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Auslöser der Demonstrationen war eine geplante relativ geringe Erhöhung der Nahverkehrspreise - aber bald machten die Einwohner des südamerikanischen Landes ihrem grundsätzlichen Zorn über niedrige Löhne und Renten, hohe Lebenshaltungskosten und ungleiche Verteilung des Wohlstands Luft.

Proteste

Chile bricht auf

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Die sozialen Proteste in dem südamerikanischen Land sind erst der Anfang. Die Menschen fordern einen anderen Staat - und sie wollen ihn selbst gestalten.

In diesen aufgewühlten Tagen bestimmen Demonstrationen und Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und jugendlichen Protestierern den Alltag in Chile. Die Menschen machen ihrem Ärger über Staat und System aber nicht nur lautstark und zum Teil gewaltsam Luft, sondern sie suchen auch nach Ideen für ein neues, gerechteres Modell für dieses schwankende Land, das einmal als Vorbild für ganz Lateinamerika galt.

Es ist „Súper Lunes“, der Supermontag mit Generalstreik und Protestmarsch, zu dem mehrere Organisationen nach dem langen Allerheiligen-Wochenende aufgerufen haben. Am Morgen streiken die Taxifahrer und blockieren den Präsidentenpalast „La Moneda“. Auch Ärzte und Krankenhäuser schließen sich in vielen Teilen des Landes an. Basisgruppen, „Völkerversammlungen“ und die Dachorganisation „Unidad Nacional“, in der sich gewerkschaftliche und soziale Organisationen zusammengeschlossen haben, haben für den Nachmittag zum Protestmarsch auf die Plaza Italia im Herzen Santiagos aufgerufen.

„Wir müssen den Druck auf die Regierung aufrecht erhalten“, sagt etwa Emilia González auf dem Weg in die Stadt. „Wir dürfen nicht nachlassen.“ Die 27-jährige Pädagogin und Studentin der Theaterwissenschaft hat den Hörsaal mit der Straße getauscht. „Wir brauchen radikale Veränderungen und wollen keine Reförmchen, keine kosmetischen Veränderungen, wie sie uns der Präsident anbietet. Es geht schließlich um 30 Jahre Missbrauch“, sagt González und drückt das aus, was Chilenen allen Alters, fast aller politischen Couleur und Berufsgruppen finden. „Basta ya“ – es reicht. So oder so ähnlich steht es tausendfach auf den Hauswänden rund um die Plaza Italia gesprüht.

Auf den Straßen von Santiago kommt zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. 

Es ist Tag 17 seit dem kollektiven Wutausbruch eines ganzen Landes gegen das bestehende Sozial- und Wirtschaftsmodell. Entzündet hat sich die Rebellion am 18. Oktober an einer minimalen Erhöhung der Preise der U-Bahn-Tickets. Aber es war die dritte Preisanpassung in diesem Jahr und das in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen im Schnitt 500 Euro verdient, und in dem nicht nur der öffentliche Nahverkehr so viel kostet wie in Paris. Und so wurde aus dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, ein Tsunami, von dem noch nicht klar ist, ob er den konservativen Präsidenten Sebastián Piñera aus dem Amt spült.

Mehr als 20 Tote, über tausend Verletzte, Millionenschäden, zerstörte Infrastruktur und geplünderte Geschäfte sind ebenso zu beklagen wie das zerstörte Bild vom Musterländle Lateinamerikas. Nun gleicht der Andenstaat mitunter einem Bürgerkriegsland, der Präsident wirkt überfordert. Erst hat er seine Landsleute als Vandalen beschimpft, wähnte sich im Krieg gegen sein Volk. Dann folgte eine öffentliche Entschuldigung, eine Kabinettsumbildung und schließlich zerknirscht die Absage des Asien-Pazifik-Wirtschaftsforums Mitte November sowie des Weltklimagipfels Anfang Dezember.

Chile ist blamiert, der Präsident schwer angeschlagen, aber der Aufruhr geht dennoch weiter. Man hat sogar den Eindruck in diesen Tagen, dass es gerade erst richtig anfängt. Auch nach diesem langen Allerheiligen-Wochenende halten die Menschen im ganzen Land die Proteste aufrecht, fordern Reformen, wollen eine verfassunggebende Versammlung und kritisieren den harten Einsatz der Sicherheitskräfte. Lauthals singen sie: „Chile despertó“, Chile ist endlich erwacht.

An diesem Supermontag strömen die Menschen schon am frühen Nachmittag zur Plaza Italia, aber Panzerwagen und Wasserwerfer der Polizei versperren den Weg. Doch gekommen sind keine Vandalen, sondern Ehepaare, Rentner, Schüler und Studierende wie Emilia González, die ihren Unmut tanzend, hüpfend und die Regierung verfluchend zum Ausdruck bringen. Erst nach Einbruch der Dunkelheit liefern sich Vermummte Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften. Der Supermontag endet mit sechs verletzten Polizisten, die durch Brandsätze schwere Verbrennungen erleiden.

Seit drei Wochen ist in Chile nichts mehr normal. Santiago, die Hauptstadt, funktioniert nur halbtags mit scheinbarer Normalität. Aber schon am frühen Nachmittag machen die Menschen Feierabend, bevor die Proteste beginnen und die Stadt sich mancherorts in einen Gefechtsstand verwandelt. Oder sie treffen sich zu Bürgerversammlungen.

Zu solch einer Versammlung hat weit weg vom Zoff im Zentrum Cristián Talamilla seine Nachbarn zusammengetrommelt. Auf einen Klapptisch stellt er große Flaschen mit Wasser und Cola, daneben legt er einen Stapel Fragebögen, um die sich an diesem sonnigen Frühlingstag alles dreht.

Cristián Talamilla (r.) bei der Bürgerversammlung.

Talamilla, kariertes Hemd und Schiebermütze, ist Aktivist in Valle Grande, einem Mittelklassevorort am nördlichen Stadtrand der chilenischen Hauptstadt. Der 46-jährige Vorsitzende einer Nachbarschaftsinitiative hat die Anwohner im kleinen Park des Ortes zu einem „cabildo abierto“ zusammengerufen, einem „offenen Bürgerrat“. Die Cabildos sind spontane Treffen auf Stadtteilebene, in Betrieben, Unis, in Hausgemeinschaften und Gremien und sie finden derzeit überall in Chile statt. In diesen verwirrenden Tagen suchen die Menschen nach Orientierung und Ideen, wollen mitreden, mitgestalten und helfen, ein neues Gesellschaftsmodell für das südamerikanische Land zu entwerfen.

Die Chilenen haben die Nase voll von einem Sozial- und Wirtschaftsmodell, das niedrige Löhne, hohe Lebenshaltungskosten, ein gewinnorientiertes Bildungs- und Gesundheitssystem sowie privatisierte Pensionskassen bedeutet und das für viele Menschen längst unerschwinglich ist. Ein Modell, das aus den Zeiten der Diktatur von Augusto Pinochet (1973 bis 1990) stammt und das in der Verfassung von 1980 verankert wurde. Chile war Versuchslabor der Chicago-Boys um den Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman. Er verwandelte Chile in ein neoliberales Paradies, in dem die Privatwirtschaft alle Rechte, aber kaum Pflichten hat, Ressourcen nach Belieben ausbeuten darf und in dem sogar das Wasser privatisiert ist. „Die Menschen fühlen sich ausgepresst, missbraucht und haben das Gefühl, vor lauter Gebühren, Kosten, und Abgaben nie auf einen grünen Zweig zu kommen“, fasst Talamilla die Stimmung zusammen.

Jenseits der vermummten Jugendlichen und knüppelnden Sicherheitskräfte unter Tränengasschwaden, die derzeit die Bilder aus Chile dominieren, suchen Hunderte spontane Bürgerräte den Schlüssel zu einem neuen „Gesellschaftsmodell“. In Valle Grande sind an diesem Nachmittag Lehrerinnen, Kleinunternehmer, ein junger Ingenieur, Mütter und Hausfrauen dem Ruf zum „cabildo abierto“ gefolgt. Insgesamt 21 Menschen diskutieren zwei Stunden angeregt. Die einen wollen bezahlbare Gesundheit, andere eine Reduzierung des Arbeitstages auf acht Stunden. Für die Mütter müssen die staatlichen Schulen besser werden. Ein Rentner beklagt, dass die Abgeordneten Diäten von über 20.000 Euro im Monat beziehen. Und alle gemeinsam drückt die hohe Verschuldung.

Kanalisiert werden die Ergebnisse dieser Bürgerräte später über Dachorganisationen wie die „Unidad Social“, in der Gewerkschaftsverbände, Lehrervereinigungen, Studentenräte und Frauenorganisationen zusammengeschlossen sind. Die „Unidad Social“ hat die Fragebögen ausgearbeitet, die fast allen Bürgerräten vorliegen: „Wie kann es mehr soziale Gerechtigkeit geben“, „was sind die wichtigsten Forderungen, „was können Bürger und die Zivilgesellschaft tun, um die Ziele zu erreichen“, lauten die Fragen.

„Die meisten Chilenen wollen ein Plebiszit und eine verfassunggebende Versammlung erreichen“, sagt Camila Miranda, Direktorin des Thinktanks „Fundación Nodo XXI“. Sie lehnen die aktuelle Verfassung ab, weil sie ihnen kein Grundrecht auf Bildung, Gesundheit oder Wohnen zusichert, sondern die Rolle des Staates auf die eines „Privatisierungshelfers“ reduziert, betont Miranda. Und die Folgen bekämen nicht nur die Studierenden zu spüren, die sich für ihr Studium ihr halbes Leben verschulden, sondern inzwischen auch die Pensionäre, die mit umgerechnet 150 Euro Mindestrente in einem Land auskommen müssen, in dem die Dienstleistungen so teuer sind wie in Europa.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Cadem sind inzwischen 87 Prozent der Chilenen für eine neue Verfassung. 46 Prozent sind zudem der Meinung, diese sollte durch eine verfassunggebende Versammlung ausgearbeitet werden.

Am Ende seines „cabildo abierto“ sammelt Talamilla die übrigen Fragebögen wieder ein und ermahnt seine Nachbarn aus Valle Grande, am Ball zu bleiben. „Die Regierung setzt auf die Ermüdung der Bewegung. Aber denkt dran – Chile despertó – Chile ist endlich erwacht“, schärft er den Leuten ein und ruft sie für Samstag wieder zusammen.

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