Russischer Oppositionsführer Alexej Nawalny nach 30 Tagen frei. 
+
Alexej Nawalny wurde vergiftet. 

Der Fall Nawalny

Nach Giftanschlag auf Alexej Nawalny: Wie weiter mit Putin?

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
    schließen

Nach dem Giftanschlag auf Kremlkritiker Alexej Nawalny wird in Europa der Ruf nach Sanktionen gegen Russland lauter. Doch ist Strafe schon eine Strategie?

Moskau - Russland brauche die chemischen Formeln und medizinischen Dokumente, forderte Maria Sacharowa am Mittwochabend. „Legt eure Angaben auf den Tisch, übergebt sie der russischen Seite, unsere Botschaft arbeitet rund um die Uhr!“ Die russische Außenamtssprecherin klang so, als wäre Alexej Nawalny in Deutschland vergiftet worden und als hätten deutsche Ärzte tagelang seinen Transport nach Russland behindert.

Aber tatsächlich ereignete sich der Anschlag auf den russischen Oppositionellen Nawalny vor zwei Wochen in Tomsk, er wurde nach längerem Tauziehen auf Wunsch seiner Frau nach Deutschland ausgeflogen. Und wie ein Bundeswehrlabor festgestellt hat, wurde Nawalny mit einem chemischen Kampfstoff der Nowitschok-Gruppe vergiftet.

Einsatz von Nowitschok lässt auf Russlands Beteiligung an der Vergiftungs Nawalnys schließen

Ausgerechnet Nowitschok. Das Nervengift kam schon 2018 im englischen Salisbury gegen den russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter zum Einsatz, zwei identifizierte Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU sind dringend tatverdächtig. Die Chemikalie stellt man nicht in der Garage her, sondern in staatlichen Speziallabors.

Der Einsatz von „Nowitschok“ bestätigt noch einmal, was in Russland schon vorher als sicher galt: Der Staat ist an dem Giftanschlag gegen Nawalny beteiligt, der als Oppositionsführer sehr penetrant vom Staatssicherheitsdienst beschattet und kontrolliert wurde. Oder wie es Nawalnys Stabschef Leonid Wolkow ausdrückt: „Nowitschok – das ist Putin.“

Nach dem Fall Nawalny droht Putin und Russland der nächste Skandal

Die Kanzlerin lehnt sich weit aus dem Fenster.

Schon nach dem Poloniumgiftmord 2006 an Alexander Litwinenko, einem nach London exilierten Exgeheimdienstler und erbittertem Putin-Kritiker, hatte ein britischer Richter als Ergebnis jahrelanger Ermittlungen verkündet: Wahrscheinlich sei Litwinenko mit der Zustimmung des russischen Staatschefs getötet worden.

Jetzt droht dem Kreml der nächste internationale Skandal. Am Ende könnten weitere Sanktionen folgen. Und Putin persönlich bekommt ein immer giftigeres Image.

Russland und Nowitschok: Das Gift wirkt seit Jahrzehnten

Auf jeden Fall setzen seine Geheimdienste die tödlichen Traditionen ihrer sowjetischen Vorgänger fort. Die ermordeten opponierende Bischöfe mit Curare-Spritze, schütteten in den Westen übergelaufenen Kollegen Rattengift in den Kaffee, bliesen ukrainischen Exilnationalisten Zyankali ins Gesicht. Und der frisch gebackene Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn überlebte nach einem Rizin-Anschlag eine schwere Hautkrankheit.

Unter Putin ging es weiter. 2003 verbrannte eine rätselhafte allergischen Krankheit den Journalisten Juri Schtschekotschichin von der oppositionellen Enthüllungszeitung „Nowaja Gaseta“ regelrecht Haut und Lungen.

Vom Turm auf der russischen Botschaft in Berlin ist die Charité, wo Nawalny behandlet wird, gut sichtbar.

Dmitri Muratow: Nawalnys Überleben war nur Zufall

Seine Redaktionskollegin Anna Politkowskaja verlor 2004 nach einer Tasse Tee das Bewusstsein, überlebte, die Ärzte, die sie behandelten, stellten ein unbekanntes Toxin in ihrem Körper fest. Zwei Jahre später wurde sie in Moskau erschossen.

Ihr Chefredakteur Dmitri Muratow sagte der Frankfurter Rundschau, auch Nawalny habe nur zufällig überleben können. „Alle Experten haben uns versichert, dass man ein Gift nicht so dosieren kann, dass es den einen tötet, dem anderen nur Angst einjagt.“

Das gilt für die Neurotransmitter, mit denen man im September 2018 den Aktionskünstler Pjotr Wersilow vergiftetete, er wurde wie Nawalny in der Berliner Charité behandelt. Und für Nowitschok gilt: Schon ein Milligramm, der Bruchteil eines Wassertropfens, kann einen erwachsenen Mann töten.

Russland: Nicht der erste Angriff auf Alexej Nawalny

Nawalny war schon vorher mehrfach angegriffen worden, man schüttete ihm Farbstoff, Mehl oder saure Milch ins Gesicht, vergangenes Jahr kam er mit schweren allergischen Symptomen aus einer Arrestzelle ins Krankenhaus. In Tomsk sollte er sterben. Nawalny ist das jüngste Opfer eines seit Jahrzehnten arbeitenden Giftmordsystems.

Der Petersburger Politologe Dmitri Trawin hält es übrigens nicht für sicher, dass Putin eingeweiht war. „Es gibt im Kreml verschiedene Türme und in Russland verschiedene Geheimdienste. Wer Nawalny aus welchen Gründen vergiftet hat, wissen wir nicht.“ Aber er vermute, die Täter seien Leute aus den Sicherheitsorganen, die davon profitieren wollten, dass sich das Verhältnis zum Westen noch verschlechtere. Der Kreml aber scheint sie auch dieses Mal zu decken, mit allen seinen Türmen. (Von Stefan Scholl)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare