitsverläufe sind. Erkrankte mit starken Symptomen sind in vielen Fällen auf eine mehrwöchige Betreuung auf der Intensivstation angewiesen – und auf ein Beatmungsgerät. Deshalb kommt es auch darauf an, die Kapazitäten von Intensivbetten und Geräte im Blick zu halten, um sicherzustellen, dass eine Behandlung gewährleistet werden kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion