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Kämpfer ohne Gegner: Revolutionäre in Petrograd im Herbst 1917.

Oktoberrevolution

Putin, Stalin und der liebe Gott

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Der Kommunismus als Ideologie ist in Russland tot. Unsere Analyse.

Es ist ja nicht so, dass es in Russland gar keine Revolutionäre mehr gäbe. Am Sonntag wurden in Moskau und andere Städten mehr als 400 mutmaßliche Extremisten festgenommen – größtenteils Sympathisanten des anarcho-populistischen Videobloggers Andrej Malzew, aber auch Passanten. Der selbst nach Frankreich emigrierte Malzew hatte für den 5. November seine Anhänger aufgefordert, auf die Straße zu gehen und dort bis zum Sturz Wladimir Putins zu bleiben. Allerdings suchten Journalisten in Moskau vergeblich nach oppositionellen Menschenansammlungen.

Die Staatsführung plant keinerlei Veranstaltungen zum 100. Jahrestag der russischen Revolution. „Was gibt es denn da zu feiern?“, wollte Kremlsprecher Dmitri Peskow im Vorfeld wissen. Also gibt es zwar eine Parade auf dem Roten Platz – aber die erinnert an den 76. Jahrestag der Parade während der Schlacht um Moskau 1941. Und die Kommunistische Partei Russlands (KPRF) plant eine Kundgebung, von der niemand Revolutionäres erwartet.

Lenin wurde nie begraben

Am 7. November 1917 ergriffen in Russland die Bolschewisten die Macht und errichteten die Sowjetunion, ein Zukunftsexperiment, das die ganze Welt in ein kommunistisches Paradies verwandeln sollte, nach verschiedenen Schätzungen aber 12 bis 60 Millionen Menschen das Leben kostete. 1991 zerfiel die Union, eines ihrer wenigen organisatorischen Überbleibsel ist jene KPRF. Aber die Kommunisten riskieren heute keine politische Randale, die Masse ihrer Landsleute auch nicht. Die Sowjetunion ist untergegangen, aber ihre Mentalität scheint unausrottbar. Auch deshalb, weil Russland nie ernsthaft Anstalten unternommen hat, die Vergangenheit zu begraben – einschließlich Wladimir Lenins, des Chefrevolutionärs von 1917, der noch immer in seinem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau aufgebahrt ist.

Die KPRF ist nur noch eine der linientreuen Kleinparteien in Wladimir Putins politischem System. Sie gibt sich oppositionell, hält sich aber an die Spielregeln des Kremls, ihre Funktionäre meiden beispielsweise Demos der demokratischen Opposition. Bei den Duma-Wahlen holt die KPRF noch immer zweistellige Ergebnisse, 2016 stimmten mehr als sieben Millionen Russen oder 13,3 Prozent der Wähler für die Kommunisten.

„Es ist vor allem die Partei der Rentner, denen sie als Ideologie mythologisierte Sowjetvergangenheit anbietet“, sagt der Politologe Juri Korgonjuk. Parteichef Gennadi Sjuganow steht bei offiziellen Anlässen wie alle Duma-Fraktionsvorsitzenden vor Putin stramm. Aber zuletzt wurde er doch laut – weil wieder jemand vorgeschlagen hatte, Lenin aus dem Mausoleum zu schaffen und zu beerdigen. Lenin liege in seinem Glassarg zwei Meter unter der Ehre, das entspreche auch den Regeln der russisch-orthodoxen Kirche, so Sjuganow.

Der Kommunismus als irdische Heilsidee ist praktisch tot, 84 Prozent der Russen glauben jetzt an Gott, nur 7 Prozent betrachten sich als Atheisten. Und Wladimir Putin verurteilte kürzlich die Repressalien der Sowjetzeit. „Für diese Verbrechen gibt es keine Entschuldigung.“ Aber das sei kein Grund, jetzt zur Abrechnung aufzurufen. „Man darf die Gesellschaft nicht wieder an den gefährlichen Grenze zur Konfrontation drängen.“ Die meisten Hinterbliebenen kennen die Namen der Sicherheitsleute nicht, die ihre Eltern oder Großeltern liquidiert haben. Und viele wollen sie auch nicht kennen. 

Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat der KGB als FSB weitergemacht, der Geheimdienst wurde nie entmachtet. „Dazu kommt das Staatsfernsehen, das die Repressalien und ihre Opfer systematisch kleinredet“, sagt der Menschenrechtler Lew Ponomarjow. „Und nach dem wirtschaftlichen Schock der 1990er Jahre, flüchten sich die Menschen in die Erinnerung an die Stabilität der Sowjetzeit. Unsere Gesellschaft ist traumatisiert.“ Wie Putin, der sein KPdSU-Parteibuch bis heute aufbewahrt und sowjetische Fibeln für Jungkommunisten mit der Bibel vergleicht, orientiert sich die Mehrheit der Russen moralisch Richtung Vergangenheit. 

Gehorsam selbstverständlich

Konsumfreiheit und Privateigentum gelten in Russland inzwischen als Selbstverständlichkeit. Auf Reklameplakaten für das schon in der UdSSR populäre „Schigulowskoje“-Bier sieht man volle Tische, üppige Strandschönheiten, aber sowjetische Kleinwagenmodelle aus den 1960er Jahren. Aber noch immer arbeiten 40 Prozent der russischen Arbeitnehmer als Staatsangestellte, Gehorsam gegenüber der Obrigkeit gilt weiter als Selbstverständlichkeit. 34 Prozent der Russen halten Wladimir Putin für die bedeutendsten Mann der Weltgeschichte, 38 Prozent aber Jossif Stalin.

Der Inlandsgeheimdienst FSB erklärte nach den Festnahmen am Wochenende, im Gebiet Moskau hätten Extremisten geplant, Verwaltungsgebäude in Brand zu stecken und Polizisten anzugreifen. Wie unter Stalin hätten die Sicherheitsorgane wieder begonnen, tatsächlichen oder potenziellen Oppositionellen den Prozess zu machen, sagt der Oppositionspolitiker und Historiker Wladimir Ryschkow. „Wie damals werden Menschen ohne Beweise verhaftet.“ Es sei immerhin tröstlich, dass die Opfer heute nicht mehr erschossen würden.

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