Arabischer Frühling 2.0

Aufruhr im Nahen Osten

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Demonstrationen im Libanon, Irak und in Algerien für ein Ende der arabischen Machtsysteme.

Acht Jahre nach dem Arabischen Frühling 2011 erlebt der Nahe Osten die nächste Welle des Aufruhrs. „Wir wollen in Würde leben“, skandieren Abermillionen frustrierter Bürger. Quer durch die arabische Welt haben sie Korruption, Dauerelend und Selbstbereicherung der Machthaber satt und fordern fundamentale Reformen. Am Freitag strömten im Libanon, in Algerien und im Irak die Massen auf die Straßen, während Ägyptens Regime nach einem kurzen Aufflackern des Protestes im September mit Massenverhaftungen von über 4000 Personen reagierte. „Irak – Libanon – Algerien, hoffentlich habt ihr Erfolg und zieht die anderen nahöstlichen Nationen aus ihrer Misere“, applaudierten Aktivisten auf Twitter.

Für die Algerier war es #Vendredi36 – Freitag Nummer 36. „Wir hören nicht auf“, skandierten die Demonstranten am 36. Freitagsmarsch seit Beginn des friedlichen Volksaufstands am 22. Februar. „Diebe“, „Verräter“ „Haut ab“, hallte es durch die Straßenschluchten von Algier. Denn die Bevölkerung will sich dem Diktat von Armeechef Ahmed Gaid Salah nicht beugen, der bis Ende des Jahres Neuwahlen zum Präsidentenamt verlangt, die nun für den 12. Dezember ausgeschrieben sind. Am Samstag um Mitternacht läuft die Bewerbungsfrist ab. Bisher reichte nur ein einziger alter Regimekader seine Kandidatur ein. Bleibt es dabei, hätte das Volk nach dem 4. Juli zum zweiten Mal das Neuwahlultimatum des Generalstabschefs durchkreuzt. Denn die Algerier pochen auf eine Verfassungsgebende Versammlung, die zunächst das korrupte Regierungssystem von Grund auf umkrempeln soll. Dann erst wollen sie einen Nachfolger für den 82-jährigen Abdelaziz Bouteflika wählen, den sein Volk im April zum Rücktritt zwang.

Ähnlich hochbetagt ist auch der libanesische Präsident Michel Aoun. Eine Woche lang brauchte der 84-Jährige, bis er schließlich den Demonstranten anbot, ihre Forderungen anzuhören – was auf den Straßen Beiruts mit Buhrufen quittiert wurde. Denn die Libanesen fordern ebenfalls den Abtritt ihrer gesamten Politikerkaste. „Alle heißt alle“, skandierten die Demonstranten wieder am Freitag.

Auch im Irak fordern Zehntausende ein Ende des korrupten Systems. „Wir wollen Arbeit, Strom und sauberes Wasser“, rief die Menge in Bagdad. Der angesehene Großajatollah Ali al-Sistan beschwor seine Landsleute, die Nation nicht ins Chaos abrutschen zu lassen. Denn der Volkszorn richtet sich auch gegen den Einfluss des Iran, der sich mit den Volksmobilisierungskräften im Irak eigene Machtzentren geschaffen hat. Während der Massenproteste Anfang Oktober starben 149 Menschen. Die meisten offenbar durch Scharfschützen aus den Reihen irantreuer Milizen. Schiitische Demonstranten verbrannten daraufhin iranische Flaggen und forderten eine Ende der Einmischung Teherans.

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