Russland

Protest in Moskau nimmt ab

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Aber die Polizei der russischen Hauptstadt hat ihre Taktik geändert. Nun lässt sie die Demonstranten für faire Wahlen gewähren.

Die Menge, die sich um das Gribojedew-Denkmal am Moskauer Tschistoprudny-Boulevard drängte, war nicht in Jubelstimmung. „Natürlich weiß ich, dass es gefährlich ist“, sagte der Ingenieur Michail, 33. „Natürlich will kein Mensch zusammengeschlagen werden, will keiner ins Gefängnis. Aber wenn ich zu Hause sitze, mache ich alles nur schlechter für mich und alle anderen.“ Irgendwo fingen ein paar Leute an, rhythmisch zu klatschen, weitere fielen ein, eine junge Stimme rief den Schlachtruf der neuen Moskauer Straßenopposition: „Lasst uns spazieren gehen!“

Am Samstag versammelten sich in Moskau wieder Tausende Menschen zu einer Protestkundgebung gegen die Nichtzulassung fast aller Oppositionskandidaten bei den Stadtratswahlen am nächsten Sonntag. Und für die Freilassung der Demonstranten, die bei den nicht genehmigten Protesten der vergangenen Wochen festgenommen worden waren. Über ein Dutzend von ihnen sind inzwischen als Anstifter von Massenunruhen und Gewalttäter angeklagt worden.

Die Moskauer Behörden hatten auch dem jüngsten Protestmarsch die Genehmigung verweigert. Und über der Menge, die sich über den Boulevard Richtung Puschkinplatz bewegte, schwebte die Angst vor neuen Massenfestnahmen und vor wahllos prügelnden Einsatzpolizisten. Es waren deutlich weniger Menschen gekommen als bei der genehmigten Demonstration am 10. August. Damals versammelten sich 60 000 auf dem Sacharow-Prospekt. Diesmal vermeldete die Polizei 750 Teilnehmer, aber selbst die kremlnahe Zeitung Komsomolskaja Prawda zählte etwa 3000 Teilnehmer. Allerdings merkte das Massenblatt giftig an: „Zur gleichen Zeit ging in Odessa (in der Ukraine) praktisch synchron eine Gay-Parade vonstatten, einige Parolen deckten sich.“

In Wirklichkeit forderten die Moskauer Demonstranten in Sprechchören „Zulassen und freilassen!“, skandierten „Putin ist ein Dieb!“ oder „Freiheit den Polithäftlingen!“.

Nawalny fürchtet Verhaftung

Ein Großteil der nicht zugelassenen Oppositionskandidaten sitzt zurzeit in Ordnungshaft, der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny, erst wenige Tage vorher entlassen, blieb diesmal zu Hause. Er twitterte, man hätte ihn sofort wieder festgenommen.

Die Leute, die doch gekommen waren, redeten vor allem über Versammlungsfreiheit und andere Bürgerrechte, die der Staat immer brutaler beschneide. „Ich will nicht“, erklärte die Rentnerin Jelena, 65, „dass meine Tochter, ihr Mann und überhaupt alle Kinder in einer Stadt leben, wo Gummiknüppel, Schäferhunde und Wahnsinn regieren.“

Die Spannung stieg, als das Gros der Demonstranten den Puschkinplatz erreichte. Dort empfing sie ein Lautsprecherwagen der Polizei mit einer dröhnenden Endlosschleifenansage: „Diese Kundgebung ist illegal, wir bitten Sie, nicht gegen die öffentliche Ordnung zu verstoßen und auseinanderzugehen.“ „Keiner weiß, was in den nächsten zehn Minuten passiert“, sagte Filipp, Geschäftsführer, 28. Aber die Einsatzpolizisten, die den Platz umstellt hatten, wurden nach etwa einer Stunde abgezogen, diesmal gab es keine einzige Festnahme oder Prügelattacke. Einige Demonstranten vermuteten, die Sicherheitsorgane wollten eine Woche vor den Stadtratswahlen neue Gewalttätigkeiten und den damit verbundenen Skandal vermeiden. Andere verwiesen auf ihre eigene geringe Zahl. „In Moskau bedeuten tausend Menschen auf der Straße gar nichts“, sagte der Student Wladimir, 24. „Wir bräuchten eine Million.“

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