Russland

Putin entdeckt den Geschichtsschreiber in sich

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Moskau versucht, der Welt historische Positionen zum Zweiten Weltkrieg und der Rolle der Sowjetunion zu diktieren. Eine Analyse.

Mateusz Morawiecki habe Suizid begangen, auf „vier Seiten, mit denen der Premierminister Polens den Menschen in sich getötet hat“, schreibt Maria Sacharow, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, über einen Artikel des polnischen Regierungschefs. Moskau und Warschau debattieren erbittert, beide Seiten mischen Fakten mit Pathos. Morawiecki behauptet kühn, die Sowjetbesatzung nach dem Krieg habe Millionen Menschenleben gekostet. Die Gegenseite erbost sich noch mehr: Wladimir Putin beschimpfte den polnischen Botschafter in Hitlerdeutschland öffentlich als „antisemitisches Schwein“.

Im Mai begeht die Welt den 75. Jahrestag des Kriegsendes. Der Kreml hat 2020 zum „Jahr der Erinnerung und des Ruhms“ ausgerufen, lädt Staatschefs aus aller Welt zur Siegesparade auf dem Roten Platz ein. Und bis dahin will er neben Polen der ganzen Welt eines klarmachen: Die Sowjetunion treffe keine Mitschuld in diesem Krieg, im Gegenteil. Sie habe die Menschheit vor dem Nationalsozialismus gerettet.

Wladimir Putin entdeckt den Historiker in sich. Ende Dezember nahm er eine Resolution des Europaparlaments in Sankt Petersburg zum Anlass für eine 50-minütige Vorlesung vor acht geduldigen Vertretern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, in der sich verschiedene Nachfolgestaaten der Sowjetunion zusammengeschlossen haben. Hauptthema: die Aggressivität Polens und die Unschuld der Sowjetunion vor dem Zweiten Weltkrieg.

In der Resolution heißt es unter anderem, der Molotow-Ribbentrop-Pakt zwischen Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion 1939 habe den Weg zum Kriegsausbruch geebnet. Putin kontert ausufernd, zählt alle möglichen Verträge auf, die Polen oder andere europäische Länder vorher mit den Nazis abgeschlossen haben, vertieft sich in Einzelheiten des Versailler Vertrags, mit dem der Erste Weltkrieg endete. Und er versucht immer wieder mit im Krieg erbeuteten Archivdokumenten aufzutrumpfen, etwa Gesprächsprotokollen deutscher und polnischer Diplomaten. Sie sollen belegen, dass Polen 1938 mit Hitler gemeinsame Sache gegenüber der Tschechoslowakei machte. Für Historiker ist es nichts Neues, dass das damalige Polen eine Diktatur war und 1938 auch tschechisches Gebiet annektierte.

„Das Vorgehen Polens war sicher verwerflich“, sagt der oppositionelle russische Geschichtswissenschaftler Nikita Petrow. „Aber damit den eigenen Überfall auf Polen zu entschuldigen, ist, als ob ein Vergewaltiger verkündet, sein Opfer habe ihn provoziert.“

Laut Wladimir Putin versuchte die Sowjetunion bis zum Ende, eine Anti-Hitler-Koalition zu schaffen; sie sei aber allein geblieben und gezwungen gewesen, einen Nichtangriffspakt mit Hitler zu unterschreiben. Putins Geschichtsbild wirkt neosowjetisch, er schiebt die Mitschuld für den Kriegsausbruch neben Polen auch Frankreich und England zu – eine in Russland populäre Sichtweise.

Die Sowjetunion sei friedliebend gewesen, habe sich aber für einen Verteidigungskrieg gerüstet, sagt der Publizist Maxim Schewtschenko. Man habe immer gewusst, dass Hitler den „jüdischen Bolschewismus“ als Hauptfeind betrachte und unbedingt vernichten wolle. Aber 1939 sei die Rote Armee noch zu schwach gewesen, um sich ihm entgegenzustellen. Das habe ja auch niemand anders getan: Die französische Armee sei 1940 zu nazi-freundlich gewesen, um ordentlich zu kämpfen, und der abgedankte britische König Eduard VIII. habe mit dem Hitlergruß gewunken. „Die Sowjetunion“, sagt Schewtschenko, „wurde 1941 von einer europäischen Koalition unter Führung Hitlers angegriffen.“

Dass Hitlers erste große Niederlage nicht Stalingrad war, sondern die Luftschlacht über England 1940/41, erwähnt man in Russland nicht. Das gilt genauso für die Tatsache, dass Moskau mit Berlin vorher Osteuropa in Interessensphären aufgeteilt hatte, Ostpolen, Lettland, Estland und Teile Rumäniens schluckte und Finnland überfiel. „Wir versuchen“, sagt Petrow, „alle zu zwingen, die Geschichte so wahrzunehmen, wie wir das wollen.“

Die Russen zitieren gern eine Dankbarkeitsadresse Winston Churchills von 1945 an Stalin: „Künftige Generationen werden ihre Schuld vor der Roten Armee eingestehen.“ Tatsächlich zahlte die Sowjetunion im Krieg einen Blutzoll von 27 Millionen Toten und war wiederum verantwortlich für 3,8 Millionen Tote auf Seiten der Wehrmacht – weit über zwei Drittel aller Opfer der Wehrmacht. Allerdings fühlen sich Polen, Balten oder Bulgaren im Nachhinein von den Rotarmisten nicht wirklich befreit. „Die sowjetische Besatzung war kein Zucker, sondern aufgezwungener Sozialismus“, sagt Historiker Petrow. Sicher seien die Volksrepubliken nicht so schlimm gewesen wie das Naziregime. „Aber befreien können nur Soldaten, die selbst Bürger eines freien Staates sind.“

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