Vergiftungssymptome

Russland: Der Fall Nawalny als Lehrstück über Putins Macht

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Am Schicksal von Alexej Nawalny wird deutlich: Die Machtstrukturen um Wladimir Putin in Russland sind nicht so homogen, wie sie der westlichen Öffentlichkeit erscheinen.

  • Bei Alexej Nawalny wurde eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer entdeckt.
  • In Russland wird Nawalny seit Langem beschattet.
  • Kreml: Putin hat seinen eigenen Laden nicht mehr im Griff.

Berlin – Die russischen Behörden weigern sich, Ermittlungen im Fall des Oppositionellen Alexej Nawalny aufzunehmen. Nachdem die Ärzte im Berliner Klinikum Charité von einer Vergiftung bei Nawalny gesprochen und die Wirkstoffgruppe einer Substanz genannt haben, die die Vergiftungssymptome ausgelöst hätte, äußerte sich der Kreml-Sprecher verwundert über „die Eile“ dieser Schlussfolgerung. Dmitri Peskow sagte am Dienstag in Moskau, die Ärzte in Deutschland hätten nichts festgestellt, was nicht auch schon die Ärzte in Omsk entdeckt hätten. „Zuerst muss man die Substanz finden, die den Zustand (bei Nawalny, A. d. Red.) verursacht hatte. Das heißt, wir brauchen einen Grund für Ermittlungen.“

Russland: Die Erkenntnisse aus dem Fall Nawalny

Alexej Nawalny: Substanz aus der „Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer“ entdeckt

Laut den Untersuchungen in der Charité ist bei Nawalny „eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer“ entdeckt worden. Die konkrete Substanz sei bislang aber nicht bekannt. Für den Kreml genügt das nicht, polizeilich nachzuforschen, was mit seinem lautesten und bekanntesten Kontrahenten geschehen ist.

In den Tagen seit der Einlieferung Nawalnys in ein Krankenhaus ist unter anderem bekanntgeworden, wie intensiv der 44-Jährige schon seit langer Zeit beschattet wird. Seine Reise nach Sibirien, wo er mit Aktivisten die lokalen und regionalen Wahlen am 13. September besprach, war auf Schritt und Tritt überwacht worden – wo er übernachtete, mit wem er sich traf, wo seine Unterstützer was eingekauft haben und sogar, dass er aus alter Tradition heraus in einem Fluss badete.

Einen detaillierten Bericht darüber veröffentlichte die kreml-treue Zeitung „Moskowskij Komsomolez“. Der Text zeigt zweierlei: Zum einen belegt er, wie viel Aufwand der Kreml betreibt, um den Oppositionellen zu kontrollieren. Und zweitens wirkt er wie ein Beleg dafür, dass die für die Überwachung zuständigen Stellen nichts mit dem Vorfall zu tun haben.

Russland: Alexej Nawalny ist für Kreml nicht das einzige Problem

Gegen Nawalny arbeiten diverse Stellen, darüber schreibt ausführlich das russische Investigativteam „Proekt“. Es sind der Geheimdienst (FSB), das Innenministerium und einige Medien. Nach der Strategie, ihn politisch zu entmachten, wurde er vor allem im kremlhörigen Fernsehen diffamiert. Er wurde nicht nur als ein Agent der USA dargestellt, sondern sogar als ein vom Kreml gedeckter Alibioppositioneller. Seiner Popularität hat das nicht geschadet.

Julia Nawalnaja in Berlin: Ihr Mann Alexej Nawalny wird in der Charité behandelt. Kay Nietfeld/dpa

Für den Kreml ist Nawalny als lauter Kritiker nicht das einzige „Problem“ bei der Unterdrückung der Opposition. Die Frage ist, ob die unterschiedlichen und mit sich rivalisierenden Machtstrukturen des Machtapparats noch steuerbar sind. Rachegelüste gegen einen Aktivisten, der diverse Korruptionsfälle öffentlich gemacht hat, haben nicht wenige in Russland. Wer auch immer hinter dem wahrscheinlichen Anschlag steckt – für den Kreml ist es eher ein Zeichen, dass die Regierung von Wladimir Putin den eigenen Laden nicht mehr im Griff hat. Die mediale Desinformationskampagne und die Gerüchte, Nawalny habe Drogen konsumiert, sollen nur davon ablenken. (Von Viktor Funk)

In der russischen Hauptstadt Moskau ist ein junger Blogger attackiert worden, der als regierungskritisch gilt. Der Kreml sieht keinen Zusammenhang zum Fall Nawalny.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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