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Man kennt sich: Putin mit Österreichs Außenministerin Kneissl im Juni in Wien.

Putin bei Merkel

Putin träumt von neuen Allianzen

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Vor der Visite von Russlands Präsident Putin bei Kanzlerin Merkel wird in Moskau über eine Wende in dem schwierigen Verhältnis spekuliert - möglich gemacht durch Trumps Chaospolitik.

Vor dem Gipfel herrscht auch in Moskau eine gewisse Nervosität. Vergangenes Wochenende attackierte Verteidigungsminister Sergei Schoigu seine deutschen Amtskollegin Ursula von der Leyen, die im Juli eine „Position der Stärke“ gegenüber Russland gefordert hatte. Sie solle sich erinnern, wohin bei ihren Großvätern Gespräche mit Russland aus der Position der Stärke führten. „Nach all dem, was Deutschland in unserem Land angerichtet hat, darf man dort solche Reden noch 200 Jahre lang nicht schwingen.“

Wenige Tage später beschwerte sich auch die Zeitung Nesawissimaja Gaseta über von der Leyen. Diesmal, weil der „Berliner Express“ Sätze der Ministerin veröffentlicht hatte, in denen sie sich ausdrücklich für einen atomaren Erstschlag gegen Russland aussprach. „Die Gegner einer Annäherung zwischen Russland und Deutschland versuchen, das Treffen zwischen Putin und Merkel zu torpedieren“, klagte das Moskauer Blatt. Dass der „Berliner Express“ ein Satire-Portal ist und die Quelle des Interviews selbst als „Fake News Agency“ bezeichnet, übersah man.

Am Samstagabend empfängt Bundeskanzlerin Angela Merkel im brandenburgischen Schloss Meseberg Wladimir Putin. Etwas überraschend, es ist schon der zweite deutsch-russische Gipfel in vier Monaten. Seit Jahren ist man es auch in Moskau gewöhnt, dass Treffen zwischen Merkel und Putin mit eher schlecht gelaunten, konträren, aber vorhersehbaren Statements enden. Diesmal aber wird auf russischer Seite gerätselt, wie sich die neue weltpolitische Unordnung auf das eigentlich festgefahrene deutsch-russische Verhältnis auswirken wird. „Putin und Merkel – eine neue Liebesgeschichte?“, titelt das Boulevardblatt Argumenty Nedeli hoffend.

Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach dieser Tage von einem „Uhrenvergleich“ der Deutschen und der Russen, was die Dauerkonflikte in der Ukraine und in Syrien angeht. Aber er erwähnte auch „die Restriktionen, denen sich jetzt viele Länder gegenüber sähen“. Beide Führer würden auch die US-Sanktionen diskutieren, die russische wie deutsche Firmen treffen könnten.

Früher beklagten sich Moskaus Politiker, Deutschland und die gesamte EU seien nur eine willige Filiale des antirussischen Amerikas. Aber dann begann US-Präsident Donald Trump seinen Handelskrieg gegen den Rest der Welt und verspottete die Deutschen als „Gefangene Russlands“, weil sie dort für Milliarden Euro Gas kauften. Seine Administration drohte auch bundesdeutschen Firmen mit Sanktionen gegen die Ostseepipeline „Nord Stream 2“, die Deutsche und Russen gemeinsam bauen wollen. Gleichzeitig schimpft Trump auf die Nato, flirtet verbal mit Putin. Das unfreundliche, aber stabile Ost-West-Gegenüber hat sich plötzlich in ein unstetes Dreiecksverhältnis zwischen Europa, Russland und den USA verwandelt.

Einerseits gilt Merkel in Moskau seit Jahren als hartnäckige Gegnerin. „Sie verhindert gegen den Willen der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft eine Wiederannäherung an Russland“, sagt der kremlnahe Politologe Sergei Markow der FR. Und sie trage die Hauptverantwortung für das Entstehen des „faschistischen Regimes in der Ukraine“. Andererseits gebe es immer mehr Projekte, die Deutschland und Russland gemeinsam gegen die USA verteidigen müssten, von „Nord Stream 2“ bis zum Atomvertrag mit dem Iran, den Trump gekündigt hat.

Tatsächlich müssen sich Merkel und Putin jetzt in einem Chaos aus US-Strafzöllen, gegenseitigen Ukraine-Sanktionen, grundsätzlichen ideologischen Widersprüchen und neuen gemeinsamen Interessen zurechtfinden. „Das wird eine verrückte Teeparty“, freut sich Markow, „wie bei Alice im Wunderland.“

Laut Markow decken sich die Interessen inzwischen auch in Syrien: „Je mehr Deutschland unseren Verbündeten Assad unterstützt, umso weniger Probleme hat es mit syrischen Kriegsflüchtlingen.“ Am 7. September ist in Istanbul ein Vierergipfel Merkels mit den Präsidenten Frankreichs, Russlands und der Türkei zu Syrien geplant, aber auch dort könnte über mehr gesprochen werden.

Schon verweist die russische Zeitung Kommersant auf Erdogans Staatsbesuch in Berlin Ende September. Und sagt eine von Trumps Zoll- und Strafpolitik zusammengeschweißte „Achse“ voraus: Moskau-Ankara-Berlin.

Aber keineswegs alle Moskauer Experten glauben an neue Allianzen. „Deutschland bleibt ein Hauptverbündeter der USA“, sagt der Politologe Alexei Muchin. Allerdings litten beide Länder unter Trumps Wirtschaftskrieg, Putin und Merkel müssten jetzt in vielen Punkten versuchen, ihre Politik zu koordinieren – ein situatives Format mit seiner eigenen deutsch-russischen Dialektik. „Politisch sind wir Gegner, wirtschaftlich aber natürliche Verbündete.“

Auch in Moskau herrscht Unklarheit, wie beide Führer in Meseberg damit umgehen. Manche Beobachter glauben, der listige Putin wolle die Lage nutzen, um Merkel nervös zu machen. Und man mutmaßt, ob seine Stippvisite zur Hochzeit der österreichischen Außenministerin Karin Kneissl in der Steiermark am gleichen Tag als Anlass zu einer Verspätung dienen könnte. Um die Kanzlerin zuerst mal warten zu lassen.

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