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Chaos in Russlands Staats-TV: Putin „macht sich in die Hose“

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Von: Tim Vincent Dicke

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Ein Kameramann des russischen Senders NTW
Im russischen Staats-TV ist Kritik am Ukraine-Krieg zu vernehmen. (Symbolfoto) © Mikhail Tereshchenko/imago

Der Ukraine-Krieg deckt die Probleme der russischen Armee schonungslos auf. Die Debatte erreicht sogar die staatstreuen TV-Formate des Landes.

Moskau – Das russische Militär setzt im Ukraine-Krieg auf eine neue Taktik: Großstädte wie Kiew werden aus der Luft mit Marschflugkörpern und Kamikaze-Drohnen angegriffen. Doch an der Front ändert der Terror, der meist die Zivilbevölkerung trifft, nur wenig. Im russischen Staatsfernsehen liegen die Nerven blank.

Wie die Stimmung im vom Kreml gesteuerten TV ist, zeigt ein Ausschnitt aus dem Programm, den die Journalistin und Russland-Expertin Julia Davis am Montag (17. Oktober) auf Twitter geteilt hat. Lautstark diskutieren Gäste in einer Talkshow des Senders NTW über die Teilmobilmachung im Ukraine-Konflikt, die teils miserable Ausstattung von Rekruten, aber auch über den Sinn des geplanten Neujahrsfests in Moskau, bei dem geklotzt statt gekleckert werden soll.

Russland: Staatssender spricht von „Chaos“ im Ukraine-Krieg

Duma-Abgeordneter Nikolay Novichkov fordert in dem Clip ein Verbot der Neujahrsfeierlichkeiten. Er denkt, die Party sei „schädlich“. Auch sonst will er nicht, dass die Menschen in Russland feiern. „Dann trinken sie weniger und zeigen nicht ihre schlechtesten Eigenschaften, vor allem in diesen schwierigen Zeiten“, sagt der Politiker und fügt hinzu: „Das Chaos, das überall und auch im Fernsehen blüht, hätte schon vor langer Zeit eingedämmt werden müssen. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt dafür.“

Russland schickt schlecht ausgerüstete Rekruten in den Ukraine-Krieg

Dann geht es weiter mit einem heiklen Thema: dem Zustand des Militärs. In den sozialen Netzwerken tauchen seit Wladimir Putins Ankündigung der Teilmobilmachung Videos auf, die kaum ausgebildete und schlecht ausgerüstete Rekruten zeigen. So konnte man in einem Clip eine Militär-Vorgesetzte sagen hören, mobilisierte Kämpfer sollten Tampons mit in die Kampfzone bringen, da die russische Armee kaum noch medizinische Vorräte übrig habe.

„Wisst ihr, wofür die Tampons sind?“, fragte sie in eine Menge eingezogener Männer, um dann selbst zu antworten: „Man steckt es direkt in die Schusswunde und das war’s.“ Auch die Regie des Senders spielte einen Ausschnitt des Videos ein.

Russland: Probleme beim Militär im Ukraine-Krieg - Staats-TV sucht nach Gründen

Die logistischen Probleme bei der russischen Armee sorgen für bizarre Situationen in dem Land, teils müssen die Rekruten oder deren Familien überlebenswichtige Utensilien kaufen – weil sie vom Militär nicht zur Verfügung gestellt werden können. „Was ist die Ursache für die Panik?“, fragt Duma-Mitglied Alexander Yushchenko beim russischen Nachrichtensender NTW in die Runde. Er beschwert sich über den stellvertretenden Verteidigungsminister Viktor Goremykin, der gesagt hatte, man habe genug Ausrüstung. „Genug wovon? Warme Uniformen und Stiefel vielleicht?“ Doch es sei viel mehr nötig. So sei die Schutzkleidung für die Soldaten von schlechter Qualität, klagt er.

Ähnlich sieht es die russische Professorin Galina Michaleva. Sie findet noch deutlichere Worte. „Wir leben doch nicht im Mittelalter, als man sich für den Krieg rüsten und seine eigene Kettenrüstung, sein eigenes Pferd, seinen eigenen Speer und so weiter kaufen musste.“ Und der Publizist Wladimir Karpow ist sich sicher: „Was diese Teilmobilmachung gezeigt hat, ist, dass sich die Regierung in die Hose gemacht hat.“ Mit Nachdruck wiederholt er seinen Standpunkt noch einmal: „Die Regierung macht sich in die Hose.“ (tvd)

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