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Russische Eliten zweifeln an ihm: Hat Putin den Ukraine-Krieg schon „verloren“?

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Von: Katja Thorwarth

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Die russische Elite ist offenbar zunehmend unzufrieden mit Kreml-Chef Putin. Manche sehen den Ukraine-Krieg bereits als „verloren“ an.

Cherson/Moskau – Im Ukraine-Krieg scheint die Schlacht um Cherson entschieden. Die etwa 300.000 Einwohner:innen zählende Stadt an den Ausläufern des Dnepr, die im russischen Angriffskrieg als eine der ersten Regionen erobert werden konnte, wird wieder größtenteils von Kiew kontrolliert. Und die Kontrolle über Cherson heißt - die Kontrolle über einen großen Teil der südlichen Ukraine. Von Cherson aus rückt sogar die Krim in die Reichweite der ukrainischen Artillerie.

Entsprechend gedrückt ist die Stimmung unter den russischen Eliten, sei doch der Rückzug der russischen Streitkräfte ein „sehr schmerzhaftes Ereignis“. Das berichtet die Exilzeitung Meduza. Sie beruft sich auf anonyme Quellen in der russischen Präsidialverwaltung. Und ein Wirtschaftsboss aus dem „inneren Kreis des Präsidenten“ räumt gegenüber der regierungskritischen Zeitung ein: „Wir haben den Krieg verloren.“

Russlands Verluste in der Ukraine: „Wir haben den Krieg verloren“

Diesen Bericht hält der Experte Andreas Umland vom Stockholm Centre for Eastern European Studies für plausibel. „Die Ultranationalisten Russlands sind nach dem Rückzug aus Cherson wütend auf die Regierung“, erklärte er im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Gerade in der russischen Großmachttradition ist der Rückschlag in Cherson eine enorme Erniedrigung.“ Weder den Hardlinern noch den gemäßigten Putin-Anhänger:innen dürfte die Situation gefallen, in die der Kreml-Chef Russland manövriert hat.

Wladimir Putin steht im Ukraine-Krieg unter Druck.
Wladimir Putin steht im Ukraine-Krieg unter Druck. © Sergei Bobylev/dpa

Die russischen Streitkräfte wurden in Cherson von ihren Nachschubwegen abgeschnitten und mussten sich daher aus weiten Teilen der Region zurückziehen. „Eigentlich ist Russland ein failed state, ein gescheiterter Staat, da es die selbst beanspruchten Territorien und Grenzen nicht kontrollieren kann“, erläuterte Experte Umland.

Rückhalt von Putin im Ukraine-Krieg bröckelt

Die Diskussion innerhalb der russischen Eliten zeige bereits, dass der Rückhalt zu Wladimir Putin bröckelt. „Wir hören immer häufiger von russischen Eliten, dass der Krieg eigentlich verloren ist. Aber es ist unklar, ob so die Mehrheit der Eliten denkt.“ Die Wirtschaftselite des Landes bekommt die Sanktionen und wirtschaftlichen Konsequenzen des Krieges schon seit Monaten zu spüren. Sie haben seit Kriegsbeginn Milliarden verloren.

Druck auf Putin, sodass er zurücktritt oder gestürzt wird, kann jedoch nur aus dem Lager der Geheimdienste und des Militärs erfolgen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist laut Fachleuten aber gering, weil der gesamte innere Kreis mitverantwortlich für den Krieg ist. Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch bei der wirtschaftlichen Elite des Landes ab. Die Oligarchen sind vom Vertrauen des Kremlchefs abhängig und haben nicht die politische Macht, einen Regimewechsel herbeizuführen. Ein verlorener Ukraine-Krieg könnte jedoch Reformen in Gang bringen. (ktho/AFP)

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