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Putins Erzählungen

Für Russlands Präsidenten unterstützen Araber massiv tschetschenische Kämpfer - die Rebellen bestreiten das

Von Florian Hassel (Moskau)

Als Wladimir Putin kürzlich Nato-Generalsekretär George Robertson im Kreml empfing, zeigte sich Russlands Präsident überzeugt: Die Terroranschläge, die kurz zuvor erst das tschetschenische Dorf Snamenskoje und wenig später vier Wohnhäuser in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad erschüttert hatten, trügen "hier wie dort die absolut gleiche Handschrift". An diesem Tag verbreitete die Pressestelle des Inlandsgeheimdienstes FSB die Meldung: "Die Explosion im tschetschenischen Dorf Snamenskoje hat eine arabische Spur." In der offiziellen Sicht, die der Kreml seit dem 11. September 2001 erfolgreich verbreitet, befindet sich Russland in Tschetschenien im "Kampf gegen den internationalen Terrorismus".

Der Moskauer Militärexperte Pawel Felgenhauer dagegen glaubt, der Kreml sei Opfer eigener Propaganda: "Einige Fraktionen des tschetschenischen Widerstands mögen Hilfe und freiwillige Islamistenkämpfer aus dem Ausland als Hilfe annehmen, doch die Hauptquelle des tschetschenischen Widerstandes ist intern. In erster Linie ist er das Produkt der ständigen unbestraften Attacken von Todesschwadronen der russischen Geheimdienste." Gewiss ist richtig, dass ausländische Islamisten seit Jahren an der tschetschenischen Rebellion beteiligt sind. Nachdem Moskaus Truppen sich Ende 1996 am Ende des ersten Tschetschenien-Kriegs geschlagen zurückgezogen hatten, kamen Islamisten ins Land, die sich das Handwerk für den Krieg im eigenen Land beibringen lassen oder in der Kaukasusrepublik den in Afghanistan begonnenen Heiligen Krieg gegen die Russen weiterführen wollten. Schamil Bassajew, neben Präsident Aslan Maschadow der bekannteste Rebellenführer, schloss eine enge Allianz mit dem aus Saudi-Arabien oder Jordanien stammenden Chattab und näherte sich nach und nach der Ideologie eines radikaleren Islam. Nach Angaben des Moskauer Spic-Zentrums ist Chattab, der zu einem berüchtigten Gegner der Russen werden sollte, Sprössling einer Jahrzehnte zuvor vor russischen Repressionen nach Jordanien geflohenen tschetschenischen Familie.

Beim Dorf Serschen-Jurt, 45 Kilometer östlich der tschetschenischen Hauptstadt Grosnij, wandelten Bassajew und Chattab das mehrere Quadratkilometer große sowjetische Kindererholungslager "Kleiner Adler" zum Trainingslager für Islamisten um, komplett mit Schützengräben und Unterständen, Unterrichtsräumen und Großküchen. Wohl tausende Islamisten aus Tschetschenien und den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens, aus Afghanistan und Pakistan, Bosnien, der Türkei und arabischen Ländern wurden dort unterrichtet, berichteten die Dorfbewohner.

Nachdem allerdings im Herbst 1999 der zweite Tschetschenienkrieg begann, machten sich viele der ausländischen Islamisten aus dem Staub. Der Tschetschenien-Pressedienst des Kreml verbreitet immer noch eine Liste angeblich in Tschetschenien getöteter Ausländer, die momentan 101 Namen umfasst. Der Washington Post zufolge stellten US-Ermittler einen Weg der Finanzierung für die tschetschenischen Rebellen fest: Demnach erhielten sie etwa Geld von der in Chicago registrierten "Benovolence International Foundation". Im Büro dieser angeblichen Stiftung in Bosnien hätten US- Ermittler Briefe an und von Osama bin Laden gefunden. In einem Brief habe bin Laden erklärt: "Die Zeit für eine Attacke auf Russland ist gekommen."

Gewiss nahmen die Tschetschenen jede Hilfe an, die sie bekommen konnten. Auch im georgischen Pankisi-Tal fanden bis Sommer 2002 nicht nur tschetschenische Rebellen, sondern auch arabische Islamisten Unterschlupf. Doch die Ziele von Tschetschenen und Arabern unterschieden sich. "Die Araber interessieren sich für ihren weltweiten Dschihad, während wir ums Überleben kämpfen", sagte ein Rebellenkommandeur einem Time-Reporter. Zugleich sei die Zahl arabischer Islamisten über einige Dutzend nicht hinausgegangen, wie Augenzeugen und Georgiens Sicherheitsminister Walerij Chaburdsania berichteten. In Tschetschenien selbst gibt es heute unzweifelhaft ausländische Islamisten, die an der Seite der Tschetschenen kämpfen. Zwar wurde Rebellenkommandeur Chattab im Frühjahr 2002 durch einen FSB-Agenten mit einem vergifteten Brief getötet. Doch seine Stelle übernahm sein Stellvertreter Abu Walid.

Für die Terroranschläge, bei denen Mitte Mai in den Dörfern Snamenskoje mehr als 70 Menschen starben, übernahm schließlich Rebellenkommandeur Schamil Bassajew, der mittlerweile den islamischen Kampfnamen Abdallach Schamil Abu- Idriss angenommen hat, in einem von seinem Internetdienst kavkazcenter.com verbreiteten Interview die Verantwortung. Bassajew bestätigte auch, dass er einen Sprengstoffanschlag auf das Regierunsgebäude in Grosnij organisiert habe, bei dem am 27. Dezember 2002 mehr als 70 Menschen starben. "Ich habe persönlich auf den Knopf der Fernsteuerung gedrückt, die den Sprengsatz auslöste", sagte Bassajew. Die bisherigen Anschläge seien "nur ein kleiner Teil der von uns für dieses Jahr geplanten Operationen unter dem Codenamen , Tod dem Antiterror‘ ".

Die Rebellen bestritten, dass an den Sprengstoffanschlägen arabische oder andere ausländische Islamisten teilnehmen. Es gebe genügend Tschetschenen, deren Angehörige von den Russen getötet wurden und die nun Kamikaze-Attentate machen wollten. "Sie bekommen dafür in der Regel zwanzig- bis dreißigtausend Dollar, mit denen sie ihre Familie in Sicherheit bringen können und sie versorgt wissen", sagte ein Rebell der FR. "Manche erklären sich auch ohne Geld zum Kamikaze-Attentat bereit, um sich an denjenigen zu rächen, die ihren Sohn entführt und ermordet haben."

Nach Dokumenten der tschetschenischen Verwaltung sind 2002 jeden Monat mehr als 100 Zivilisten entführt und ermordet worden. Daran hat sich in diesem Jahr wenig geändert, gab Ende April Rudnik Dudajew, Sekretär des tschetschenischen Sicherheitsrates, im lokalen Fernsehen zu. Russische Einheiten "fahren in Schützenpanzern mit verdeckten Nummernschildern in die Dörfer, ohne sich vorzustellen. Sie entführen die Menschen, ohne zu sagen, wohin sie sie bringen." Die überwältigende Mehrheit der Entführten seien "gesetzestreue Bürger".

Präsident Putin zeichnet indes ein gänzlich anderes Bild. Mit keinem Wort erwähnte er kürzlich in seiner Rede zur Lage der Nation Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien. Vielmehr befinde sich das Land auf dem Weg zum Frieden. Mit dieser Version findet Putin jüngsten Meinungsumfragen zufolge allerdings immer weniger Glauben bei der russischen Bevölkerung. Die nach der Geiselnahme im Moskauer "Nordost"-Musical angestiegene Zustimmung für Militäreinsätze ist seitdem wieder gesunken.

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