Atlantik

Putins Machtspiel am Meeresgrund

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Nato registriert große U-Boot-Aktivitäten.

Marinesoldaten der Nato glaubten anfangs ihrer eigenen Aufklärung nicht, als sich Mitte Oktober dieses Jahres im Nordatlantik ein sehr ungewöhnliches Bild ergab. Ein ganzer Schwarm moderner russischer U-Boote stieß durch das Gebiet zwischen Grönland, Island und Großbritannien – die sogenannte GIUK-Lücke – nach Westen vor und verschwand in große Tiefe. Erst eine offene Machtdemonstration, dann ein Versteckspiel: Was genau, fragen sich bis heute die Strategen der Nato, plant Russlands Präsident Wladimir Putin unter dem Meer?

Eines zumindest steht fest: Die Sache ist kein Einzelfall. Die Nato hat in diesem Jahr die größten Aktivitäten russischer U-Boote seit dem Ende des Kalten Krieges beobachtet. Im Brüsseler Hauptquartier der Allianz wird deshalb intensiv über eine Nachrüstung auf See diskutiert.

„Russland verstärkt kontinuierlich seine Operationen unter Wasser, sagt Nato-Sprecherin Oana Lungescu. Besonders betroffen seien der Nordatlantik und die Norwegische See. Die Nato werde darauf reagieren, unter anderem mit mehr Patrouillen. Zudem werde man in moderne U-Boot-Bekämpfung aus der Luft investieren. Der Nordatlantik bleibe mit Blick auf militärische Nachschubrouten, zivile Handelswege und Kommunikationskanäle „von vitaler Bedeutung für die Sicherheit Europas“.

Inoffiziell heißt es in Nato-Kreisen, Putin wolle die oft beschworene Gemeinschaft zwischen EU und USA genau in jenem Meer massiv stören, nach dem das Bündnis benannt ist: im Atlantik. Sorgen machen der Nato vor allem die von den U-Booten startbaren Raketen. In den vergangenen Jahren gab es bemerkenswerte technologische Verbesserungen: die U-Boote sind sehr viel leiser, die Raketen zugleich schneller als bisher. In diesen Tagen testet Russland gerade ein schwer aufzuspürendes Upgrade der U-Boote der Borei-Klasse. Die Schiffe sollen im Laufe des Jahres 2020 Überschall-Raketen des Typs Zirkon bekommen – von denen noch nicht genau feststeht, ob gegenwärtige westliche Abfangsysteme sie überhaupt aufhalten können. Nähern sich die so bewaffneten Boote den Küsten im Westen der EU oder der Ostküste der USA, könnte schlagartig eine neue strategische Situation entstehen. Russland, heißt es in internen Nato-Analysen, wolle offenbar weltweit in der Lage sein, militärische Schläge auszuführen und insofern mit den USA gleichziehen – auch unterhalb der Schwelle einer nuklearen Auseinandersetzung.

Hybride Kriegsführung

Auch gehe es darum, die Nato-Nachschubwege zu unterbrechen, etwa durch begrenzte Attacken mit Fernlenkwaffen auf Ziele wie Verladeeinrichtungen der US-Armee in Bremerhaven. Die russische Marine könne, wenn sie zugleich die Ostsee abriegele, etwa in einem Konflikt rund um die baltischen Republiken die strategische Lage in Europa grundlegend zugunsten Moskaus verschieben. Dies zeige einmal mehr die uralte Wahrheit, dass Macht über Länder nur habe, wer Macht übers Meer hat.

Zu den bei der Nato kursierenden Szenarien gehört auch, dass russische U-Boote die Unterseekabel zwischen den USA und Europa kappen. Durch diese Kabel fließt der größte Teil der Internetkommunikation. Attacken dieser Art könnten Teil einer hybriden Kriegsführung sein, also einer Mischung offener und verdeckter Kriegshandlungen. „Seabed Warfare“ (Krieg auf dem Meeresgrund) gilt als großes kommendes Thema – wobei westliche High-Tech-Firmen bereits in froher Erwartung neuer Rüstungsgeschäfte in Stellung gehen. So sollen die deutlich leiser gewordenen russischen U-Boote von deutlich empfindlicher gewordenen westlichen Sensorketten aufgespürt werden. Gedacht ist zudem an Kampfroboter, die U-Boote ins Visier nehmen: möglichst autonom, gestützt auf künstliche Intelligenz.

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