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Immer mehr Menschen verlieren die Beherrschung - warum ist das so?

Verbrechen

Psychiater erklärt „das Böse“: Darum rasten immer mehr Menschen aus

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Verbrechen und Kriminalität: Wie sich „das Böse“ nach Ansicht des Psychiaters Reinhard Haller entwickelt hat. Und warum immer mehr Menschen bei geringen Anlässen ausrasten.

Frankfurt - Kriminalfälle erregen große Aufmerksamkeit. Warum das so ist und welche gesellschaftlichen Entwicklungen sich in der Kriminalität widerspiegeln, erklärt der Psychiater und Buchautor Reinhard Haller in einem Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs.

Herr Haller, nach all Ihren Erfahrungen: Wie würden Sie das Böse definieren?

Für mich ist es ein Mangel an Empathie, das Unvermögen sich in andere hineinzuversetzen und mitzuempfinden, was ihnen wehtut.

Was fasziniert die Menschen so am Bösen, etwa an Kriminalfällen?

Es sind natürlich immer sehr spannende Geschichten. Verbrechen ist Psychologie pur, da spielen Neid, Eifersucht oder Rache eine Rolle. Aber diese Erklärung allein greift zu kurz. Jeder Mensch spürt, dass er auch in sich diese Abgründe hat. Er möchte erkennen, was bei ihm selbst vorhanden ist. Das Verbrechen ist ein Spiegel der bösen Anteile, die auch in ihm schlummern.

Verbrechen: Warum immer mehr Menschen bei geringen Anlässen ausrasten

Sie haben einige Triebfedern für Verbrechen genannt. Welche sind die häufigsten?

Ein berühmter Kriminalist hat einmal gesagt, es gibt bei Verbrechen zwei Richtungen: die in Richtung Sperma und die in Richtung des Geldes. Sexualität und Habgier sind demnach die wesentlichen Beweggründe. Aber es sind inzwischen zwei Trends festzustellen: Die Taten im Beziehungsbereich nehmen zu, da wohnt das Böse sozusagen unter dem eigenen Dach. Und es gibt auch immer motivärmere Delikte, das heißt die Anlässe für ein Verbrechen werden immer kleiner. Das führt hin zu der Frage, ob es sogar den motivlosen Mord gibt. Aber auch wenn das so wirkt, sind die Täter, die sich cool geben, oft wahnsinnig gekränkt, manchmal auch von Kleinigkeiten.

Reinhard Haller

Ist also die Frustrationstoleranz geringer geworden?

Ja, das kann man schon sagen. Früher hatten die Menschen viel größere Probleme. Es gab mehr Kriege und Seuchen, das ist heute glücklicherweise nicht mehr der Fall. Die Gesellschaft ist daher sensibler geworden, aber auch narzisstischer, und zum Narzissmus gehört die Kränkbarkeit mit dazu. Gott verzeiht, aber niemals ein Narziss. Außerdem will man negative Gefühle heute oft nicht mehr zeigen, und da braut sich dann irgendwann im Inneren etwas zusammen.

Hat das auch etwas mit der Digitalisierung zu tun?

Ja. Die Digitalisierung ist zwar wunderbar. Wir sind gewohnt, alles an den Computer abzugeben. Nur mit den Emotionen gelingt uns das nicht so richtig.

Bei vielen Taten stellt sich die Frage, die sie "mad or bad" nennen - verrückt oder böse. Warum ist die Abgrenzung so schwierig?

Es ist ein Reflex bei einer besonders bösen Tat, dass wir glauben: Jemand, der so etwas tut, muss psychisch gestört sein. Aber das ist eine Fehleinschätzung. Ganz normale Menschen können Böses tun. Die Attentäter vom 11. September etwa waren gebildete Menschen ohne psychische Krankheit. Aber weil uns so ein Gedanke erschrecken, suchen wir das Muster einer psychischen Störung. Das ist eine Art Schutzmechanismus der Gesellschaft.

Verbrechen: Psychisch Kranke nicht gestörter als der Rest der Bevölkerung

Welche Rolle spielen denn psychische Krankheiten bei bösen Taten?

Die Gesamtheit der psychisch Kranken ist nicht gestörter als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Menschen mit einer Depression oder Angststörung werden sogar seltener aggressiv. Ihnen fehlt der Antrieb oder sie haben Angst vor dem Handeln. Aber bei einzelnen Untergruppen, etwa Menschen mit Wahnvorstellungen, gibt es einen höheren Risikofaktor.

Was begünstigt die Entwicklung "böser" Charakterzüge?

Man kommt als Psychiater schnell in Verdacht, dass man alles auf die Eltern schieben will. Aber natürlich ist es ein Risikofaktor, wenn jemand in der Kindheit keine Zärtlichkeit und Zuwendung erlebt. Auch das Umfeld, etwa bei Jugendlichen die Gruppe, spielt eine starke Rolle. Rauschmittel können dann zusätzlich enthemmen.

Kann also jeder zum Mörder werden?

Das glaube ich nicht. Mord ist ja ein juristischer Begriff, dazu gehören ein böser Wille und Planung. Aber ich glaube, dass unter bestimmten Umständen jeder jemanden töten könnte - etwa eine Mutter, wenn sie ihr Kind schützt.

Verbrechen: Die Männer sind die Bösen

Warum werden Frauen so viel seltener kriminell als Männer?

Ja, man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Männer sind die Bösen. Bei der Kriminalität ist das Verhältnis von Männern zu Frauen 8:2, bei Morden 10:1. Es gibt zwischen den Geschlechtern sowohl Unterschiede in der Genetik als auch im Hirnaufbau. Die Hormone spielen eine Rolle und natürlich die Sozialisation. Frauen sprechen über ihre Probleme und gehen eher zur Psychotherapie. Bei Männern treten zudem manche Krankheiten häufiger auf, die Aggressionen begünstigen, und sie konsumieren häufiger Alkohol und Drogen.

Wie kann eine Gesellschaft bösen Taten vorbeugen?

Ich glaube, das Böse wird es immer geben, aber die Gesellschaft kann schon einiges tun. Vor allem die Aggressionsprävention bei 18- bis 30-jährigen Männern ist notwendig, denn sie sind die gefährlichste Spezies der Welt. Früher konnten sie ihre Aggressionen vielleicht durch Holzhacken oder Schneeschippen abbauen. Heute muss man sehen, wie man ihre Aggressivität etwa in Sport oder Wettkämpfe umwandeln kann - also Kampfeshandlungen, bei denen kein Blut fließt. Und es ist natürlich wichtig, dass die Entwicklung der Empathie gefördert wird.

Verbrechen: Das Böse ist der Preis für die Freiheit

Wäre eine Welt ohne das Böse denn wünschenswert

Nein. Die Philosophen sehen das Böse als Preis der Freiheit. Es gäbe demnach keine Freiheit, wenn wir uns nicht zwischen Gut und Böse entscheiden könnten. Psychologisch ist das Böse eine Aggression, also eine Vitalkraft. Es ist nur wichtig, dass sie in die richtigen Bahnen gelenkt wird, so dass niemand verletzt wird.

Reinhard Haller, Jahrgang 1951, ist ein österreichischer Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe. Als psychiatrischer Gutachter begegnete er vielen Schwerverbrechern. Der ehemalige ärztliche Leiter der Klinik Maria Ebene ist als Therapeut und Sachverständiger tätig. Als Autor veröffentlichte er im Salzburger Ecowin-Verlag bereits die Bücher "Die Macht der Kränkung" und "Die Narzissmusfalle". Sein neues Buch ist ebenfalls dort erschienen. Es heißt "Das Böse. Die Psychologie der menschlichen Destruktivität", hat 232 Seiten und kostet 24 Euro. red

In Frankfurt wird eine Frau vermisst. Die Polizei durchsucht Müllberge in Flörsheim nach der Toten. Es ist nicht der erste Fall dieser Art.

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