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„Querdenker“ eine „laute und radikale Minderheit“: „Brauchen dagegen eine Langzeitstrategie“

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Von: Delia Friess

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„Wir sehen diese Anschlussfähigkeit von Ideologie und Personen an den organisierten Rechtsextremismus in diesen ,Querdenker‘-Kontexten sehr deutlich“, sagt Jörn Didas, Geschäftsführer des Adolf-Bender-Zentrums.
„Wir sehen diese Anschlussfähigkeit von Ideologie und Personen an den organisierten Rechtsextremismus in diesen ,Querdenker‘-Kontexten sehr deutlich“, sagt Jörn Didas, Geschäftsführer des Adolf-Bender-Zentrums. © Ina Fassbender/afp

Jörn Didas erklärt im FR-Interview, wie Verschwörungserzählungen und Esoterik zusammenhängen und warum wir als Gesellschaft eine Langzeitstrategie dagegen brauchen.

Herr Didas, wie schätzen Sie die Corona-Proteste in ländlichen Strukturen ein?

Jörn Didas: Corona-Demonstrationen gibt es zum Beispiel auch in einer kleinen Kreisstadt wie St. Wendel im Saarland, bei der Personen mit Davidstern auf die Bühne gehen und Anhänger:innen der Verschwörungstheorie QAnon teilnehmen und sprechen. Bei den Demonstrationen geht nicht nur die extreme Rechte auf die Straße, sondern Menschen aus unterschiedlichen Milieus. Eine Studie der Universität Basel, die der Frage nachging, aus welchen gesellschaftlichen Milieus sich das „Querdenker“-Lager in Baden-Württemberg speist, kam zu dem Ergebnis, dass sich im Unterschied zu Ostdeutschland, wo die extreme Rechte stärker tonangebend ist, hier insbesondere Gruppen engagieren, die sich selbst dem linksalternativen und dem anthroposophischen Milieu zuordnen würden.

Ich würde noch hinzufügen, dass es bei nicht wenigen auch einen Hang zum Esoterischen gibt. Wir beobachten auch, dass es Kooperationen der Lager gibt. Wenn man sich die einschlägigen Telegramgruppen anschaut, sieht man, dass bekannte Rechtsextreme munter mitdiskutieren und Ideen einbringen. Gleichzeitig werden auch Yogamatten bei Demonstrationen ausgepackt. Und wir beobachten, dass die Abgrenzung zum Rechtsextremismus häufig eine Fassade ist. Wir sehen also diese Anschlussfähigkeit von Ideologie und Personen an den organisierten Rechtsextremismus in diesen „Querdenker“-Kontexten sehr deutlich. Die sehr unterschiedlichen Gruppen haben in den letzten Monaten ihre verbindenden Klammern entdeckt.

Was haben ökologische Strömungen mit Rechtsradikalismus zu tun?

Die Verbindung ökologischer Themen mit völkischer Ideologie hat in Deutschland eine lange Geschichte und Tradition. Bis heute spielen Naturschutz und Ökologie in der extremen Rechten eine durchaus wichtige Rolle, der sich unter dem rechtsextremen Slogan „Naturschutz ist Heimatschutz“ zusammenfassen lässt. Im Sinne der „Blut und Boden“-Ideologie des Nationalsozialismus sind Rechtsextreme der Ansicht, dass der „Lebensraum“, in dem ein Volk lebe, einen direkten quasi naturgesetzlichen Einfluss auf dieses Volk ausübe. In diesem Sinne trägt ein ökologischer Landbau zum Beispiel zur gesunden Erhaltung und Stärkung des Volkes bei. Wir sehen in den letzten Jahren fast im gesamten Bundesgebiet im ländlichen Raum Versuche von Rechtsextremisten, entsprechende Höfe aufzubauen. Gekoppelt war die völkisch-ökologische Ideologie immer auch bereits mit esoterischen und naturreligiösen Aspekten.   

„Querdenker“, Esoterik und Rechtsradikalismus: „Wir beobachten Kooperationen der Lager“

Warum gibt es so viele Impfgegner:innen im deutschsprachigen Raum?

Das ist eine schwierig zu beantwortende Frage. Die Anthroposophie ist insbesondere in den deutschsprachigen Ländern stark vertreten. Sie speist sich aus meiner Sicht aus esoterischen Ideen und einem mit aufgeklärt wissenschaftlichen Aspekten nur schwer zu vereinbarendem Weltbild. Eine Impfskeptik war in esoterischen und anthroposophischen Milieus ja bereits vor Corona verbreitet. Die Vorstellungen, warum man gegen Impfungen ist, waren immer schon sehr unterschiedlich. Das reicht von der Idee, dass der Körper sich eigenständig mit Erregern auseinander setzen müsse bis hin zu den kruden Vorstellungen, dass der Staat zur Kontrolle der Menschen mit den Impfungen Computerchips implantiere.

Das Problematische, das nun für alle sichtbar wird, ist, dass Esoterik und Verschwörungserzählungen zwar nicht das gleiche sind, aber nicht selten Hand in Hand gehen können. Beiden gleich ist der Grundgedanke, dass in dieser Welt alles mit allem zusammenhänge. Es kann also keine Zufälle geben. Die „Gläubigen“ gehen davon aus, die Welt verstanden zu haben und der Rest der Gesellschaft würde noch schlafen und sei nicht erleuchtet. In diesem Zusammenhang zeigt sich dann das, was wir in den Telegramgruppen und auf den Straßen sehen. Corona kann nach dieser Sichtweise kein Zufall sein, sondern dahinter müsse eine große Verschwörung stehen. Austauschbar ist dann, wer der eigentliche Verschwörer sei und was das letztendliche Ziel. In diesem Grunddenken sind sich die unterschiedlichen Gruppen der Demonstrationen dann inhaltlich auf einmal ganz nah.

Wie stark sind Jugendliche gefährdet, damit in Kontakt zu kommen?

Soziale Medien haben einen massiven Einfluss: In unseren Workshops erfahren wir, dass Jugendliche fast immer in irgendeiner Weise damit in Kontakt kommen. Das heißt aber nicht, dass sie sich das alle auch zu eigen machen. Zum einen geht natürlich die gesellschaftliche Diskussion nicht an ihnen vorbei. Zum anderen kommen Jugendliche auch in den sozialen Medien mit Hate Speech in Berührung. Besonders betrifft das Jugendliche, die sich politisch oder demokratisch engagieren. Bei Schülersprecher:innen zum Beispiel haben wir die Erfahrung gemacht, dass sie von Gleichaltrigen, aber auch von Erwachsenen und besonders von Männern in den Sozialen Medien angefeindet werden, wenn sie sich zum Beispiel für das Tragen von Masken in Schulen aussprechen.

Was können wir als Gesellschaft dagegen tun?

In der Corona-Pandemie merkt man auch, dass wir in bestimmten Teilen der Gesellschaft kein ausgeprägtes Wissen und Verständnis über Funktionsweisen von Demokratie haben. Deutlich wird das auch an diesem seltsamen Freiheitsbegriff, der ja in diesen Gruppen immer vorherrscht. Freiheit bedeutet nicht: ,Ich kann tun und lassen, was ich will, und da hat mir keiner reinzureden.‘ In einer demokratischen, solidarischen Gesellschaft endet meine Freiheit dort, wo ich die Freiheit meines Gegenübers einschränke. Und das muss in Abwägung gebracht werden, in Diskussionen.

Könnten Sie das konkretisieren?

Meiner Ansicht nach brauchen wir langfristig wesentlich stärkere Maßnahmen zur Demokratiebildung, zur Menschenrechtsbildung und zur politischen Bildung. All das muss man lernen. Der Sozialphilosoph Oskar Negt hat mal gesagt: ,Ich glaube, dass Bildung unter unseren Verhältnissen deshalb eine existenzielle Notwendigkeit hat, weil Demokratie die einzige Staatsform ist, die gelernt werden muss.‘ Es ist seltsam, dass viele Menschen unabhängig von wissenschaftlichen Ergebnissen an ihren Gefühlen festhalten, und das andere einfach wegblenden. Und dafür brauchen wir eine langfristige Strategie: Sicherheitsbehörden auf der einen Seite und politische Bildung auf der anderen Seite. Und wir sollten lernen, dass wir uns in einer Demokratie einbringen können. Wir erkranken nämlich in der Gesellschaft auch gerade daran, dass wir eine sehr laute und radikale Minderheit haben, aber auch einen viel zu ruhigen und für viele dieser Fragestellungen gar nicht ansprechbaren Anteil in der Bevölkerung haben.

Impfgegner:innen und „Querdenker“: „Wir brauchen stärkere Maßnahmen zur Demokratiebildung“

Wie soll man denn mit einem Impfgegner/einer Impfgegnerin beispielsweise in der Familie oder im Freundes- und Bekanntenkreis umgehen?

Mit einigen der radikalen Impfgegner:innen kann man leider nicht mehr diskutieren. Aber wenn mir Menschen wichtig sind, würde ich zunächst nach den Beweggründen fragen: ,Was bewegt dich dabei? Warum möchtest du das nicht?‘ Der Ankerpunkt ist, wenn dann jemand sagt: ,Ich weiß ja nicht, was der Impfstoff mit mir macht‘. Dann kann man erst einmal die Ängste anerkennen. Und dann kann man ansetzen mit dem nächsten Aspekt: ,Wenn du dir das anschaust: Millionen von Menschen sind geimpft worden, Nebenwirkungen sind sehr selten und die Impfungen schützen vor schweren Verläufen.‘ Das schafft zumindest die Gesprächsgrundlage auf einer Beziehungsebene.

Jörn Didas ist Geschäftsführer des Adolf-Bender-Zentrums in St. Wendel (Saarland).
Jörn Didas ist Geschäftsführer des Adolf-Bender-Zentrums in St. Wendel (Saarland). © Privat

Zur Person

Jörn Didas: Studium der Politikwissenschaft und Soziologie. Geschäftsführer des Adolf-Bender-Zentrums. Das Adolf-Bender-Zentrum arbeitet im Schwerpunkt in der politischen Bildungsarbeit. Im Zentrum sind die saarländischen Beratungsstellen „Fachstelle gegen Rechtsextremismus“ sowie die Melde- und Monitoringstelle Antisemitismus „RIAS-Saarland“ angesiedelt.  

Sie meinen, damit kann man sie überzeugen?

Wir erleben in vielen Teilen der Gesellschaft, dass es diese Gesprächsgrundlage gar nicht mehr gibt. Das Schwierige an diesen Diskussionen ist, dass es um moralische Themen geht, um den eigenen Körper. Wenn Sie moralisieren und an Moral appellieren, kommen Sie bei einem solchen Menschen in der Regel überhaupt nicht weiter. Ich glaube, da braucht es eher eine Beziehungsebene und Vorschläge wie: ,Soll ich dich begleiten? Sollen wir zusammen einen Termin machen? Was brauchst du dafür, dass du vielleicht diesen Schritt gehst?‘

Sollte man im Zweifelsfall den Kontakt abbrechen?

Wir erleben in der Beratungsarbeit auch, dass Menschen sagen: ,Ich halte das nicht mehr aus. Ich versuche seit einem Jahr, jemanden zu überzeugen, und ich mag nicht mehr. Ich kann auch nicht einfach so tun, als sei das nicht da.‘ Das ist das, was öfter passiert. Nach dem Motto: ,Dann reden wir nicht mehr drüber.‘ Es gibt Menschen, die sagen: ,Ich kann das nicht ausklammern, das steht zwischen uns.‘ Es gab bei uns in der Beratung Personen, die sagen: ,Das beschäftigt mich jetzt seit Monaten so stark und ich möchte das nicht mehr.‘ Wir raten dann, zu sagen: ,Du bist mir als Mensch wichtig, du warst mir immer wichtig. Wir sind seit Jahren befreundet, aber das halte ich nicht mehr aus. Deshalb habe ich für mich beschlossen, Folgendes zu tun: Ich möchte erstmal keine Zeit mehr mit dir verbringen. Aber wenn sich das nochmal verändert bei dir, kannst du mich anrufen, und dann bin ich da.‘ (Interview: Delia Friess)

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