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Leerstehende Industriehalle in Schwerin.

Deutsche Einheit

Der Provokateur

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Der Ökonom Reint Gropp macht viel Wind mit seinen Thesen zur ostdeutschen Wirtschaft - ein Porträt.

Im Frühjahr hatte Reint Gropp viel Ärger. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sprach von „gropp fahrlässiger Wissenschaft“. Seinem sächsischen Kollegen Michael Kretschmer (CDU) fiel mit Blick auf die Studie aus Gropps Haus die Vokabel „Gebrabbel“ ein. Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff, ebenfalls Christdemokrat, fand, dass man von einem öffentlich finanzierten Institut schon erwarten könne, „einen Beitrag“ zur Lösung der Probleme Ostdeutschlands zu leisten. Auf Haseloff kommt es besonders an. Denn das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) hat in Halle (Sachsen-Anhalt) seinen Sitz. Reint Gropp ist dort nichts Geringeres als der Präsident.

Sechs Monate später sitzt der 52-Jährige in Jeans und offenem Hemd im Atrium der Berliner Bundespressekonferenz und rührt in einem Cappuccino. „Wir müssen von dem, was wir gemacht haben, nichts zurück nehmen“, sagt er, fügt aber hinzu. „Wie sich das politisch übersetzen lässt, ist eine ganz andere Frage.“ Es ist die in diesem Zusammenhang maßgebliche.

Gropp wurde in Bottrop geboren, arbeitete beim Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank. 2014 wurde er Chef des IWH. Fünf Jahre nach seiner Ankunft hat Gropp mit besagter Studie kräftig Staub aufgewirbelt. Sie stellt Subventionen infrage und sieht in den Städten mehr Chancen als auf dem Land. Der Betroffene sagt, dass die Unabhängigkeit der Wissenschaft im Grundgesetz verankert sei. Und: „Mein Job ist manchmal eben auch, das zu sagen, was politisch nicht sagbar ist.“ Dann dekliniert er die Ergebnisse der Studie durch.

Reint Gropp stellt die Subventionen für den Osten in Frage.

So seien ostdeutsche Unternehmen vielfach unter der Bedingung subventioniert worden, dass sie bestimmte Beschäftigungsziele erreichten, sagt Gropp. Anschließend dürfe man „sich nicht wundern, dass die Produktivität pro Kopf niedriger ist“. Überhaupt habe Ostdeutschland „mit Gewalt und gegen den Strom versucht, Industriearbeitsplätze zu erhalten. Das war teuer und hat meistens nicht geklappt.“ Da unternehmensnahe Dienstleistungen wiederum in den Städten entstünden und nicht auf dem Land, „müssen wir uns Gedanken darüber machen, was diese Räume attraktiver macht für diese Art von Menschen in Dienstleistungsberufen“. Dabei gehe es in erster Linie „um ein Image, um produktive Menschen mit hohem Potenzial irgendwo hinzukriegen. Dieser Image-Gedanke ist den Deutschen sehr fremd.“ Und die AfD-Wahlerfolge seien „tödlich“. Ohnehin sei es „ein Irrweg“ zu glauben, man könne „mit neuen Autobahnauffahrten oder 5G“ im Harz oder in der Lausitz gleichwertige Lebensverhältnisse herstellen.

All das hat eine innere Logik. Freilich kann sich ein Politiker aus Sachsen-Anhalt diese Logik nicht zu eigen machen. Dort gibt es mit Halle und Magdeburg nur zwei Großstädte von zusammen nicht mal 500 000 Einwohnern, während die übrigen etwa 1,7 Millionen Einwohner drum herum wohnen. In Sachsen und Thüringen ist es ähnlich.

Derzeit verhandelt Reint Gropp mit dem Land Sachsen-Anhalt über eine Verlängerung seines Ende Oktober auslaufenden Vertrages. Der Ausgang ist offen.

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