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Während der neue Präsident feierlich auf den Stufen zum Kapitol vereidigt wurde, verwandelte sich die Stadt in einen großen Protestkarneval.

Trump-Gegner

Protest gegen den Populismus

"Not my President", "Fuck Trump": Während der Feier vor dem Kapitol demonstrieren Trump-Gegner auf den Straßen. Trotz hoch kochender Emotionen verlaufen die Proteste überwiegend friedlich.

Von Sebastian Moll

Keith Moon fühlte sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut an diesem verregneten Vormittag auf der Washington Mall, der großen Versammlungsfläche in der Mitte des Regierungsbezirks. „Ein wenig flau im Magen ist mir schon“, gestand der Lehrer, der extra aus Chicago angereist war, um hier bei der Inauguration von Donald Trump seine Meinung kund zu tun.

In seiner Hand hielt Moon ein Schild, mit dem er gegen die Revision von Präsident Obamas Gesundheitsreform durch den neuen Präsidenten Trump protestierte. „Das ist eine Angelegenheit von Leben und Tod und diese Leute verstehen das einfach nicht“, meinte Moon und nickte mit dem Kopf in Richtung der vielen Tausenden von Trump Anhängern, die hierher gekommen waren, um die Inthronisation ihres Idols zu feiern.

Doch bis auf ein paar böse Blicke und ein paar abwertende Bemerkungen ließen die Trump Anhänger Moon in Ruhe. „Ich hatte Schlimmeres befürchtet“, sagte der 63-Jährige erleichtert.

Tatsächlich hätte es schlimmer kommen können an diesem Tag in Washington, an dem Zehntausende von Demonstranten aus dem ganzen Land angereist waren, um ihren Unmut über den Nachfolger Obamas zu bekunden und auf mindestens ebenso viele ihrer Landsleute trafen, die gekommen waren, um Donald Trump zu feiern.

Massenverhaftungen und offene Gewalt auf den Straßen des Regierungsbezirkes in Washington blieben weitestgehend aus, trotz hoch kochender Emotionen verliefen die Proteste überwiegend friedlich.

Lediglich an zwei Stellen in der Gegend rund um das Weiße Haus und das Kapitol wurden Demonstranten verhaftet, die Fensterscheiben eingeschlagen hatten. Die Sicherheitskräfte, die mit rund 20.000 Personen angerückt waren, schritten mit aller Härte ein und verhafteten sofort die Randalierer der Gruppe Disrupt J20, die seit Tagen angekündigt hatte, die Feiern zu stören.

Ansonsten machten die Demonstranten deutlich, aber ruhig ihren Standpunkt klar. Dutzende verstreute Gruppen zeigten Transparente mit Aufschriften wie „Not my President“ und „Fuck Trump“. Hunderte trugen rosarote Strickmützen. Sie werden vom „PussyHat Project“ als Zeichen gegen frauenverachtende Aussprüche Trumps propagiert. Eine Gruppe von Studenten der örtlichen American University, die sich vor dem Smithsonian Museum versammelt hatte, drückte die Ängste vieler Amerikaner vor einem dramatischen Rechtsruck aus. Auf ihren Schildern war „No War, No KKK, No Fascist USA“ zu lesen. Der Slogan, Zitat eines Punksongs der 80er Jahre-Band Green Day, ist schon jetzt zum Slogan der erblühenden Anti-Trump Bewegung geworden. Einer von ihnen, Tom Friedo, fand die Veranstaltung vor dem Kapitol und den Aufmarsch der Trump Anhänger zum Gruseln: „Das sind Hunderttausende, die einen Personenkult betreiben. Das macht mir massiv Angst.“

Am Ausgang der Mall zur Pennsylvania Avenue hin versammelte sich derweil eine Gruppe von Studenten der traditionell schwarzen Howard University. Mit versteinerter Miene beobachteten die Jugendlichen den steten Strom von Angereisten mit Trump-Mützen und Trump-T-Shirts. „Wir sind seit der Wahl von Trump im Schock“, sagte einer von ihnen, Terence Chandler. Wir sind heute hergekommen, um einmal diese Leute zu erleben, wir konnten uns das einfach nicht vorstellen.“ Besonders gut gefiel ihnen das, was sie da sahen, nicht. Aber es ist das Amerika, an das sich die jungen Menschen nun wohl oder übel gewöhnen müssen.

Auch in Berlin haben am Tag der Amtseinführung Hunderte Menschen am Brandenburger Tor gegen den neuen US-Präsidenten Donald Trump protestiert. Ein Demonstrationszug mit etwa 650 Menschen lief von der AfD-Zentrale aus los in Richtung Pariser Platz, wie die Polizei mitteilte. Dort fand am Abend eine Kundgebung statt, zu der weitere 200 Menschen kamen, darunter auch US-Amerikaner. Demonstranten hielten Plakate hoch mit dem Spruch: „Berliner halten nichts von Menschen, die Mauern bauen, Mr. Trump“. Es wurde nicht nur gegen Trump, sondern auch gegen die AfD und Marine Le Pen, Vorsitzende der französischen rechtspopulistischen Partei „Front National“, demonstriert.

Einen Tag nach der Vereidigung Trumps werden am Samstag Hunderttausende Menschen zu einer Anti-Trump-Kundgebung in der Hauptstadt Washington erwartet. Die Demonstration ist als „Million Women March“ angekündigt und wird über die National Mall ziehen. Angekündigt haben sich unter anderem die Sängerinnen Cher und Katy Perry sowie Hollywoodstar Scarlett Johansson. Nach Angaben der Organisatorinnen wird es im ganzen Land rund 300 weitere Demonstrationen für Frauenrechte geben. mit dpa/afp

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