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"Verhalten wie im Krieg": Matthias Platzeck

Matthias Platzeck

Der Putin-Versteher

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  • Katja Tichomirowa
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Matthias Platzeck versucht als Chef des Deutsch-Russischen Forums die angeschlagenen Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu kitten.

Beginnen wir mit der Frage, die am Ende dieses langen Gesprächs naheliegt: Sind Sie eigentlich stur, Herr Platzeck? Matthias Platzeck lehnt sich ein wenig zurück in seinem Stuhl an dem kleinen Besprechungstisch und sagt erst einmal: „Nö.“ Ein kleines kokettes Lächeln spielt um seinen Mund. Dann erzählt er eine Geschichte über seine Großväter. Der eine war Pfarrer in der DDR, der andere bekennender Sozialdemokrat. Im Jahr 1970 wurde er 75 und war immer noch als alter SPD-Mann in Thüringen bekannt. „Während wir an seinem Geburtstag zusammensaßen, klingelte es“, erzählt Platzeck. „Die SED-Kreisleitung stand vor der Tür mit einem großen Präsentkorb und warmen Worten über den verdienten Arbeiterfunktionär. Er hat sie fortgeschickt mit den Worten: Ulbrichts Leute kommen mir nicht über die Schwelle. Das fanden wir jungen Leute so etwas von beeindruckend!“ Seine Mutter habe dann Angst gehabt, dass daraus sonst was werden könnte. „Aber wir waren auf unseren Großvater einfach stolz. Der war stur. So etwas prägt. Und als Pfarrer in der DDR musste mein anderer Großvater auch ein bisschen stur sein.“

Somit wäre also geklärt, woher eine Charaktereigenschaft des Mannes rührt, der als Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums im Zentrum der Debatte um den richtigen Umgang mit Russland und dessen Präsidenten Wladimir Putin steht. Und den manche, nicht zuletzt in der Bundesregierung und wohl auch in seiner SPD, in dieser Frage eben für unangemessen stur halten. Für einen Putin-Freund und -Versteher, um das deutlich zu sagen. Für einen, der die deutsche Außenpolitik, für die auch und gerade sein Freund Frank-Walter Steinmeier steht, immer wieder konterkariert mit Forderungen, mehr Verständnis für die russische Seite aufzubringen und jüngst sogar, die Annexion der Krim doch besser erst einmal zu akzeptieren.

Genervt, ärgerlich

Wenn man mit Platzeck in seinem Büro im Potsdamer Landtag spricht, einem Büro, das die SPD-Fraktion dem einstigen Ministerpräsidenten zur Verfügung stellt, spürt man schnell, wie angefasst er von dieser Debatte ist. Manche Antwort klingt ärgerlich, genervt. Auch ein sturer Mensch kann dünnhäutig sein. Und eigentlich gilt Matthias Platzeck als harmoniesüchtig. Da ist es anstrengend, über Monate in einer Konfliktsituation zu stecken. Vor einem Jahr hatte das alles noch viel einfacher ausgesehen. Da übernahm Frank-Walter Steinmeier, der schon in der ersten großen Koalition eine neue Öffnung gegenüber Russland konzipiert hatte, wieder das Auswärtige Amt. Zum Koordinator der Zusammenarbeit mit Russland berief er seinen damaligen Staatsminister Gernot Erler, der seit Hans-Jochen Vogels Zeiten die Beziehungen der SPD zu den Russen pflegt. Und als neuer Chef des Deutsch-Russischen Forums trat Matthias Platzeck an. Dann aber brach mit dem Umschwung in der Ukraine ein in dieser Schärfe völlig ungeahnter Konflikt mit dem Land Wladimir Putins auf. „Das hatten wir uns schöner vorgestellt“, sagt Platzeck.

An seiner Nähe zu Steinmeier habe der Konflikt nichts geändert. „Wir reden viel, setzen uns auseinander, manchmal mit unterschiedlichen, meistens mit gemeinsamen Sichten.“ Er habe nicht den Eindruck, dass der Außenminister einen besonderen Leidensdruck verspüre, weil prominente Sozialdemokraten ohne politisches Amt von Helmut Schmidt über Egon Bahr bis zu Gerhard Schröder die Russlandpolitik der Bundesregierung eher kritisch denn wohlwollend verfolgen.

Der Blick fällt auf ein Foto von Willy Brandt an der Wand des bescheidenen Büros, das den Kniefall von Warschau zeigt. Brandt habe seine Ostpolitik 1968 in den Monaten nach dem Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei entwickelt, sagt Platzeck. „Das war damals auch antizyklisch, schien paradox, wurde scharf kritisiert – und war am Ende doch sinnvoll und richtig.“ Auf Willy Brandt berufen sich beide Seiten in diesem sehr deutschen Konflikt über den richtigen Umgang mit Putins Russland. Der entscheidende Unterschied sei, dass es damals darum ging, die Grenzen in Europa unantastbar zu machen und Putin heute das ganze Gegenteil betreibe, sagen die Russlandkritiker. Brandt sei so erfolgreich gewesen, weil er stets die Position der Gegenseite mitgedacht habe, sagt Platzeck. Und das fordert er nun auch von den handelnden Politikern.

"Ich bin ein freier Mensch"

Und sein Freund, Frank Walter Steinmeier? Der habe eine fast monströs zu nennende Aufgabe, sagt Platzeck, er müsse versuchen, die Sichtweisen und Interessen von 27 anderen EU-Staaten mit den deutschen auf einen Nenner zu bringen und gegenüber den Russen zu vertreten. „Ich bewundere die Geduld und die Klugheit, mit der er zu Werke geht.“ Steinmeier könnte und dürfte die Dinge gar nicht so angehen, wie er, Platzeck, das tue. Der andere sei eng eingebunden in die Pflichten seines Amtes, seiner Koalition. „Ich bin ein freier Mensch auf freiem Grund.“ Fast trotzig klingt das jetzt, wie eine Parole aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung, in der Platzeck einst seine politische Karriere begonnen hat und die ihn bis heute prägt.

Seine Sympathien für Russland aber sind noch älter. Anders als manch andere DDR-Bürger hat er gute Erfahrungen mit den dort stationierten Russen gemacht. Sie waren Nachbarn in den Häusern links und rechts, als er mit seinen Eltern ganz in der Nähe der Grenze an der Glienicker Brücke in Potsdam wohnte. Platzecks Familie kaufte in russischen Läden ein, und seine Russischlehrerin begeisterte mit Büchern und Filmen aus dem großen Land im Osten.

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Ein einschneidendes Erlebnis hatte er dann im Frühjahr 1989, als Potsdamer Bürgerinitiativen, darunter Platzecks „Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung“ ein alternatives Kulturfest organisieren wollten. Das Vorhaben war den Behörden suspekt, sie versuchten es mit immer neuen Auflagen zu verhindern. Schließlich wurde eine Versorgung mit heißem Wasser auf dem Festgelände verlangt, aus hygienischen Gründen. „Da waren wir wirklich am Ende, das konnten wir nicht organisieren“, erzählt Platzeck. „Aber wir sind dann zum sowjetischen Stadtkommandanten gegangen, der hat sich das angehört und gesagt: Ich schicke Euch Soldaten mit einer Gulaschkanone. Da waren die Offiziellen hier platt. Die haben die Welt nicht mehr verstanden. Im Stasi-Protokoll, das wir dann später lesen konnten, stand: Es war leider ein Erfolg. Statt fünfhundert sind dreitausend Leute gekommen und die Russen haben Tee gekocht.“ Das sei eine große Erfahrung gewesen. In der Zeit des Abzugs der sowjetischen Truppen nach 1990, den er als Umweltminister begleitet hat, hat er sich dann mit dem letzten Kommandanten richtig angefreundet. Diese Erfahrungen sind die Folie, vor deren Hintergrund Matthias Platzeck heute handelt. Er ist ein alter Freund der Russen, der jetzt versucht zu retten, was zu retten ist an den deutsch-russischen Beziehungen. „Es gibt nur eines, was schlimmer ist als einen schwierigen Dialog zu führen: Keinen Dialog mehr zu führen.“

Der Dialog ist Platzeck heilig, bevor er abbricht oder auch nur zu Verstummen droht, führt er ihn lieber als Monolog weiter. Er ist ständig gesprächsbereit, unermüdlich und in letzter Zeit auch unüberhörbar, jedenfalls wenn er sich in Deutschland äußert. Tut er es in Russland, erreichen seine Äußerungen das deutsche Publikum in der Regel nicht, sonst hätte es schon im Herbst hören können, worüber einen Monat später heftig gestritten wurde, dass nämlich Matthias Platzeck in Moskau erklärte, die Situation nach der russischen Annexion der Krim müsse nun völkerrechtlich geregelt werden, irgendwie, so dass alle Seiten damit leben können, natürlich.

Deshalb saß er an einem Oktobertag in Moskau in der Bibliothek für ausländische Literatur zwischen der Bibliotheksdirektorin, Ekaterina Genieva, und dem deutschen Gesandten, Georg Birgelen an einem schmalen Tisch, vor sich ein Deutschland- und ein Russlandfähnchen, die rechts und links herunterhingen. Es war Platzecks erste Reise nach Moskau als Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums.

Deutsche und Russen sind Europäer

Später, zurück in Deutschland, wird er noch häufig von dieser Begegnung erzählen. Sie hat ihn bewegt. Die Bibliothek für ausländische Literatur sei ein Hort der Liberalität, auch der Opposition, wird Platzeck berichten. Und dass man als Deutscher selbst dort kein Bein mehr auf die Erde bekomme. Ihm ist das eigentlich ganz gut gelungen. Man kann sich das anschauen, in einem Video.

Platzeck soll einen Vortrag halten, so kündigt es der Gesandte Dr. Birgelen an, über Deutschland und Russland in Europa. Wir Deutschen und Russen sind Europäer, sagt Birgelen an diesem Oktobertag in Moskau, das sollte doch ein gemeinsames Bekenntnis zur einer Wertegemeinschaft einschließen, zu Völkerrecht, zu internationalen Verträgen, zu demokratischen Werten und Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Zivilgesellschaft und dem Schutz von Minderheiten. Allein, so selbstverständlich ist die Verständigung auf gemeinsame Werte nicht mehr, das weiß Birgelen. Das weiß auch Platzeck. Er hält dem russischen Publikum erst gar keinen Vortrag. Er will mit ihm ins Gespräch kommen. Er will erzählen, wie ihm „im Kopf und ums Herz ist“, was ihn „bewegt und berührt“.

„Mein Name ist Matthias Platzeck, ich bin mittlerweile 60 Jahre alte, habe vier Töchter, drei selbst erzeugte und eine erbeutete, sagt Platzeck in Moskau. Vor wenigen Tagen habe ich das vierte Enkelkind bekommen. Das ist für mich noch einmal eine ganze neue Dimension. Wenn man so kleine Purzel hat, weiß man wieder was im Leben wirklich wichtig ist und bekommt für sein eigenes Denken, Tun und Handeln einen neuen Horizont.“ Er sei im Osten Deutschlands groß geworden, in Potsdam, der Stadt mit der höchsten Russendichte, sagt er. „Christa Wolf würde sagen, das sind Kindheitsmuster.“ Platzeck sagt, er habe heute noch Heimatgefühle, wenn er diese ganz besondere Kraftstoffmischung rieche, die die Russen damals getankt haben.

Eine Freundschaft mit gutem Fundament

"Russenkitsch“, sagt der Historiker Karl Schlögel, „gegen Russenkitsch und sentimentale Klischees ist niemand gefeit, auch Matthias Platzeck nicht“. Auch Russen nicht. Und Platzeck wirbt um sein Publikum, er umschmeichelt es. Ich verstehe euch, hören sie, wir sind doch zusammen aufgewachsen. Platzeck spricht von den Erfahrungen der 90er Jahre, „eine traumatische Zeit! Man dachte, jetzt ist der Umbruch da. Dann haben wir das Desaster erlebt.“

„Wir“, sagt Platzeck, und jetzt meint er den Westen, „haben Russland besonders geliebt, als es besonders schwach war. Und wir haben Schwierigkeiten mit Russland bekommen, als es wieder selbstbewusster wurde und eigene Interessen formuliert hat. Bei den Amerikaner haben wir da keine Schwierigkeiten“, sagt Platzeck und erklärt das Prinzip des Flugzeugträgers. Seit Jahr und Tag kreuzen sie auf den Weltmeeren, von früh bis spät, und niemand nimmt Notiz davon. Erst wenn die Russen mit ihren Flugzeugträgern in internationalen Gewässern auftauchen, sei das eine Spitzenmeldung.

Die deutsch-russische Freundschaft hat gelitten, aber sie hatte ein gutes Fundament, sagt Platzeck. Doch leider könne er diesen Satz, den man bis vor einem Jahr noch sagen konnte, nun nicht mehr sagen. „Wir verhalten uns manchmal so als wären wir wieder im Kalten Krieg. Wir müssen ehrlich und gründlich analysieren, wie wir in diesen Zustand gekommen sind.“ Einfach zu sagen, an uns hat es nicht gelegen, hilft nicht weiter, erklärt er und spricht Rückschritte in der russischen Gesellschaft an. „Ich glaube, dass wir in der letzten Zeit eine gesellschaftliche Entwicklung zu verzeichnen haben, die auch Befreundete, Wohlmeinende nicht nachvollziehen können.“ Für das Vorgehen gegen Nichtregierungsorganisationen oder gegen Homosexuelle fehle ihm „jedes Verständnis. Wir waren schon mal weiter.“ Diese Entwicklung bringe auch Russlandfreunde im Westen in Erklärungsnot.

Aber auch der Westen habe Fehler gemacht. Ich denke immer zurück an die Rede Putins im Deutschen Bundestag. „Wir haben das nicht ernst genug genommen“, sagt Platzeck. Es hat weitere Angebote gegeben. Wir haben diese Angebote von Tisch genommen, auf Druck unserer amerikanischen Freunde, das muss man sagen, die das einfach nicht wollten.“ Das müsse man wissen, um zu verstehen, warum eine Menge Frust da ist, auch auf russischer Seite, sagt er. Putins Wutrede während der Münchner Sicherheitskonferenz habe er als Rede eines Enttäuschten verstanden. Spätestens 2009 hat es begonnen, das Zerwürfnis, sagt Platzeck. „Wir haben uns das bilaterale Verhältnis schöner geredet als es war.“ So hat er es in Moskau gesagt.

Man hätte es also lange vorher wissen können, lange vor jenem Oktobertag, an dem Matthias Platzeck in Moskau geredet hat, lange vor diesen windigen Wintertagen, in denen Platzeck nicht verstehen kann, warum ihn nicht jeder versteht. Und doch um seine Rolle weiß. In Potsdam, in seinem kleinen Büro, sagt er das noch einmal deutlich. Und er sagt es eigentlich zu sich selbst: Er könne leicht 50 und mehr Punkte aufzählen, die Putin falsch gemacht habe. Das aber täten schon andere, das sei nicht seine Aufgabe. „Ich stehe einem Forum vor, das versucht Russland zu verstehen, das Brücken bauen will. Das ist meine Aufgabe.“

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