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Jeder Verstorbene muss nach der ersten ärztlichen Todesfeststellung noch zusätzlich durch einen speziell ausgebildeten „Leichenschauarzt“ begutachtet werden.

Bremen

„Qualifizierte Leichenschau“ in Bremen: Viel Aufwand, wenig Ertrag

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Zwei Jahre „Qualifizierte Leichenschau“ in Bremen: Kein übersehener Mordfall aufgedeckt.

Wenn man einer rechtsmedizinischen Studie von 1997 glaubt, dann bleiben jährlich mindestens 1200 Tötungsdelikte in Deutschland unerkannt, weil Ärzte beim Ausstellen des Totenscheins nicht genau genug hinschauen. Die Bundesrepublik – ein Land der unentdeckten Morde und der stümperhaften Mediziner? Zumindest in Bremen hat sich dieser Verdacht nicht bestätigt. Im kleinsten Bundesland, zu dem auch Bremerhaven zählt, gilt seit zwei Jahren eine bundesweit einmalige „Leichenschau-Pflicht“. Seitdem wurde nicht ein einziges übersehenes Tötungsdelikt aufgedeckt, wie eine Anfrage der FR bei der Gesundheitsbehörde ergeben hat.

Qualifizierte Leichenschau“ nennt sich das Verfahren, das zum 1. August 2017 an der Weser eingeführt wurde. Seitdem muss in Bremen und Bremerhaven jeder Verstorbene nach der ersten ärztlichen Todesfeststellung noch zusätzlich durch einen speziell ausgebildeten „Leichenschauarzt“ begutachtet werden, meist in der Leichenhalle des Bestatters.

Bei rund 7500 Toten pro Jahr allein in der Stadt Bremen ist das ein ungeheurer Aufwand. Zuständig dafür ist das Bremer Institut für Rechtsmedizin (IfR) mit seinen insgesamt neun Ärzten, die zusätzlich auch für andere Aufgaben im Einsatz sind.

Anders als im Krimi greifen die Rechtsmediziner meist nicht zum Skalpell, sondern schauen nur genau nach, ob es Anhaltspunkte für einen unnatürlichen Tod gibt. „Die äußere Leichenschau ist in der Regel an der vollständig entkleideten Leiche unter Einbeziehung aller Körperregionen, insbesondere auch des Rückens und der behaarten Kopfhaut, durchzuführen“, heißt es dazu im Bremer „Gesetz über das Leichenwesen“ von 2017.

Qualifizierte Leichenschau: Die Begutachtung kostet

Auch wenn in den ersten zwei Jahren kein übersehener Mord aufgedeckt wurde: Hin und wieder fanden die IfR-Mediziner falsch angekreuzte Todesarten. Medizinaldirektor Thomas Krämer, der stellvertretende Institutsleiter, kann im Gespräch mit der FR zwar keine genauen Zahlen nennen, hat aber ein Beispiel parat: Wenn jemand nach einer Krankenhaus-OP sterbe, müsse das als nicht-natürliche Todesart eingetragen werden, und das werde manchmal falsch gemacht. Die Qualifizierte Leichenschau (QLS) diene also der Qualitätsverbesserung.

Dieser kleine Fortschritt ist teuer erkauft: Für jede QLS zahlen die Hinterbliebenen 187 Euro plus Mehrwertsteuer, macht zusammen 222,53 Euro – zusätzlich zur variierenden Gebühr für das Ausstellen des Totenscheins durch den Haus- oder Heimarzt.

Der Bremer Bestatterverband fände es sinnvoll, wenn die Todesbescheinigung und die anschließende Leichenschau zusammengelegt würden. Rechtsmediziner Krämer nennt solche Wünsche zwar nachvollziehbar. „Aber der Tod muss unverzüglich festgestellt werden“ – also am Sterbebett in der Wohnung, im Heim oder in der Klinik. Dafür müssten die Rechtsmediziner zu jedem Sterbeort fahren, und das sei nicht zu schaffen.

Es sei schon aufwendig genug, jeden Werktag die Leichenhallen der Bestattungsinstitute aufzusuchen, um dort die Toten zu untersuchen. „Bei uns darf keiner krank werden“, sagt Krämer – sonst werde es eng.

Bestatter und Angehörige klagen auch darüber, dass die Leichenschau-Pflicht die Bestattung verzögere. Dass die Trauernden mehrere Tage warten müssten, treffe „im Regelfall“ nicht zu, sagt Medizinaldirektor Krämer zu solchen Vorwürfen.

Qualifizierte Leichenschau: Andere Länder interessiert

Werktags stünden drei IfR-Mediziner bereit; die Wartezeit betrage in der Regel nur einen Tag. Bei Todesfällen am Wochenende müssten die Angehörigen allerdings bis Montag warten – außer bei Muslimen oder anderen Gruppen, deren Religion eine schnelle Bestattung vorsehe.

Inzwischen, so verlautet es aus dem Bremer Gesundheitsressort, interessieren sich auch andere Bundesländer wie Berlin oder Bayern für die Bremer Erfahrungen. Rechtsmediziner Krämer findet allerdings: „Es ist eine gute Sache für einen Stadtstaat; aber in einem größeren Bundesland ist sie eigentlich nicht umzusetzen.“

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