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Russland

Auftritt im russischen Staatsfernsehen: Putin als Vater der Nation

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Russlands Präsident Wladimir Putin hört sich Fragen der Menschen an, verspricht 1300 neue Schulen und jede Menge Hilfe – aber Corona streift er nur.

Moskau – Eine der ersten Fragen galt dem Coronavirus und den wenig klaren Regeln zu seiner Bekämpfung. Er sei gegen Zwangsimpfungen, antwortete Wladimir Putin, 23 Millionen Russen seien ja schon geimpft. „In der Hinsicht ist bei uns alles in Ordnung.“ Auch wenn die vaterländische Impfrate mit knapp 16 Prozent zu den niedrigsten in Europa gehört, kam Russlands Staatschef ins Plaudern: Er habe sich ja auch impfen lassen, im März, als in Russland zwei Impfstoffe auf dem Markt waren: Sputnik V und EpiWakKorona. Und er sei damals gebeten worden, darüber zu schweigen, welches Vakzin er gewählt habe, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Beides seien gute Impfstoffe, so Putin, Sputnik V aber biete etwas länger Immunität. Jetzt gab er dem Volk sein Geheimnis preis: Er habe sich mit Sputnik V impfen lassen. „Dabei richtete ich mich weniger nach den Ärzten als nach den Erfahrungen meiner Bekannten.“

Am Mittwoch veranstaltete Wladimir Putin seine achtzehnte TV-Live-Show „Direkte Linie“. Alle staatlichen Kanäle strahlten den Dialog zwischen Präsident und Volk aus, diesmal ohne Studiopublikum aus Musterbürger:innen und Prominenten. Nur zwei junge Journalistinnen flankierten ihn, mit langen offenen Haaren, die eine blond, die andere brünett. Dafür noch unmittelbarer: Aus den Regionen gab es diesmal keine von TV-Journalist:innen moderierten Live-Zuschaltungen mit mehr oder weniger ausgewählten Einzelpersonen, Fabrikbelegschaften oder Familien. Die kommunizierten mit Putin und der Fernsehnation diesmal direkt über ihre Smartphones.

Wladimir Putin hört sich fast vier Stunden lang die Klagen und Fragen von Russ:innen an.

Auftritt von Putin im Staatsfernsehen: Corona-Pandemie bleibt Randthema

Unklar, ob auch das Covid-19 geschuldet ist. Gestern brachen die Pandemiezahlen in Russland mit über 21 000 neuen Fällen und 669 Toten wieder neue Rekorde. Aber in der drei Stunden und 44 Minuten dauernden „Direkten Linie“ blieb der Virus eher Randthema. Offensichtlich auch, weil im September in Russland Duma-Wahlen stattfinden. Deshalb erwarteten Politologen in Moskau schon vor der Liveshow, dass Putin sich dort vor allem den wirtschaftlichen und sozialen Nöten der Leute widmen würde. Und dazu gehört der Kampf gegen das Corona-Virus nur beschränkt.

Die ausgewählten Fragen bestätigten das: „Eines der größten Probleme im Land sind die ungerechten Tarife für Wohnnebenkosten“, erklärte eine Volontärin aus der Telefonzentrale. Ein Sibirier aus der Region Tjumen beklagte sich über eine Monatsrechnung für eine 70-Quadratmeter-Eigentumswohnung von über 1000 Dollar. „Ich verspreche“, Putin legte die Stirn in Runzeln, „wir werden das klären.“ Ebenso stellte der Präsident einem Schafzüchter in der Republik Inguschetien Pachtland in Aussicht, und einem Bürger aus dem westrussischen Pskow eine bessere Warmwasserversorgung. Und die Nachrichtenagentur Tass meldete schon während der Sendung, die Staatsanwaltschaft der Region Astrachan habe eine Überprüfung gestartet, nachdem sich eine Mutter bei Putin über ausbleibendes Kindergeld beschwerte.

Wahlgeschenke, live verkündet: Putins große Versprechen an Russland

„Das war eine Vorwahlveranstaltung“, sagt der Moskauer Politologe Juri Korgonjuk der FR. „Es gibt kaum Erfolge, die Euphorie nach dem Krim-Anschluss 2014 ist verflogen, also kehrt Putin wieder einmal den Vater der Nation heraus. Er hört sich die Probleme der kleinen Leute an und verspricht ihnen Abhilfe, bietet ihnen quasi das politische Kleingeld an.“ Es gab Wahlgeschenke. Etwa die 4000 Schulen, die komplett renoviert, die 1300 Schulen, die neu gebaut werden sollen.

Oder das „Gesetz zum Schutz des Mindesteinkommens von Schuldigern“, das Putin gerade erst unterschrieben hat. Es soll vor allem russische Verbraucher:innen schützen, die Kredite nicht mehr zurückzahlen können: „Wenn jemand nur noch eine Summe auf dem Konto hat, die das Existenzminimum nicht übertrifft, darf die Bank sein Guthaben nicht mehr antasten.“ Dieses Gesetz sei auf Initiative der Staatspartei „Einiges Russland“ verabschiedet worden, winkte der Präsident den Wahlberechtigten mit dem Zaunpfahl.

„Selbst wenn wir das Schiff versenkt hätten“: Putin lässt Fragen unbeantwortet

Außen- und wehrpolitisch verbreitete er diesmal Gelassenheit. Zwar verkündeten die Moderatorinnen, die teils schlechte Internetverbindung mit Sibirien sei Folge ausländischer Hackerattacken, Putin aber beruhigte die Öffentlichkeit: Russlands Verteidigungspotenzial sei inzwischen „in einigen Parametern“ dem der USA überlegen. Die Weltordnung werde sich günstig entwickeln, das Verhältnis zu den USA sich normalisieren.

Auch die russischen Warnschüsse auf ein britisches Kriegsschiff vor der Krim vergangene Woche hätten die Menschheit keineswegs an den Rand eines Weltkrieges gebracht, beteuert Putin: „Selbst wenn wir dieses Schiff versenkt hätten“. Manche Frage aber blieben unbeantwortet. Auch, was die Corona-Impfung des Präsidenten angeht. Viele Russ:innen beweifeln, dass sich Putin überhaupt impfen ließ, weil es keine Fotos oder Videos davon gibt. „Ich glaube nicht, dass es so wichtig ist, ein Video zu zeigen“, versicherte der Staatschef. (Stefan Scholl)

Rubriklistenbild: © dpa

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