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Auch der EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm steht in der Kritik.

Evangelische Kirche

Protestantinnen greifen EKD-Spitze an

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Vor Beginn der EKD-Synode werfen die "Evangelischen Frauen in Deutschland" der Kirche schwere Versäumnisse beim Thema sexueller Missbrauch vor. Grund für das Zaudern bei der Aufklärung ist auch die Homophobie in manchen Landeskirchen.

Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt. Der bisherige Umgang der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit sexuellem Missbrauch erinnert bisweilen fatal an dieses scharfzüngige Bonmot des französischen Künstlers Marcel Duchamp. Natürlich, es gebe Missbrauch durch Pfarrer auch bei den Protestanten. Jeder einzelne Fall sei zu beklagen und müsse aufgearbeitet werden, sagt der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber. Aber es gebe „bei uns nicht dieselben strukturellen Voraussetzungen wie in der katholischen Kirche – Stichworte: hierarchische Struktur, Autoritätsverhältnisse, Pflichtzölibat, Sexualmoral.“ Und auch international habe das Problem im evangelischen Bereich „nicht die gleiche Dramatik“. 

Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass die EKD diese Linie räumen muss. „Die Missbrauchsvergehen und die institutionelle Mitverantwortung der Kirchenleitungen bundesweit und nach gemeinsamen Standards aufzuarbeiten, ist überfällig“, sagt zum Beispiel die Vorsitzende der Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD), Susanne Kahl-Passoth. 

Evangelische Frauen verabschieden Resolution

Den Vergleich mit der katholischen Kirche und den Hinweis auf deren höhere Fallzahlen nennt die pensionierte Kirchenrätin und Ex-Chefin der Berliner Diakonie „zynisch“ mit Blick auf die Betroffenen. „Wir tun in der EKD so, als ob Missbrauch bei uns nicht so vorgekommen wäre. Eine Auseinandersetzung mit Ursachen und begünstigenden Strukturen fehlt völlig“, kritisiert Kahl-Passoth. Und sie glaubt auch zu wissen, warum: „Es gibt immer noch Leute, den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm  eingeschlossen, die mit dem Thema Missbrauch am liebsten nichts zu tun hätten und sich nicht ein bisschen in die Situation der Opfer einfühlen.“ Deren Forderungen würden als unangenehm, lästig oder sogar unbillig abgetan – nach dem Motto, „was denken die sich eigentlich, und was wollen die von uns?“

Ganz ähnlich sieht das auch die frühere Familienministerin Christine Bergmann, die der Missbrauchskommission der Bundesregierung angehört. Sie beklagt in puncto Aufklärung einen Flickenteppich. „Es gibt keine zentrale Stelle, jede Landeskirche geht nach eigenen Konzepten vor. Die Standards sind so unterschiedlich, dass Intransparenz die logische Folge ist. Das macht es nicht zuletzt den Betroffenen schwer, mit der Kirche ins Gespräch zu kommen.“

Als erste Schritte fordert sie einen hochrangigen EKD-Missbrauchsbeauftragten, wie ihn die katholische Kirche mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann schon seit 2010 hat, eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene und deren Beteiligung an allen Prozessen der Aufarbeitung. „Die Zeit der Entschuldigungen ist vorbei. Es muss jetzt endlich verbindliche Standards und greifbare Hilfen geben“, sagte Bergmann dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Unmittelbar vor Beginn der EKD-Synode, die von Sonntag bis Mittwoch in Würzburg tagt, haben die Evangelischen Frauen eine Resolution verabschiedet, die genau auf dieser Linie liegt. Das erhöht den Druck sowohl auf das Kirchenparlament als auch auf die 20 EKD-Mitgliedskirchen. Synodenpräses Irmgard Schwaetzer ist sich nach eigenen Worten sicher, dass die Synode „sich der Schuld stellen wird, die die evangelische Kirche in der Vergangenheit auf sich geladen hat.“ Auch werde das Gremium keinen Zweifel an der Dringlichkeit des Themas lassen.

Noch allerdings gibt es zu solchem Zweifel guten Grund. Längst nicht alle Landeskirchen haben die Missbrauchsfälle in ihrem Bereich aufgearbeitet, nur die Hälfte hat entsprechende Kommissionen eingerichtet. Auf eine Umfrage der Wochenzeitung „Die Zeit“ zur Notwendigkeit systematischer Aufarbeitung kamen Reaktionen wie „nicht notwendig“, „keine Veranlassung“, „nicht geplant“. 

Ideologische Spannungen zwischen den Landeskirchen

Hinter vorgehaltener Hand ist von einem eklatanten Gefälle im Problembewusstsein der verschiedenen Landeskirchen die Rede. Aus der Leitung einer der größten EKD-Mitgliedskirchen wird berichtet, das Thema Missbrauch sei erst im September nach Jahren „erstmals eingehend behandelt“ worden. Anlass sei der überhaupt erste Fall gewesen, der die Führung der Landeskirche erreicht habe. Nun solle grundsätzlich geklärt werden, was künftig zur Aufklärung zu tun sei, wie mit den Betroffenen umzugehen sei und zu welchem Zeitpunkt Anzeige bei den staatlichen Behörden erstattet werden solle. „Ich war erstaunt, dass es entsprechende Vorgaben oder Empfehlungen offenbar noch nicht gibt“, sagt ein Insider. 

Hinzu kommen auch kirchenpolitische und ideologische Spannungen zwischen den Landeskirchen. So gelten etwa Sachsen oder auch Württemberg als konservative Wagenburgen. Der in der pietistischen Tradition stehende Teil des Protestantismus ist hier besonders stark. Im Südwesten der Republik haben es seine Vertreter – anders als in anderen Landeskirchen – bis in die Administration geschafft und bestimmen so direkt den Kurs der Kirche mit, auch gegenüber der EKD.

Homophobie in Württemberg

Das schlägt sich etwa in einem sehr traditionellen Verständnis der Geschlechterrollen nieder, scharfer Kritik am Gender Mainstreaming, aber auch in einer ausgesprochenen Homophobie. Davon berichten nicht nur Seelsorger, die der Landeskirche aus Protest gegen Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit sowie gegen reaktionäre, ja geradezu paranoide Moralvorstellungen („Wenn das Bein zum Tanz sich regt, wird’s im Himmel abgesägt“) den Rücken gekehrt haben.

„In Württemberg gibt es bösartige Evangelikale, die lieber die EKD verließen, als zum Beispiel homosexuelle Paare zu trauen“, sagt ein Kenner der deutschen Kirchenlandschaft und nennt derartige Haltungen auch als einen Grund für das Zaudern und Zögern bei der Aufklärung von sexuellem Missbrauch. Wenn die EKD oder die Synode hier aus Sicht der Württemberger allzu forsch vorpreschten, könne es passieren, dass die reiche Landeskirche sich aus dem Verbund der EKD verabschiede und ihr damit den Geldhahn zudrehe. „In den Schwarzwald kommt kein Licht, woher soll da die Erleuchtung kommen?“

Nicht alle Landeskirchen kennen Zahl der Betroffenen

Wenn die EKD heute von knapp 500 ihr bekannten Betroffenen spricht, folgt zumindest sogleich der Hinweis, dass diese Zahl nur begrenzt aussagekräftig sei. Wie auch, wenn gar nicht alle Landeskirchen ihre eigenen Zahlen kennen. Zum Vergleich: Die katholische Bischofskonferenz gab als Ergebnis einer von ihr beauftragten Forschungsarbeit fast 3700 Betroffene an – ohne eine mutmaßlich mindestens so große Dunkelziffer. 

Ein EKD-Sprecher erklärte, eine bundesweite Aufarbeitung nach katholischem Beispiel passe nicht zur dezentralen, föderalen der EKD. Ähnlich äußerte sich auch Schwaetzer als Präses der Synode. Das wird nicht durchzuhalten sein, mutmaßt ein führender Vertreter einer großen Landeskirche. Immerhin hat die Kirchenkonferenz der EKD, die Versammlung der leitenden Geistlichen, per Beschluss vom September die Erstellung einer Gesamtstatistik erlaubt. Auch wurde ein „Beauftragtenrat Sexualisierte Gewalt“ eingerichtet und der Weg frei gemacht für eine gemeinsame externe Anlaufstelle, an die Betroffene sich wenden können. 

Diese Überlegungen gingen „in die richtige Richtung“, sagt Christine Bergmann. Wie Susanne Kahl-Passoth dringt aber auch sie auf die gemeinsame Aufarbeitung der Vergangenheit als Voraussetzung für wirksame Prävention. Eine Studie der Nordkirche sei bisher der einzige gründliche Beitrag, den sie gesehen habe. Es dabei nicht zu belassen, sei die evangelische Kirche auch der Gesellschaft schuldig, die ihr wichtige Aufgaben etwa in der Jugendhilfe übertragen habe. „Der damit verbundenen Verantwortung ist die evangelische Kirche, was den Umgang mit dem Missbrauchsproblem betrifft, bislang überhaupt nicht gerecht geworden.“

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