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Im Auto von NPD-Bundesvize Thorsten Heise machten sie Jagd auf zwei Journalisten.
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Im Auto von NPD-Bundesvize Thorsten Heise machten sie Jagd auf zwei Journalisten.

Rechtsextremismus

Prozess gegen Neonazis: Enormes Desinteresse an Aufklärung

  • VonJoachim F. Tornau
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Im Auto von NPD-Bundesvize Thorsten Heise machten sie Jagd auf zwei Journalisten. Laut Anwalt der Nebenklage ist „die kollektive Motivationslosigkeit bei der Aufklärung der Tat dramatisch.“

Fretterode/Thüringen - Immer wenn vor dem Landgericht im thüringischen Mühlhausen der sogenannte Fretterode-Prozess verhandelt wird, steht draußen auf dem Parkplatz dasselbe Auto. Ein dunkler BMW mit dem Kennzeichen EIC für den Landkreis Eichsfeld, zugelassen auf den mächtigen NPD-Bundesvize und rechtsextremen Kameradschaftsführer Thorsten Heise. Es ist das Auto, mit dem die Neonazis Nordulf H. und Gianluca B. im April 2018 zwei antifaschistische Journalisten über die Straßen in Nordwestthüringen gejagt haben sollen, rund um das Dorf Fretterode, wo Heise und sie residieren. Eine Tatwaffe, wenn man so will.

Auch am Dienstag, dem zehnten Verhandlungstag, kamen die beiden Angeklagten wieder mit eben diesem Wagen, als wäre nichts gewesen. Oder jedenfalls: nichts, was sie zu bereuen hätten. Eine Demonstration der Stärke, so dürfte das wohl gemeint sein. Laut Anklage sollen Nordulf H. und Gianluca B. die Rechercheure am Ende der Verfolgungsjagd mit einem Traktorschraubenschlüssel, einem Baseballschläger und einem Messer angegriffen und schwer verletzt haben. Und sie sollen den beiden Göttingern die Kamera geraubt haben, mit der diese zuvor am Heise’schen Anwesen fotografiert hatten.

Prozess gegen Neonazis: Die Beweise sprechen immer deutlicher gegen die beiden Angeklagten

Die Angeklagten behaupten, sich lediglich verteidigt zu haben. Doch die Beweislage spricht immer deutlicher gegen sie. Nicht nur haben Zeug:innen die Darstellung der Journalisten bestätigt, auch die Jenaer Rechtsmedizinerin Else-Gita Mall erschütterte die Geschichte von der Notwehr: Dass Gianluca B., wie er beim Prozessauftakt behauptet hatte, von einem der beiden Journalisten der kleine Finger mit einem Baseballschläger gebrochen worden sei, hält die Sachverständige angesichts des Verletzungsbilds für äußerst unwahrscheinlich. Er habe sich wohl eher den Finger in einer Autotür geklemmt. Das hatte der NPD-Aktivist im Übrigen auch selbst angegeben, als er sich behandeln ließ.

Für das, was an jenem Frühlingstag in und um Fretterode genau passiert ist, interessiert sich die Verteidigung allerdings ohnehin auffallend wenig. Die Szene-Anwälte Wolfram Nahrath und Klaus Kunze verwenden ihre Energie fast ausschließlich darauf, die Opfer in ein schlechtes Licht zu rücken. Bereits zum wiederholten Mal stellte Kunze – einst bei den extrem rechten „Republikanern“ aktiv und heute als Rechtsaußenpublizist um Intellektualität bemüht – Beweisanträge, die alle um dieselbe Unterstellung kreisen: Die zwei Journalisten seien gar keine Journalisten. Und ihr Besuch in Fretterode deshalb „alles andere als harmlos“.

Prozess gegen Neonazis: Ein Beamter spricht mit viel Respekt von „Herrn Heise“

Kunzes Logik geht so: Wer Rechtsextreme aus antifaschistischer Motivation heraus beobachtet, wer ihre Aktivitäten dokumentiert und fotografiert, wer also tut, was die beiden Nebenkläger nebenberuflich und in ihrer Freizeit getan haben, der wird quasi automatisch zum Teil eines linksterroristischen Netzwerks. „Es ist schlechterdings kein anderer Zweck solcher Veröffentlichungen erkennbar, als die Voraussetzungen für einen Anschlag zu schaffen“, sagte der Anwalt.

Es ist eine Lesart, die, wenn man die Zeichen richtig deutet, bei Staatsanwaltschaft und Gericht eher nicht verfangen wird. Bei der örtlichen Polizei aber scheint mancher eine ähnliche Sicht von Gut und Böse in Fretterode zu haben. Über „Scherereien“ durch Antifa und Menschen, die sich als „freie Presse“ ausgeben würden, klagte ein Beamter, der zugleich mit viel Respekt von „Herrn Heise“ sprach: „Er äußert sich uns gegenüber immer dahingehend: Wir müssten uns nicht kümmern, er regele das selbst.“

Prozess gegen Neonazis: Die Polizei sah zu, wie Beweismittel aus dem Auto des Angeklagten geholt wurden

Nach der Tat hatte eine Polizeistreife an dem von Thorsten Heise bewohnten Gutshaus tatenlos zugesehen, wie mögliche Beweismittel aus dem Tatfahrzeug herausgeholt wurden. Und eine andere durchsuchte zwar irgendwann das Haus nach den Tatverdächtigen, ignorierte dabei aber das Nebengebäude, in dem Gianluca B. lebte, und suchte auch gar nicht erst nach Tatwaffen oder der Kamera. Am Dienstag nun stellte sich heraus: Es soll überhaupt nur einen einzigen Versuch gegeben haben, die Fotoausrüstung zu finden – bei einem Abfahren der rund acht Kilometer langen Strecke, auf der die Verdächtigen nach Hause zurückgekehrt waren.

„In der Ermittlungsarbeit der Polizei vor Ort tun sich immer neue Abgründe auf“, kommentierte Nebenklageanwalt Sven Adam. „Die kollektive Motivationslosigkeit bei der Aufklärung der Tat ist dramatisch.“ Gegen einen der am Tattag eingesetzten Polizisten laufen mittlerweile sogar interne Ermittlungen, wie die Landespolizeidirektion Thüringen auf Anfrage bestätigte. Aber nicht um die Ermittlungspannen geht es dabei, sondern um eine Frage, die der Beamte nach seiner Zeugenvernehmung an Verteidiger Nahrath gerichtet haben soll und die, wie Anwalt Adam noch recht diplomatisch formulierte, „unangenehm viel Raum für Spekulationen“ lässt: „War das in Ordnung, was ich gesagt habe?“ Es werde derzeit geprüft, teilte die Landespolizeidirektion mit, ob es ein Gespräch zwischen Verteidiger und Zeugen gegeben habe. Auch das Gericht interessiert sich offenbar dafür. Am Montag ist der Polizist jedenfalls erneut als Zeuge geladen. (Joachim F. Tornau)

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