1. Startseite
  2. Politik

Putins Rüpel

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

Der Querschläger: Jewgenij Prigoschin. imago images
Der Querschläger: Jewgenij Prigoschin. © Imago

Söldnerunternehmer Jewgenij Prigoschin dient Kremlchef Wladimir Putin schon lange als Mann für diskrete und unsaubere Jobs. Wird er ihm nun gefährlich? Ein Porträt.

Sie möge etwas gegen ihre Alptraumfantasien tun, erklärte der Telegramkanal „Prigoschins Käppchen“ der Journalistin Jekaterina Luschnikowa, die Jewgenij Prigoschin kritische Fragen zur Anwerbung von Strafgefangenen für seine Söldnertruppe zugesandt hatte. „Arzneimittel helfen oder regelmäßiger Sex.“

„Prigoschins Käppchen“-Kanal ist bei der russischen Presse zurzeit große Mode, das neueste Sprachrohr des Großunternehmers und Söldnerführers. Russische Staats- wie Exilmedien überhäufen Prigoschin mit Anfragen, der 61-Jährige antwortet längst nicht auf alle. Und wenn doch, wird er gern zotig. Ein Rüpel, den viele für Russlands größten politischen Kriegsgewinnler halten. Manche Politolog:innen handeln ihn schon als möglichen Konkurrenten Wladimir Putins.

Prigoschin gilt eigentlich als Mann Putins. Auch er stammt aus Sankt Petersburg, trieb in seiner Jugend Sport, Skilanglauf. Aber während Putin Jura studierte, versuchte Prigoschin sich als Gangster. 1981 landete der gerade Zwanzigjährige wegen Diebstahls, Raubes und der Anstiftung Minderjähriger zur Kriminalität hinter Gittern.

Erst 1990 kam er frei, damals begann Russlands wilder Kapitalismus, Prigoschin wechselte ins Unternehmertum, gründete eine Supermarktkette und im April 1996 eines der ersten Luxusrestaurants in Petersburg. Sein großer Treffer aber wurde das 1998 eröffnete „New Island“, eine weitere elitäre Gaststätte auf einem Newa-Dampfer, so elitär, dass sie auch Wladimir Putin gefiel. Der russische Präsident bewirtete hier George Bush Junior und Jacques Chirac, feierte auf der „New Island“ den eigenen Geburtstag. Und Prigoschin bekam seinen berühmten Spitznamen als „Koch Putins“. Der sagte 2018 in einem Interview, er sei mit Prigoschin bekannt. „Aber zu meinen Freunden zähle ich ihn nicht.“ Allerdings gehört Prigoschin zu den Geschäftsleuten, denen Putins Staatsorgane wohlgesonnen sind.

2019 bezifferte die Zeitung Delowoj Peterburg sein Vermögen auf umgerechnet 230 Millionen Euro. Eine eher vorsichtige Schätzung. Von 2011 bis 2019 erhielten Firmen Prigoschins vom Verteidigungsministerium, den Gesundheits- und Erziehungsbehörden laut dem TV-Kanal Current Time knapp 5400 Verpflegungs-, Bau- oder Reinigungsaufträge für umgerechnet etwa 3,5 Milliarden Euro. Nach Medienberichten floss dabei auch viel Schmiergeld. Laut dem Wirtschaftsportal RBK erklärte die föderale Antimonopolbehörde FAS 2017, Prigoschin-nahe Firmen hätten mit dem Verteidigungsministerium Kartellabsprachen über Ausschreibungen im Wert von umgerechnet 30 Millionen Euro getroffen. Aber es gab nicht einmal Bußgelder.

Wohl auch, weil Prigoschin nicht nur für Putin kochen ließ. 2013 gab es erste Medienberichte über die sogenannte „Fabrik der Trolle“, eine Petersburger Internetagentur, die in sozialen Netzen Stimmung für die Staatsmacht machte und sich laut US-Justizministerium auch massiv in die amerikanische Innenpolitik einmischte. Ein Jahr später tauchte im Donbass eine russische Söldnertruppe auf, die sogenannte „Privatmilitärgesellschaft Wagner“, die später auch in Syrien und mehreren afrikanischen Staaten zum Einsatz kam. Und die nun seit Monaten die ostukrainische Stadt Bachmut berennt.

Jahrelang stritt Prigoschin ab, dass er „Wagner“ finanziere: Noch im August verpflichtete ein Moskauer Gericht den Journalisten Alexej Wenediktow, eine entsprechende Aussage zu dementieren. Aber dann tauchten Videos von Prigoschin auf, wie er auf Gefängnishöfen Häftlinge für die Söldnertruppe anwarb. Und Ende September erklärte Prigoschin selbst, er habe „Wagner“ gegründet.

Mehrere Jahre lang war er vor allem Putins Mann für diskrete und eher unsaubere Angelegenheiten, ob massive Schleichwerbung für den Präsidentschaftskandidaten Donald Trump oder Stoßtruppversuche gegen US-Truppen am Euphrat. Jetzt aber ist er selbst zum Lautsprecher geworden, erklärt, welche russischen Generäle in der Ukraine versagt hätten, und verspricht Grenzregionen seine Unterstützung bei ihren Verteidigungsanstrengungen. Er pfeift auf den Moskauer Mainstream, versichert, auch die ukrainischen Soldaten hätten „Eier aus Stahl“. Und er schreckt das Video-Publikum mit Strafgefangenen, die als Freiwillige bei „Wagner“ Arme oder Beine verloren und dafür begnadigt wurden.

Will der beinharte Feldkommandeur künftig selbst Politik machen? Schon zählen Analytiker:innen, über 1,4 Millionen Russ:innen hätten sich auf dem Suchportal Yandex für Prigoschin interessiert, mehr als für Expräsident Dmitri Medwedew. Aber der Moskauer Politologe Boris Meschujew verweist auf Prigoschins Selbstdarstellung. „Er pflegt kein Image, das positive Emotionen erzeugt, mit dem man zur Präsidentschaft kandidieren könnte, sondern das Image des finsteren, aber fähigen Getreuen.“ Ähnlich wie der politisch ebenfalls aussichtslose Tschetschenenchef Ramsan Kadyrow wolle Prigoschin sich vor allem Putin als schrecklicher Mann präsentieren. „In einer Zeit, die schreckliche Männer braucht.“

Prigoschin will in Putins System Punkte sammeln. Sollte der aber überraschend aus dem Amt scheiden, könnte ein energischer Grobian mit eigenen Kampftruppen bei der Nachfolgefrage durchaus ein Wort mitzureden haben.

Auch interessant

Kommentare