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Die Interessen Russlands und der Türkei sind zwar nicht deckungsgleich - aber sie können sich durchaus ergänzen.

Russland und Türkei

Putin in Istanbul: Ziemlich beste Feinde

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Der türkische Präsident Erdogan bricht Brücken zum Westen ab und wendet sich demonstrativ Moskau zu. Doch am Ende könnte er als Verlierer dastehen.

Zu keinem ausländischen Staatsoberhaupt hält der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan so engen Kontakt wie zu Kremlchef Wladimir Putin, keinen trifft er häufiger. Am Mittwoch kam der russische Präsident zur Einweihung der Gaspipeline Turkish Stream nach Istanbul. Erdogan und Putin demonstrierten Einigkeit. Aber im Hintergrund lauern Interessenskonflikte. Erdogan könnte der Verlierer sein.

Als Vorhut des Putin-Besuchs schickte die russische Kriegsmarine am Montag die „Marschall Ustinow“ nach Istanbul. Die Ankunft des Kriegsschiffs soll die mittlerweile enge militärische Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Nato-Staat Türkei symbolisieren: Im vergangenen Sommer begann die Auslieferung der von Erdogan bestellten russischen S-400-Luftabwehrsysteme. Außerdem erwägt Erdogan jetzt die Beschaffung russischer Kampfflugzeuge.

Dabei stehen Moskau und Ankara in den Konflikten der Region keineswegs auf derselben Seite. Kurz vor seinem Besuch in Istanbul schaute Putin noch schnell in Damaskus beim syrischen Machthaber Baschar al-Assad vorbei, den Erdogan seit acht Jahren zu stürzen versucht. Dennoch haben es Putin und Erdogan bisher verstanden, sich in Syrien zu arrangieren, um ihre jeweiligen Interessen wahrzunehmen. Man ist einander behilflich.

Beispiel S-400: Dabei geht es um mehr als lohnende Exportaufträge für die russische Rüstungsindustrie. Politisch viel lukrativer ist für Putin die Zwietracht, die er damit zwischen der Türkei und ihren westlichen Bündnispartnern sät. Analysten in Moskau sprechen von Erdogan bereits als „unserem Mann in der Nato“. Auch für Erdogan hat das Raketengeschäft eine geopolitische Dimension: Er hofft auf russisches Know-how beim Aufbau einer eigenen Rüstungsindustrie. Mit ihr will Erdogan seine Vision umsetzen, die Türkei zur Führungsmacht der islamischen Welt zu machen.

Die Pipeline Turkish Stream ist ein weiteres Beispiel für sich ergänzende Interessen der beiden historischen Rivalen. Die Leitung bringt russisches Gas durch das Schwarze Meer in die Türkei und von dort weiter nach Mitteleuropa – eine Art südlicher Nord Stream. Der russische Staatskonzern Gazprom erschließt sich damit einen weiteren Vertriebsweg nach Westen. Zugleich stärkt die Türkei ihre Rolle als Energiedrehscheibe.

Auch in Libyen zeigt sich, dass die Interessen Russlands und der Türkei zwar keineswegs deckungsgleich sind, sich aber ergänzen können. So unterstützt Moskau mit Waffen und Söldnern General Chalifa Haftar, den mächtigen Gegenspieler des international anerkannten Ministerpräsidenten Fajis al-Sarradsch. Letzterem wiederum steht Erdogan jetzt mit der Entsendung türkischer Truppen bei. Dass die Türkei Ende November mit al-Sarradsch ein Abkommen zur Abgrenzung der Wirtschaftszonen im Mittelmeer schloss, spielt aber Putin durchaus in die Hände. Denn damit könnte Erdogan die Pläne Israels, Zyperns und Griechenlands zum Bau der Eastmed-Gaspipeline durchkreuzen. Die EU fördert Eastmed finanziell, die USA unterstützen das Projekt politisch, denn es soll Europa unabhängiger von russischem Gas machen. Aus Sicht Moskaus ist die geplante Leitung aus genau diesem Grund ein unerwünschtes Konkurrenzprojekt zu Turkish Stream. Russland unterstützt deshalb die Türkei in ihrer Strategie.

Ob Erdogan das letztlich gelingt, ist fraglich. Ein Gewinner steht aber bereits fest: Putin hat dank seiner Zweckbündnisse mit der Türkei das Gewicht Russlands im Nahen Osten und im östlichen Mittelmeer erheblich vergrößert. Dabei kommt ihm gelegen, dass die USA unter Donald Trump eine erratische Politik in der Region betreiben und Einfluss verlieren. Auch die Europäische Union agiert defensiv und ist weiter denn je davon entfernt, außenpolitisch mit einer Stimme zu sprechen. Der größte EU-Staat Deutschland ist in seiner Türkeipolitik fast ausschließlich auf die Flüchtlingsthematik fixiert. Das gibt Erdogan zusätzlichen Bewegungsspielraum.

Dennoch könnte der türkische Staatschef am Ende als Verlierer dastehen. Mit seiner aggressiven Außenpolitik hat Erdogan sich nicht nur im Westen, sondern auch in der Region isoliert. Russland mag für Erdogan ein wichtiger Waffenlieferant sein, wird aber für die Türkei nie die EU als größten Handelspartner und wichtigsten Investor oder gar die Nato als Sicherheitsanker ersetzen können.

Erdogan ist dabei, die Brücken zum Westen abzubrechen, ohne neue Partner zu haben, auf die er sich wirklich verlassen kann. Das macht auch vielen in der Türkei Sorge. Einflussreiche frühere Weggenossen wie Ex-Premier Davutoglu, der ehemalige Wirtschaftsminister Babacan und der vormalige Präsident Gül haben Erdogan bereits die Gefolgschaft aufgekündigt, nicht zuletzt wegen seiner außenpolitischen Abenteuer. Libyen könnte zum Testfall werden. Wenn sich der von Russland unterstützte Rebellengeneral Haftar gegen Erdogans Partner al-Sarradsch durchsetzt und die Macht in Libyen übernimmt, wäre das eine schwere Niederlage für Erdogan. Dann könnte auch seine Machtbasis in der Türkei in Gefahr geraten.

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