Lutherjahr

Protestanten im Feiermodus

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500 Jahre nach dem Thesenanschlag in Wittenberg startet das Jubiläumsjahr zur Reformation. In Berlin gibt es einen großen Festakt, bei dem Kardinal Lehmann als erster Katholik überhaupt die Martin-Luther-Medaille erhält.

Die evangelische Kirchengemeinde Biberach hat es in den vergangenen Tagen zu einiger Berühmtheit gebracht. EU-Kommissar Günther Oettinger karikierte mit einem (hypothetischen) Vetorecht des Kirchengemeinderats gegen das europäische Freihandelsabkommen mit Kanada das Mitbestimmungs-Wirrwarr in der EU. Dazu wollte sich der Biberacher Pfarrer Helger Koepff auf Nachfrage der „Süddeutschen Zeitung“ – wie er sagte – „vornehm zurückhalten“, weil Ceta ja an viel höherer Stelle verhandelt werde.

Innerkirchlich bewegt ein anderes Thema die höchsten Ebenen ebenso wie die Basis: das Jubiläum der Reformation vor 500 Jahren. Und daran beteiligen sich die Biberacher zum Auftakt am Reformationstag sehr wohl – genau wie die Spitzenvertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland, die 20 Landeskirchen und ihre Ortsgemeinden.

Die Biberacher kommen um 9.30 Uhr zu einem „Zentralen Eröffnungsgottesdienst“ zusammen. In Berlin leiten der EKD-Ratsvorsitzende, Bayerns Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, und Kardinal Reinhard Marx für die Deutsche Bischofskonferenz einen ökumenischen Gottesdienst. Beim anschließenden staatlichen Festakt redet der Bundespräsident, und der Mainzer Kardinal Karl Lehmann erhält als erster Katholik überhaupt die „Martin-Luther-Medaille“ für seine Verdienste um die evangelisch-katholische Aussöhnung.

Damit markiert die EKD schon, worauf es ihr in diesem Jubiläumsjahr ankommt: nicht Abgrenzung, sondern Bekenntnis zur Gemeinsamkeit der Kirchen. Zum ersten Mal in der Geschichte, wird Bedford-Strohm nicht müde zu betonen, habe das Reformationsgedenken diesen verbindenden Charakter, auch über nationale Grenzen hinweg.

Deshalb, so der Bischof, „werden wir froh und dankbar nach Lund winken“, wo Papst Franziskus die von Martin Luther ausgelöste reformatorische Bewegung würdigen wird. Dass es bei manchem in der EKD auch ein erleichtertes Winken sein könnte, weil den deutschen Protestanten ein Papst-Besuch mit seinem alles überlagernden Promi-Faktor vorerst erspart bleibt, ist nicht auszuschließen.

Bedford-Strohm indes bekundet seine Freude über das große öffentliche Interesse am Jubiläum in Deutschland. „Die Reformation bewegt die Menschen als historisches, kulturelles, vielleicht auch geistliches Ereignis in einer Zeit mit so viel Spaltung und Suche nach Orientierung.“ Dem will die evangelische Kirche bis Ende Oktober 2017 mit ungezählten Veranstaltungen Rechnung tragen. Auch der Bund, die Länder und Kommunen, Museen, Universitäten und andere Bildungsträger beteiligen sich mit eigenen Angeboten am Programm des Jubiläumsjahres, in dem – wie immer wieder zu hören ist – „an Luther und der Reformation kein Weg vorbeiführt“.

Weil sich die evangelische Kirche in der Tradition von Luthers Rückbesinnung auf die Heilige Schrift in besonderer Weise als „Kirche des Wortes“ versteht, hat sie am Sonntag mit einem Festgottesdienst in Eisenach die „Lutherbibel 2017“ offiziell vorgestellt, eine revidierte Fassung von Luthers Bibel-Übersetzung ins Deutsche. Startauflage: 140 000 Stück.

Davon sind 45 000 Exemplare als „Jubiläumsausgabe“ gestaltet. Sie ist bereits vergriffen und wird derzeit nachgedruckt. Auch eine neue, kostenlose Bibel-App für Smartphone und Tablets steht zur Verfügung. 26 000 User haben sie sich bisher heruntergeladen, einer von ihnen ist Bedford-Strohm selbst. Zu den Höhepunkten im Jubiläumsjahr 2017 gehört dann die Tour eines „Reformationstrucks“ zu mehr als 60 Stätten der Reformationsgeschichte in 19 Ländern vom finnischen Turku bis Rom. Das Ziel ist die Lutherstadt Wittenberg, wo am 20. Mai eine Weltausstellung zur Reformation unter dem Titel „Tore der Freiheit“ eröffnet wird. Eine Woche später findet dort und parallel in Berlin der Evangelische Kirchentag statt, zu dem bis zu 200 000 Teilnehmer erwartet werden.

Schon im März begehen evangelische und katholische Kirche in Hildesheim einen „Healing of Memories“-Gottesdienst. Es geht um ein Zeichen des Bekenntnisses zu den Schattenseiten der Kirchengeschichte und um eine Geste der Versöhnung.

Das Pop-Oratorium „Luther“ gastiert mit Hunderten Mitwirkenden in verschiedenen deutschen Städten.

Festlich beschlossen wird das Jubiläumsjahr Ende Oktober 2017 in Wittenberg. Und egal was die Deutschen – ob Protestanten, Katholiken, anders oder gar nicht Glaubende – von Martin Luther halten, an diesem Tag haben sie ihm zumindest eine Auszeit zu verdanken: Der 31. Oktober 2017 ist in ganz Deutschland ein gesetzlicher Feiertag.

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