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Marinekadetten erinnern in St. Petersburg an ihre "Helden".

Gedenkmärsche

Putins "unsterbliche Regimenter"

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Russland feiert weltweit den Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland. Die Gedenkmärsche sorgen für Aufregung.

Sie ziehen durch Toronto, Tel Aviv, Rom, Augsburg und Frankfurt. Tausende Schwarzweißfotografien, Männer- und Frauengesichter, auf Schildern, die die russischen Enkel tragen. „Das unsterbliche Regiment schreitet über den Planeten!“, titelt das russische Portal dni.ru.

Heute feiert Russland den 72. Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland. „Die unsterblichen Regimenter“ sind schon seit Tagen unterwegs, in Washington, Valencia oder Auschwitz. Morgen werden in Berlin über tausend, in Moskau eine halbe Million Teilnehmer erwartet. Ein Erinnerungsmarsch, 2012 zum ersten Mal im westsibirischen Tjumen veranstaltet, eine Bürgerinitiative, eigentlich nichtstaatlich und unpolitisch, inzwischen aber umstritten. Oder wie der Exilschriftsteller Arkadi Babtschenko bloggt: „Einfach durchgeknallt.“

Der oppositionelle Moskauer Historiker Andrei Subow aber lobt die Idee gegenüber der FR: „Erst der sowjetische, dann der russische Staat haben ihren Bürgern die eigenen individuelle Geschichte gestohlen. Jetzt fangen die Menschen an, ihre im Krieg kämpfenden Vorfahren in ihr persönliches Gedächtnis zurückzuholen.“ Nach verschiedenen Angaben kamen im Krieg gegen die Nazis acht bis 20 Millionen sowjetischer Soldaten um, ein Großteil von ihnen wurde in Massengräbern beerdigt, der Staat baute ihnen anonyme Heldendenkmäler. 2015 stellte sich Präsident Wladimir Putin mit einem Foto seines Vaters an die Spitze des „Unsterblichen Regiments“ in Moskau.

„Der Staat eignet sich auch diese Bewegung an, um den Sieg 1945 als seinen eigenen Triumph darzustellen“, sagt Subow. Die Märsche im Ausland managten russische Botschaften und Konsulate. Doch Jana Saugarowa, Organisatorin der Berliner Kundgebung, versichert dem Moskauer Politportal Swobodnaja Pressa, sie und ihre Gesinnungsgenossen gingen selbstständig auf die Straße. Dabei beschwert sie sich wie russische TV-Moderatoren, der Westen wolle die Kriegsgeschichte umschreiben, ihr eigener Sohn lerne in seiner deutschen Schule, die US-Amerikaner hätten den Zweiten Weltkrieg gewonnen. „Ich will diese vergessliche Welt an die realen Helden erinnern, denen wir alles verdanken, unser Leben und den friedlichen Himmel.“

Andere Auslandsrussen ärgern sich über ihre patriotischen Landsleute: „Diese Deppen versammeln sich am Treptow-Park, um den Deutschen zu zeigen: Seht, unsere Befreier haben eure Großmütter vergewaltigt, wir saugen uns hier mit eurer Sozialhilfe voll, na und? Wir vergessen und verzeihen trotzdem nichts“, schimpft eine Facebook-Nutzerin. Andere Kritiker beklagen, außer den Fotos toter Frontsoldaten zögen auch Bilder von Drückebergern, die den Krieg in der Etappe ausgesessen hätten, oder sogar Stalin-Porträts in den Prozessionen mit. In Moskau trug die Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja vor einem Jahr eine Ikone Nikolaus II., des letzten russischen Zaren, vor sich her.

In Tadschikistan wurde das „Unsterbliche Regiment“ diesen Mai verboten: Fotos von Toten durch die Straßen zu tragen, widerspreche den islamischen Gebräuchen, erklärten die Behörden. In der ebenfalls autoritären Nachbarrepublik Usbekistan verzichteten die Organisatoren selbst auf Wunsch der Staatsmacht, „wegen der weltweit komplizierten politischen Lage“. Experten glauben, beide Regimes fürchteten die Entstehung prorussischer „fünfter Kolonnen“.

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew dagegen haben die Behörden den Marsch zugelassen, auch wenn antirussische Publizisten vor gewaltsamen Provokationen warnen. Der krimtatarische Blogger Aider Mudschabajew fordert sogar, die Verbindungen der Organisatoren zum russischen Geheimdienst bloßzulegen, sie festzunehmen und gegen in Russland inhaftierte Ukrainer auszutauschen. „Es reicht, mit denen Demokratie zu spielen, die den Tod unseres Landes wollen.“ Wirklich friedlich ist der Himmel über der früheren Sowjetunion nicht.

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