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Putins anderer Krieg

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Von: Johannes Dieterich

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Russische Söldner auf dem Weg zu ihrem nächsten Einsatz im Norden Malis.
Russische Söldner auf dem Weg zu ihrem nächsten Einsatz im Norden Malis. © dpa

Der lange Arm Moskaus reicht bis in den Sahel, wo Malis Militärmachthaber moralische europäische Ideale gegen blutigen russischen Pragmatismus eintauschen.

Rabat – Ali spricht leise, aber bestimmt und ohne zu stocken. „Ich weiß nicht, wie viele sie getötet haben“, sagt der Farmer aus Moura, der nicht Ali heißt, den wir hier zu seiner Sicherheit aber so nennen. „Vielleicht waren es 200. Es könnten aber auch 400 oder sogar 600 gewesen sein.“ Er habe versucht, die Schüsse zu zählen, mit denen die Soldaten ausgesonderte Männer exekutierten. „Aber bei dem Gedanken, dass womöglich gerade jemand dran war, den ich kannte, geriet ich völlig durcheinander.“ Dass der Zeuge des jüngsten und bislang schlimmsten Massakers im westafrikanischen Unruhestaat Mali bei seiner Schilderung des Blutbads absichtlich übertreibt, ist unwahrscheinlich. Denn Ali hat gegen die Hinrichtung der angeblichen Dschihadisten durch malische Soldaten und ihre russischen Helfer gar nichts einzuwenden. „Sie haben uns jahrelang schikaniert“, sagt der Vater von vier Kindern: „Die Dschihadisten haben es nicht anders verdient.“

Ali trägt einen zweiteiligen Boubou, das traditionelle Gewand westafrikanischer Männer, und hat um seinen Kopf ein rotweißes Palästinensertuch geschlungen. Seine mächtige Armbanduhr aus falschem Gold und ein silberner Ring an seinem Mittelfinger lassen darauf schließen, dass der Angehörige des Fulani-Volkes nicht am Hungertuch nagt. Sein archaisches Handy markiert allerdings die Grenze des Wohlstands.

Gräueltaten in Mali: „Sie fingen sofort an zu schießen“

Während Butscha weltweit der neue Inbegriff militärischer Grausamkeit geworden ist, bleibt Moura dieser zweifelhafte Ruhm erspart – obwohl die kaltblütige Vorgehensweise und die Zahl der Opfer in dem Städtchen am Fluss Niger mit denen in dem Vorort Kiews durchaus vergleichbar sind. Zufällig fanden die beiden Gräueltaten auch fast zeitgleich statt. Ali hatte sich am Sonntag, 27. März, auf den Wochenmarkt in Moura begeben, als er – ungefähr um elf Uhr morgens – die Rotorgeräusche von Hubschraubern hörte. Gleich sechs seien am Himmel aufgetaucht, erzählt der Farmer: Sie seien schließlich an verschiedenen Enden des Städtchens gelandet. Aus dem Helikopter, den er sah, seien Männer mit bleichen Gesichtern gesprungen: „Sie fingen sofort zu schießen an.“

Näheres über die Identität der hellhäutigen Kämpfer kann Ali nicht sagen – er sei so schnell wie möglich nach Hause gerannt. Später habe er jedoch beobachtet, dass sich die fremden und die malischen Soldaten nicht mit Worten, sondern mit Zeichen verständigten. Alles spricht dafür, dass es sich bei den Hellhäutigen um Angehörige der russischen Wagner-Truppe handelte.

Mali: Was wird aus der UN-Mission?

Malis Regierung bestreitet beharrlich die Präsenz der Söldner im Land, auch die Verantwortlichen der UN-Mission Minusma halten sich noch immer bedeckt mit solchen Aussagen: „Wir müssen vorsichtig sein“, sagt die stellvertretende Missionschefin Daniela Kroslak. Eigentlich sollte ein UN-Team die Vorgänge in Moura untersuchen, doch die Regierung gab nicht ihr Einverständnis. Schlechte Voraussetzungen für die anstehende Bundestags-Entscheidung über die Verlängerung des Einsatzes von mehr als 1000 deutschen Soldatinnen und Soldaten – deren Offiziere fragen sich, wie sie mit Streitkräften kooperieren sollen, die zusammen mit russischen Söldnern die eigene Bevölkerung massakrieren.

Als die Söldner schießend aus ihren Helikoptern sprangen, hätten die Moura schon seit Jahren beherrschenden Dschihadisten auch gleich das Feuer erwidert, erzählt der Farmer Ali. Bis tief in die Nacht hinein habe man immer wieder Feuergefechte hören können. Anderntags sei es ruhiger geworden, doch dann zogen plötzlich Soldaten mit Megafonen durch das rund 10 000 Menschen zählende Städtchen und forderten alle männlichen Bewohner auf, sich am Fluss zu versammeln.

Moura liegt in der wohl fruchtbarsten Region des Landes: im Binnendelta des Niger. Das eine Million Quadratkilometer große Feuchtgebiet wird schon seit Jahrhunderten von verschiedenen ethnischen Gruppen bewohnt: Die Bozo gehen der Fischerei, die Donzo der Jagd, die Bambara der Landwirtschaft und die Fulani der Viehzucht nach. Um sich das labile und zwischen Trocken- und Regenzeit völlig unterschiedliche Biotop teilen zu können, hatten die Völker Regeln zu seiner Nutzung ausgetüftelt, die allerdings – erst von französischen Kolonialherrn und dann von der Elite des unabhängig gewordenen Staates – durcheinandergebracht wurden. Franzosen wie Malier hätten den Reisanbau begünstigt und ihr nomadisches Leben an den Rand gedrängt, klagen die Fulani. Ein Trend, der von den Klimaänderungen der vergangenen Jahrzehnte noch verschlimmert wurde.

Massengräber „unter falscher Flagge“

Die malische Militärjunta beschuldigt die französische Armee der „Spionage“ und „Subversion“. Sie habe „gefälschte“ Drohnenbilder veröffentlicht und die malischen Streitkräfte „der Tötung von Zivilisten beschuldigt und so ihr Image geschädigt“, verlautbarte die Regierung am Dienstagabend.

Die Kritik der Putschisten bezieht sich auf Bilder vom Stützpunkt Gossi im Zentrum des Landes. Die französischen Truppen hatten die Basis vor einer guten Woche geräumt und kurz darauf Bilder veröffentlicht, die angeblich russische Söldner zeigten, die offenbar in der Nähe des Stützpunkts Leichen verscharren – laut Paris in der Absicht, die französischen Einheiten eines Kriegsverbrechens zu beschuldigen.

Kurz darauf nämlich verkündete die malische Armee den Fund eines Massengrabs nahe der Basis. „Der fortgeschrittene Verwesungszustand der Leichen deutet darauf hin, dass dieses Massengrab schon lange vor dem Rückzug (der französischen Truppen) existierte“, behauptete Bamako damals. Am Dienstag kündigte die malische Militärjustiz eine Untersuchung „zur vollständigen Aufklärung“ an.

Die französische Regierung hatte im Februar den Abzug ihrer Truppen aus dem westafrikanischen Land beschlossen. Grund waren Spannungen mit der Junta, die vom Westen beschuldigt wird, die Dienste der Wagner-Gruppe in Anspruch zu nehmen. Wagner wird vom Westen als verlängerter Arm der russischen Regierung gesehen.

Mit den Klagen der Fulani nahm auch ihre Bereitschaft zur Gewalt zu – eine willkommene Gelegenheit für aus Nordafrika einsickernde Extremisten. Fast das gesamte Binnendelta – die Macina – wird schon seit Jahren von Mitgliedern der vom Prediger Hamadoun Kouffa gegründeten „Katiba Macina“ beherrscht: Die Gruppe hat sich mit „Al-Kaida im Maghreb“ verbündet. Für viele in Mali sind „Fulani“ und „Dschihadist“ inzwischen synonym.

Zum Leidwesen Alis, der mit den jungen Extremisten nichts zu tun haben will. Sie suchten anderen vorzuschreiben, was sie zu glauben, wann sie zu beten und wie sie sich anzuziehen hätten: Frauen verschleiert und Männer mit Hosen, die nicht die Knöchel bedecken, beschreibt es der rund 40 Jahre alte Bauer. Nun wurde den Dschihadisten in Moura ihr Kleidungsstil zum Verhängnis: Nachdem die Soldaten alle Männer des Städtchens zusammengetrieben hatten, sortierten sie die Vollbartträger mit den abgeschnittenen Hosenbeinen aus.

Vom Westen allein gelassen?

Mali holt sich Hilfe aus Russland

Ali hatte das Glück, in der größeren Gruppe zu landen, die die nächsten drei Tage von Soldaten bewacht in der prallen Sonne am Rand des Wassers zubringen mussten. Hin und wieder kamen Frauen aus dem Dorf, um den Gefangenen Wasser und Essen zu bringen. Die Dschihadisten seien dagegen in ein Feld hinter dem Friedhof geführt worden, berichtet Ali. Von dort seien dann immer wieder einzelne Schüsse zu hören gewesen – jeder habe gewusst, was vor sich ging.

Bevor die Soldaten genauso plötzlich verschwanden, wie sie gekommen waren, habe ihr Kommandant noch eine Ansprache an die Arretierten gehalten, fährt Ali fort. Darin habe er sich mehrmals für die Vorgänge der vergangenen Tage entschuldigt. Während der Farmer nach seiner Freilassung sofort nach Hause ging, schauten sich andere das Feld hinterm Friedhof an: Dort sollen Dutzende verkohlte Leichname gelegen haben, viele von ihnen mit gefesselten Händen. Warum die Soldaten ihre Opfer nach der Hinrichtung angezündet haben, weiß auch Ali nicht zu sagen. „Vielleicht zur Abschreckung?“, rätselt er. Im Internet kursieren Bilder von den verkohlten Leichen.

Ali kratzte alles Geld zusammen, um Moura verlassen zu können. „Stark traumatisiert“ suchte er zunächst Zuflucht in der knapp 40 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Mopti, die von Blauhelmen aus dem Senegal gesichert wird. Von Mopti aus machte er sich auf den Weg in die Hauptstadt Bamako, wo er nun in der Umgebung eines Viehmarktes ausharrt, den sich Hunderte von Flüchtlingen seit Jahren mit zum Verkauf angebotenen Tieren teilen. Gehege, in denen sich abgemagerte Kühe, riesige Widder oder Esel drängeln, wechseln sich mit den notdürftig errichteten Hütten der Heimatlosen ab. Immer wieder werden Alis Worte vom Kikeriki eines Hahns, dem Blöken eines Schafs oder dem Meckern eines Ziegenbocks übertönt.

Noch während des Gesprächs klingelt Alis Mobiltelefon: Er erfährt, dass einer seiner Neffen am Tag zuvor in Moura umgebracht wurde. Sein Entsetzen hält sich in Grenzen – der ums Leben Gekommene soll ein Dschihadist gewesen sein. Im Gegenzug wurde Mouras stellvertretender Bürgermeister von Dschihadisten ermordet. Die Spirale der Gewalt dreht sich auch nach dem Massaker.

Mali: Regierung „neutralisiert“ 203 Menschen

Malis Regierung räumt ein, bei der „Militäraktion“ in Moura 203 Personen „neutralisiert“ zu haben – ausschließlich „Terroristen“, von zivilen Opfern ist ebenso wenig die Rede wie von Exekutionen. Bei der Lösung der zunehmenden Probleme des Landes setze Bamako ausschließlich auf militärische Mittel, klagt Minusma-Vizechefin Kroslak. Zweifellos werden die herrschenden Putschisten darin auch von ihren russischen Söldnern bestärkt, die für ihre Bezahlung von zehn Millionen US-Dollar im Monat schnelle Erfolge vorweisen wollen. Auf welche Weise ihre vermeintlichen Siege auch immer zustande kommen.

Dass sich der „Terrorismus“ – vor allem wenn es sich um ein derart kompliziertes Geflecht wie das in Mali handelt – nicht mit militärischen Mitteln besiegt werden kann, diese Erkenntnis mag sich inzwischen in aller Welt herumgesprochen haben. Außer in Mali selbst. Das muss bei der Entscheidung über die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes eine Rolle spielen. (Johannes Dieterich)

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