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Marcel Reich-Ranicki sprach am Freitag im Bundestag in Berlin.
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Marcel Reich-Ranicki sprach am Freitag im Bundestag in Berlin.

Marcel Reich-Ranicki

Der Protokollant des Holocaust

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Marcel Reich-Ranicki spricht am Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag und stellt ein Stück Literatur in den Raum: das Protokoll eines Überlebenden.

Marcel Reich-Ranicki spricht am Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag und stellt ein Stück Literatur in den Raum: das Protokoll eines Überlebenden.

Vom Bundespräsidenten gestützt, hatte er am Rednerpult des Deutschen Bundestages Platz genommen und blickte suchend zur Kanzlerin. Beinahe zärtlich gab diese ihm ein Zeichen zu beginnen. „Ich soll hier eine Rede halten“, sagte Marcel Reich-Ranicki, der Gastredner der „Gedenkstunde des deutschen Bundestags zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ und schlug eine Ringmappe auf.

Das Sprechen fiel dem 91jährigen schwer. Um klare Intonation ringend, berichtete Marcel Reich-Ranicki über wenige Tage aus seinem Leben. Es war der 22. Juli 1942, als die Nazis unter der Leitung des SS-Sturmbannführers Hermann Höfle, einem selbstherrlichen Zyniker, die Deportationen der Juden des Warschauer Ghettos in die Vernichtungslager anordneten.

Marcel Reich-Ranicki, kurz zuvor 22 Jahre alt geworden, sollte die Befehle Höfles, die bald darauf plakatiert wurden, ins Polnische übersetzen. Das Klappern der Schreibmaschine durchbrach eine furchterregende Stille und Marcel Reich-Ranicki tippte, so schnell er konnte, Höfles „Auflagen für den Judenrat“.

Die Geschichte, die Reich-Ranicki vortrug, ist bekannt. Durch sein Buch „Mein Leben“ hat sie ein Millionenpublikum gefunden, für das Fernsehen wurde sie verfilmt. Marcel Reich-Ranicki berichtete auch von der Blitzheirat mit seiner Frau Teofila, die rasch vollzogen werden musste, weil Höfles Anordnungen vorsahen, dass arbeitsfähige Juden und ihre Ehefrauen zunächst von den Deportationen ausgenommen waren.

In seiner Eröffnung der Gedenkstunde hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert darauf hingewiesen, dass Anordnungen wie diese am 20. Januar 1942 auf der so genannten Wannsee-Konferenz in Berlin festgelegt worden waren.

Flucht in den Freitod

Immer wieder glaubte Marcel Reich-Ranicki, Halbsätze seines Vortrags wiederholen zu müssen. Die Stimme brüchig, war er darum bemüht, dass nichts verloren geht. Er sprach von dem Befehl zur Umsiedlung, ein Wort, dessen genaue Bedeutung zunächst unklar war.

Marcel Reich-Ranicki hielt keine Rede, er trug einen Text vor. Jene trotzige Spontanität, in der er vor ein paar Jahren die Auszeichnung mit dem Deutschen Fernsehpreis abgelehnt hatte, schien er sich zu verbieten. Es ist ein Stück Literatur, das der berühmte Literaturkritiker in den Raum stellte. Marcel Reich-Ranicki gab Zeugnis darüber ab, wie er als Protokollant zugleich das Todesurteil über die Warschauer Juden aus der Sprache der Täter in jene der Opfer zu übertragen hatte.

Und er berichtete vom Selbstmord des Judenältesten Adam Czerniakow, der sich mit einer Kapsel Zyankali vergiftet hatte und in einem hinterlassenen Schreiben darum bat, sein Freitod möge ihm nicht als Feigheit ausgelegt werden. „Ich habe beschlossen abzutreten“, zitierte Reich-Ranicki, auf äußerste Genauigkeit bedacht, aus dem Brief.

Der Holocaust-Gedenktag wird seit 1996 jeweils am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, mit einer Gedenkstunde im Deutschen Bundestag begangen. Fast immer waren Überlebende des Holocaust auch die Gastredner dieser Gedenkstunde. Sie blickten zurück, mahnten, appellierten oder schauten in die Zukunft. Marcel Reich-Ranicki hat keine Rede gehalten, sondern zu Protokoll gegeben, was er erlebt hat.

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