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Queer.de ist all jenen ein Störfaktor, die sich im Dunstkreis der rechtschristlichen „Demo für alle“ bewegen.

Micha Schulze im Interview

Einschüchterungs- und Abmahnwelle gegen Queer.de

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Micha Schulze, Gründer und Geschäftsführer des Online-Magazins Queer.de, spricht über die juristischen Auseinandersetzungen mit dem Verein „Teenstar“.

Queer.de ist ein Online-Magazin für die LBGTI-Community, oder, wie sich die Macher selbst bezeichnen, „das Zentralorgan der Homo-Lobby“. Mit ihrer Berichterstattung ist Queer.de insbesondere all jenen ein Störfaktor, die sich im Dunstkreis der rechtschristlichen „Demo für alle“ bewegen. Entsprechend wird das unabhängige Kölner Portal mit Klagen überhäuft. Die FR hat mit Micha Schulze, dem Gründer und Geschäftsführer von Queer.de, gesprochen.

Herr Schulze, Sie befinden sich aktuell mit dem sexualpädagogischen Verein „Teenstar“ in einer juristischen Auseinandersetzung. Worum geht es hier?
Wir haben wahrheitsgemäß über eine Mitteilung des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) Sachsen berichtet, in dem dieser – übrigens sehr berechtigt - vor den Aktivitäten von „Teenstar“ an Schulen warnt. Diese Berichterstattung wurde uns durch eine Einstweilige Verfügung verboten. Für uns ist das ein nicht hinnehmbarer Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit, deshalb gehen wir ins Hauptverfahren. 

Was ist das Problematische an „Teenstar“?
Hintergrund der Geschichte ist, dass „Teenstar“ Homosexualität wohl für „tendenziell heilbar“ hält und sich bis heute nicht von sogenannten Konversionstherapien distanziert hat. Bezug ist Österreich, wo im vergangenen Jahr von der Zeitung „Falter“ Workshop- und Ausbildungsmaterialien veröffentlicht wurden, in denen es etwa heißt, dass man „zur Abnahme homosexueller Neigungen und zur Entwicklung des eigenen heterosexuellen Potentials“ eine „geeignete Therapie“ machen könne. Trotzdem dürfen wir nun nicht mehr schreiben, dass der LSVD vor „Teenstar“ warnt, obwohl er das ja weiterhin tut. 

Wir dürfen auch nicht mehr schreiben, dass „Teenstar“ wohl eine Gefahr für Kinder und Jugendliche darstellt, obwohl er an österreichischen Schulen nicht mehr arbeiten darf. Auch die sächsische Staatsregierung stellte in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage klar, dass ein Einsatz von „Teenstar“ an Schulen „nicht befürwortet“ wird. Der Verein klagt aber nur gegen Queer.de.

„Teenstar“ betont als Werte Ehe und Familie. Die „Demo für alle“ schreibt auf ihrer Seite, hier mit dem Bezug auf Österreich, die „LGBT-Lobby“ würde werteorientierte Sexualerziehung bekämpfen. Welcher Zusammenhang besteht zwischen den beiden Gruppen?
Es gibt enge personelle Verbindungen und Überschneidungen. So nahm Karolin Wehler von „Teenstar“ Deutschland als Rednerin bei einem Symposium der homo- und transfeindlichen Bewegung „Demo für alle“ teil, bei der sie unter anderem gegen Regenbogenfamilien Stimmung machte. Im Zuge der Auseinandersetzung in Österreich ließ sich „Teenstar“ im April bei einer Pressekonferenz vom Psychotherapeuten Christian Spaemann vertreten, einem führenden Vertreter von Homo-„Heilung“, der ebenfalls auf Veranstaltungen der „Demo für alle“ auftritt.

Auch auf einer internationalen Konferenz von Homo-„Heilern“ im letzten Oktober in Budapest lagen TV-Bildern zufolge Materialien von „Teenstar“ Deutschland aus. Auf der Konferenz sprach Christl Vonholdt vom „Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft“, den führenden pseudo-wissenschaftlichen Vorkämpfern für Homo-„Heilung“ in Deutschland. Das Institut gehört zur „Offensive Junger Christen“, die auf ihrer Webseite „Teenstar“ bewirbt. OJC-Vorstandschef und -Prior Konstantin Mascher wird dort als ein führender Vertreter und Mitarbeiter von „Teenstar“ beschrieben.

Mit welchen Klagen müssen Sie sich noch auseinander setzen?
Neben „Teenstar“ halten uns zwei weitere Gerichtverfahren auf Trab. Zum einen hat uns der „Tagesschau“-Sprecher Jens Riewa verklagt. Seit zweieinhalb Jahren kämpfen wir uns durch die Instanzen, um festzuhalten, dass Homosexualität nichts Ehrenrühriges ist. Zum anderen geht ein Berliner Arzt gegen uns vor, der sich wegen sexuellen Missbrauchs an männlichen Patienten vor Gericht verantworten muss – der Fall wurde durch die hervorragende Recherche von „Buzzfeed“ und „Vice“ bekannt, gegen die der Arzt auch vorgeht. Die allermeisten Abmahnungen landen am Ende aber gar nicht vor Gericht, sie dienen nur der Einschüchterung. Immer wieder werden von uns zwar Unterlassungserklärungen gefordert, etwa von der AfD-Bundestagsabgeordneten Nicole Höchst, dem rechten Blogger David Berger oder dem Soziologen Gerhard Amendt, der Homosexuelle als „pervers“ bezeichnet hat. Doch nachdem wir die Forderung jeweils gut begründet zurückweisen, hören wir meist nichts mehr von den gegnerischen Anwälten.

Haben Sie schon länger Probleme mit Einschüchterungen dieser Art?
Begonnen hat diese ganze Einschüchterungs- und Abmahnwelle vor fünf Jahren mit einem Schreiben der „Alliance Defending Freedom“. Damals wurde uns mit Prozessen gedroht, falls wir Gabriele Kuby weiterhin „Homo-Hasserin“ nennen. Das haben wir natürlich ebenfalls abgelehnt. In diesem Jahr haben die Einschüchterungsversuche noch einmal stark zugenommen: 2019 bekamen wir bereits zehn Mal Post von Anwälten.

Warum glauben Sie, trifft die Klagewelle so massiv Ihr Portal?
Das liegt zum einen sicher an unserer Reichweite, die wir mit Zehntausenden Besuchern am Tag erzielen – die „taz“ bezeichnete Queer.de als „die ‚Tagesschau‘ für LGBTI“. Zum anderen an unserem klaren Profil. Kein anderes Portal der Community berichtet so ausführlich und so hartnäckig über die Machenschaften von LGBTI-Gegnern und den gemeinsamen Kampf von christlichen Fundamentalisten und Neurechten gegen eine vielfältige Gesellschaft. 

Was sind die Folgen für Queer.de?
Die Abmahnungen und Prozesse kosten enorm viel Zeit, Kraft und natürlich jede Menge Geld. Kommt es zum Prozess, sind schnell fünfstellige Beträge erreicht. Und hinter Queer.de steckt ja kein großer gewinnorientierter Konzern, sondern nur ein kleines Team von Selbstausbeutern. Auch ich würde lieber an einem schönen Thema recherchieren als mich mit Anwälten rumzustreiten.

Interview: Katja Thorwarth

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