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Putin im Datschen-Modus

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Von: Stefan Scholl

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Putin und Lukaschenko am Schwarzen Meer.
Putin und Lukaschenko am Schwarzen Meer. © AFP

Der russische Präsident gibt sich betont entspannt, das ist kein gutes Zeichen. Er bereitet sich auf einen Dauerkonflikt mit den liberalen Demokratien vor. Eine Analyse von Stefan Scholl

Wladimir Putin ist wieder in seiner Sommerresidenz in Sotschi. Dort empfing er am Montag den belorussischen Staatschef Alexander Lukaschenko, beide amüsierten sich über Wirtschaftsprobleme des Westens. Für die, grinste Lukaschenko, sei ja einzig Putin verantwortlich. „Ich werde mit ihnen reden“, scherzte Putin.

Drei Monate, nachdem die ersten russischen Raketen in der Ukraine eingeschlagen sind, ruft Staatschef Putin die politische Datschensaison aus. Gute Laune-Modus, keine Verlustmeldungen von der Front, einem Großteil der Russen ist das nur recht. Auch ihre Datschensaison hat begonnen, sie stürzen sich mit Eifer auf ihre Wochenendhäuschen, auf Blumen- und Gemüsebeete.

Putin soll seine Strategie gewechselt haben

Ganz offenbar befindet sich Russland wieder in einer neuen Phase seiner „Militärischen Spezialoperation“ gegen die Ukraine. „Putin hat seine Strategie gegenüber der Ukraine wie gegenüber dem kollektiven Westen gewechselt“, schreibt Michail Rostowski, Kommentator der Massenzeitung „Moskowski Komsomoljez“, dessen Artikel oft als Sprechblasen des Kremls gelten. „Man setzt jetzt nicht auf die Wucht des Ansturms, sondern auf dessen Hartnäckigkeit.“ Wie der Westen gehe auch Moskau jetzt dazu über, den Gegner zu zermürben.

Putins Feldzug begann mit über ukrainische Autobahnen ratternden Panzerkolonnen und aus der Luft landenden Fallschirmjägern, westliche Fachleute sprachen von „Blitzkrieg“. Aber die Handstreiche gegen Kiew und Charkiw scheiterten, die Russen zogen sich nach einigen Wochen zurück, riefen eine zweite Operationsphase aus, einen Umfassungsangriff zur Einkesselung der im Donbass konzentrierten Feindkräfte. Inzwischen scheint Putin aber eh in eine Art „Datschen-Modus“ gewechselt zu sein.

Eine Mobilisierung scheut das Regime

Entgegen vieler Erwartungen verkündete er bei seiner Rede zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai weder Kriegsrecht noch Generalmobilmachung. „Falken“, wie der ehemalige Donbass-Kommandeur Igor Strelkow halten ohne diese Mobilmachung einen Sieg in der Ukraine für unmöglich. Aber offenbar fürchtet der Kreml, die Stimmung könnte bei so einer Entscheidung kippen.

Noch wird im Donbass erbittert gekämpft, die russischen Truppen versuchen vor allem bei Sewerodonezk, die Front der ukrainischen Verteidiger zu durchbrechen und diese Stadt einzukesseln. Aber sie kommen auch dort nur langsam voran. Im Süden, bei Cherson, ist die Front bereits zum Stillstand gekommen, im Norden, bei Charkiw, rücken sogar die Ukrainer vor.

Offenbar bereiten sich die russische Armee auf langanhaltende Kämpfe vor

Langfristige Stellungskämpfe drohen. „Es gibt viele Anzeichen, dass Russland sich auf eine militärische Langzeitoperation vorbereitet“, erklärte der ukrainische Verteidigungsminister Oleksi Resnikow kürzlich. Die Russen hätten vielerorts begonnen, sich in ihren Stellungen einzugraben.

„Wir laufen keinen Fristen nach“, bestätigte Nikolai Patruschew, Sekretär des russischen Sicherheitsrates, am Dienstag der Zeitung „Argumenty i Fakty“. „Den Nazismus muss man zu 100 Prozent ausmerzen, sonst erhebt er sein Haupt schon in ein paar Jahren wieder.“

Auf der Straße nach Lyssytschansk im Donbass.
Auf der Straße nach Lyssytschansk im Donbass. © AFP

Aber es ist unklar, wie Moskau seine erklärten Ziele, „Denazifizierung“ und „Demilitarisierung“, der Ukraine erreichen will. Momentan scheinen sich Russlands Militär mit der „Befreiung“ des Gebietes der Rebellenrepubliken Donezk und Luhansk zufriedenzugeben. Und mit der schon im Februar eingenommenen Landbrücke zur Krim.

Die Ukraine ist ein aus russischer Sicht zusehends zweitrangiger Feind. Der Kreml und seine halbstaatliche Öffentlichkeit reden jetzt über den kollektiven Westen als Hauptgegner. Der führe einen hybriden Krieg gegen Russland, schaukele sich mit seinen Sanktionen aber selbst wirtschaftlich das Grab. Schon feiern russische Medien die kommende Getreideernte als Russlands neuen Trumpf.

Russlands Wirtschaft schrumpft

„Noch ist noch lange kein Herbst, aber auf dem Weltmarkt herrscht schon ein verzweifelter Mangel an Lebensmittel aus Russland“, schreibt die Staatsagentur Ria Nowosti. „Nach Ansicht der amerikanischen Partner benutzt Moskau Lebensmittel als Waffe. Und vorher haben wir Öl und Gas als Waffe benutzt. Dann Kohle und Holz. Mama Mia, wie viel Waffen wir haben!“

Die bereits im März um 60 Prozent geschrumpfte russische Automobilproduktion, die zusammenbrechende Baubranche oder andere schmerzhafte Folgen der westlichen Sanktionen könnten Russlands Ökonomie arg zusetzen. „Putin möchte einfach nicht an die wirtschaftlichen Probleme denken, die für die Mehrheit der Beamten offensichtlich sind. Erst recht, wenn sie mit dem Krieg zusammenhängen“, schreibt das Exilportal meduza.io unter Berufung auf zwei kremlnahe Quellen.

Auch die dritte Phase des Ukraine-Konfliktes wird den kollektiven Feind kaum in die Knie zwingen. Und viele in Moskau haben für alle Fälle schon begonnen, ihre Datschenrasen in Kartoffelbeete umzupflügen.

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