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Putin vor neuer Mobilisierungs-Welle? Ukraine und Fachleute sehen Indizien

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Von: Florian Naumann

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Ein frisch mobilisierter Soldat verabschiedet sich am Bahnhof Tjumen in Sibirien von seinen Kindern. Die Armee hielt am 30. November eigens eine Zeremonie ab.
Ein frisch mobilisierter Soldat verabschiedet sich am Bahnhof Tjumen in Sibirien von seinen Kindern. Die Armee hielt am 30. November eigens eine Zeremonie ab. © IMAGO/Maxim Slutsky

Wladimir Putins Teilmobilisierung hat Russland aufgeschreckt. Dennoch könnte eine zweite Welle nahen – mit Nebenwirkungen.

Washington, D.C./Moskau – Wird Wladimir Putin eine zweite Mobilisierungs-Welle starten? Das renommierte US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW) hält das für durchaus möglich. Auch der ukrainische Generalstab sieht entsprechende Vorbereitungen – ebenso wie kremlkritische russischsprachige Medien.

„Unseren Informationen zufolge laufen in der Russischen Föderation und in vorübergehend besetzten ukrainischen Gebieten Vorbereitungen zu verdeckten Mobilisierungen für die russischen Besatzertruppen“, teilte der Generalstab schon am Sonntag (27. November) mit. Auch ein Datum nannte Kiew: Am 10. Dezember solle die Maßnahme starten. Zugleich berichteten laut CNBC ukrainische Stellen auch sehr konkret, Russland bereite eine Zwangsmobilisierung im noch besetzten Teil der Oblast Cherson vor.

„Verdeckte Mobilisierungen“? Ukraine unterstellt Putin neuen Plan – Fachleute finden es plausibel

Das ISW wiederum erkannte in einem Report vom Dienstag (29. November) „offizielle Schritte, die auf eine mögliche zweite Mobilisierungswelle hindeuten“. Ein – wenngleich recht vages – Indiz lieferte das russische Exilmedium Meduza: Zwar hätten Behörden schon Ende Oktober erklärt, die Mobilisierung von 300.000 Soldaten sei vollzogen. Ein offizieller Erlass zur Beendigung der Mobilisierung sei aber nie veröffentlicht worden.

Schon im Oktober hatte die Webseite mehrere „Insider“ mit brisanten Informationen zitiert: Eine „zweite Welle“ sei im Winter zu erwarten, hieß es damals. Sogar ein Schreiben sei durchgesickert, in dem Unternehmen nach Mitarbeiter-Daten befragt wurden – von männlichen Beschäftigten mit Geburtsjahr 1988 oder früher und Eignung für den Militärdienst. Mit einer Mobilisierung von Reservisten hätte das nichts zu tun.

Putins Russland vor neuer Mobilisierung im Ukraine-Krieg? „Wenig Grund“, zu verzichten

Aktuell handelt es sich bei den Berichten um Spekulationen – offiziell gemacht hat der Kreml entsprechende mutmaßliche Pläne nie. Westliche Fachleute halten die These aber für plausibel. Solange Wladimir Putin sein Land verteidigen könne, über Waffen mit großer Reichweite verfüge und kampfeswillige Reservisten finde, gebe es „wenig Grund“, auf eine weitere Mobilisierung zu verzichten, sagte der Politikwissenschaftler Jordan Cohen dem US-Portal Newsweek.

Das ISW wiederum betonte, Bedarf an weiteren Kräften bestehe: Russische Bataillone hätten etwa bei Angriffen auf Kiew, Mariupol, Sjewjerodonezk oder Lyssytschansk Verluste erlitten – und seither nicht wieder auf ihre angepeilte Stärke gebracht werden können. Neue Kräfte, inklusive mobilisierter Rekruten, seien in schlecht ausgerüstete und organisierte „Ad-Hoc-Strukturen“ gesteckt worden. Ein Resultat sei „schlechte Moral und Disziplin“. Die Washington Post schrieb zuletzt von einem „mentalen Zermürbungskrieg“ in der Ukraine, auch für die Verteidiger. Nun wartet der Winterkrieg, mit nochmals verschärften Umständen.

Zu diesem Panorama passen Berichte ukrainischer Soldaten aus der umkämpften Region Bachmut. „Sie kommen einfach in großen Gruppen auf uns zu. Wenn wir anfangen zu schießen, versuchen sie nicht einmal, in Deckung zu gehen. Sie laufen einfach wie in Zeitlupe weiter“, schilderte ein Soldat dem finnischen Portal Iltalehti seltsames Verhalten russischer Gegenüber: Möglicherweise stünden die Truppen unter Drogeneinfluss. Zugleich sei die nicht nachlassende Flut an Angreifern ein Problem. „Es werden immer mehr von ihnen“, sagte ein ukrainischer Geheimdienstler t-online.de.

Mobilisierung in Russland sorgt für Probleme: „Wir sterben schon ohne Krieg wie die Fliegen“

Fraglich ist allerdings, ob es tatsächlich weiterhin problemlos möglich sein wird, Rekruten zu finden. Finnland berichtete zuletzt von „Tausenden“ geflüchteten Russen im Land. Auch scheint es, als schwinde der Rückhalt für den Krieg im Land. In einigen Regionen kam es ohnehin bereits zu Protesten, gerade von Müttern und Ehefrauen mobilisierter Männer. Laut Meduza hatte der Kreml schon in den vergangenen Monaten darauf gesetzt, dort Männer einzuziehen, wo „Lärm und Skandal“ in früheren Mobilisierungsphasen ausgeblieben waren. In den Großstädten endete der Prozess angeblich teils vorzeitig.

Nebenwirkungen dürfte der Kurs ohnehin haben. Ein Korrespondent des von den USA finanzierten Senders Radio Free Europe berichtete von dramatischen Zuständen in einem sibirischen Dorf. Die Mobilisierung habe der Ortschaft Bukatschaka unter anderem den Bäcker und den Schulbus-Fahrer genommen – in einer ohnehin überalterten Gegend. „Wir sterben schon ohne den Krieg wie die Fliegen“, sagte ein Rentner dem Sender. „Und bald werden wir die Jungen begraben müssen“, fügte er hinzu. Sogar ein Gelände für weitere Grabstätten sei bereits ausgewiesen worden.

Ohnehin dürfte eine weitere Mobilisierung größere Probleme für Russlands Wirtschaft mit sich bringen. Ein „Rekord-Schwund“ an Arbeitskräften habe das Land erfasst, berichtete die Webseite bloomberg.com am Donnerstag, unter anderem unter Berufung auf eine Studie des Moskauer Gaidar-Instituts. Bereits jetzt seien „ganze Industrien“ in Not. Sollten weitere Männer aus dem Erwerbsleben verschwinden, könnte sich diese Lage verschärfen. (fn)

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