Rassismus

Sport-Proteste in den USA: Colin Kaepernicks Kniefall für die Ewigkeit

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Football-Star Colin Kaepernick hat das Thema Rassismus erstmals auf die ganz große Bühne des US-Profisports gebracht – und seinen Job verloren. Vier Jahre später zeigt der gesamte Spitzensport der USA Haltung.

  • Football-Star Colin Kaepernick protestiert vor vier Jahren öffentlichkeitswirksam gegen Rassismus in den USA.
  • Für diese Aktion wird er von Donald Trump als „Hurensohn“ beschimpft.
  • Für andere wird er zum Helden und Vorbild.

Los Angeles – Es ist so ein Moment, der Mütter stolz macht auf ihre Kinder. Ganz besonders stolz: Der 3. Mai 2018, Los Angeles, Downtown, das bekannte Ace-Hotel. Dort steht er, mitten auf der Bühne bei einer TV-Gala, vor ihm die Stars und Sternchen der pompösen Glitzerwelt. Selbstbewusst hält er das Mikro in der Hand, fester Stand, kein Hin- und Hertippeln, die Stimme klar, laut, verständlich.

Colin Kaepernick: Tränen voller Stolz

„Wenn ich im Kindergarten Bilder meiner Familie gemalt habe, wusste ich, dass ich andere Stifte nehmen musste für meine Haut und meine Haare. Trotzdem musste ich mich nie fragen, ob meine Mutter mich liebt oder nicht.“ Sie liebt ihn, selbstverständlich. Sie sitzt auch im Publikum, weit vorne, lauscht den Worten ihres längst erwachsenen Sohnes, der – und das wird bei einem Blick in ihr Gesicht klar – noch immer ihr kleiner Junge ist. Sie strahlt und weint, beides auf einmal. Er spricht weiter: „Leider konnte mich die Liebe meiner Mutter nicht davor beschützen, was es bedeutet, in einem weißen Umfeld schwarz zu sein.“ Applaus von den Stars und Sternchen, glitzernde Wangen bei Frau Mama. Tränen voller Stolz.

Geste mit Wirkung: Kaepernick und seine Teamkollegen von den San Francisco 49ers knien vor der Partie gegen die Dallas Cowboys.

Die auf ihn gerichteten Kameras, die Gala in LA – all das ist im Frühjahr 2018 für Colin Kaepernick Alltag. Überall, wo er auftritt, sticht er heraus. Nicht wegen seiner 1,93 Meter Körperlänge, den stets verträumt wirkenden Augen oder der wie eine Baumkrone anmutenden Haarpracht. Er sticht heraus, weil er am 1. September 2016 während der US-amerikanischen Nationalhymne niederkniete.

Die Geschichte ist vielfach erzählt, jene vom begabten Footballspieler, der heute vor vier Jahren erstmals öffentlichkeitswirksam gegen Rassismus protestiert. Es ist die Geschichte eines Mannes, der mitten ins Herz des amerikanischen Nationalstolzes trifft, weil er sich dem Verhaltenskodex der National Football League (NFL) verweigert. Die Geschichte eines Mannes, der für die einen zum Staatsfeind wird, zum Verräter der Flagge, zum Anti-Amerika-Symbol, den Präsident Donald Trump als „Hurensohn“ beschimpft, dessen Trikots von wütenden Kritikern verbrannt werden, der Morddrohungen erhält, der längst keinen Job mehr in der NFL hat. Einerseits.

Colin Kaepernick wird zur Symbolfigur der Black-Lives-Matter-Bewegung

Andererseits ist es die Geschichte eines Mannes, der für die anderen ein Held ist, ein Kämpfer für die Unterdrückten, eine Symbolfigur der Black-Lives-Matter-Bewegung – wohlgemerkt nicht erst seit dem Tod von George Floyd, aber natürlich ganz besonders seit diesem 25. Mai 2020. Es ist jenes Bild, das alles auf eine leidvolle Art und Weise miteinander verbindet, die Machtlosigkeit und den Protest: der Afroamerikaner George Floyd auf dem Boden um sein Leben ringend, Polizist Derek Chauvin kniend obenauf.

„Ich werde nicht aufstehen und für eine Fahne demonstrieren, die für ein Land steht, das Schwarze unterdrückt“: Worte von Colin Kaepernick. Doch wer ist dieser Footballprofi a.D. überhaupt? Kaepernick wird am 3. November 1987 in Milwaukee, Wisconsin, als Sohn eines Afroamerikaners und einer Weißen geboren. Die Mutter, erst 19, fühlt sich überfordert und gibt ihr Baby zur Adoption frei. Rick und Teresa Kaepernick, ein weißes Ehepaar aus der östlich von San Francisco gelegenen Kleinstadt Turlock, nehmen Colin bei sich auf. Sie bekommen vom Adoptionsvermittler mitgeteilt, nun „ein Kind mit besonderen Bedürfnissen“ zu haben. Ein afroamerikanisches Kind.

Der kleine Colin wird geliebt von seinen Adoptiveltern, er wächst wohlbehütet auf, an Geld mangelt es der Familie nicht. Er ist ein kluger Kerl, freundlich, empathisch, hilfsbereit. Er lacht gerne. Daheim. In der Schule ist das anders, dort wird er gemieden. In Turlock leben nur etwa zwei Prozent Afroamerikaner. Colin Kaepernick ist ein stiller Außenseiter.

Mit elf Jahren, 1998, schreibt er einen Brief, der Adressat ist nicht bekannt, sehr wohl aber der Inhalt: Er wolle in sieben Jahren in einem College-Footballteam spielen. Danach, so sein in krakeliger Schrift festgehaltener Traum, auch irgendwann als Footballprofi bei den San Francisco 49ers oder den Green Bay Packers – entweder in der damaligen Heimat oder seiner Geburtsstadt.

FC-Bayern-Spieler David Alaba zeigt nach dem Champions-League-Finale seine Solidarität mit der „Black Lives Matter"-Bewegung.

Colin Kaepernick spielt all das, was Kinder und Jugendliche in den USA so spielen: Basketball, Baseball, American Football. Die größte Leidenschaft packt ihn beim Eierwurf. Er ist gut, aber auch gut genug? Vater Rick verschickt Videos seines Sohnes an Colleges im ganzen Land und erhält fast nur Absagen. Zu groß, zu schmächtig, zu staksig sei der heranwachsende Colin. Er kommt lediglich am für Footballbelange eher zweitklassigen College in Reno, Nevada, unter. Nur dort werden die Qualitäten von Kap, wie er genannt wird, erkannt: Er ist ein Quarterback, der nicht nur präzise werfen, sondern auch selbst mit dem Ei im Arm laufen kann. Ungewöhnlich, vor allem damals.

Colin Kaepernick erfüllt die gängigen Klischees nicht

Es ist auch die Zeit, jene in Reno, in der Kaepernick mehr Nähe zulässt, in der er nicht mehr nur daheim bei Rick und Teresa aufblüht, sondern auch Freunde im Footballteam findet, wo sich Schwarze und Weiße nahezu die Waage halten. Privat liest er gerne, auch Bücher über Kolonialismus und Feminismus, die Noten am College sind gut. Das Klischee des tumben Sportlers erfüllt er nicht. Talentiert ist er trotzdem.

2011 erhält er seinen ersten Profivertrag in San Francisco, bei den 49ers, seinem Traumverein. Die Karriere beginnt. Und endet quasi mit dem Kniefall vor vier Jahren. Zwar lief der Vertrag noch ein halbes Jahr weiter, seitdem aber ist der Super-Bowl-Teilnehmer von 2013 ohne Job in der NFL, obwohl ihm Experten bescheinigen, trotz seiner 32 Jahre noch immer besser zu sein als ein Drittel der zurzeit angestellten Quarterbacks. Zu politisch in der vermeintlich unpolitischen NFL sei er, werfen ihm Kritiker vor.

Aus Protest bei der Hymne sitzen bleiben

Auch Nate Boyer hat zu jenen Kritikern gezählt. Als Kaepernick im August 2016 weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit das erste Mal aus Protest bei der Hymne sitzenbleibt, kocht es im Veteran und einstigen Footballprofi Boyer. Das Verhalten sei ein Schlag in die Magengrube, sagt Boyer in der sehenswerten Kaepernick-Doku „Ein amerikanischer Held“. Der Hymne nicht zu huldigen, wie es Spieler und Fans vor jedem Spiel tun – vor allem seit den Anschlägen am 11. September 2001 – beleidige alle Soldaten. Beim Super Bowl, dem größten Sportevent der Welt, fliegen vor den Spielen gar Kampfjets über die Arenen und zeichnen die US-amerikanischen Farben in den Himmel.

Sportartikelhersteller Nike wirbt mit Kaepernick – die Kampagne löst heftige Reaktionen aus.

Boyer schreibt einen offenen Brief, er hält Kaepernick wie viele andere für einen Selbstdarsteller. Dieser tritt zeit seiner Profikarriere in Interviews stets als wortkarger, schroffer, ja unangenehmer Gesprächspartner auf.

Doch Kaepernick wandelt sich. Erst bietet er Skeptiker Boyer ein persönliches Treffen an, dann überzeugt er den Veteranen während eines zweistündigen Gesprächs in einer Hotellobby . „Ich habe gemerkt, dass Kap ein einfühlsamer Mensch ist. Er wollte niemanden beim Militär verletzten“, so Boyer, der Kaepernick letztlich auf die Idee mit dem Kniefall bringt. Das sei eine Variante des Protests, über die sich nicht erbost werden könne, denkt er. Am 1. September 2016, dem Tag der Tage, steht Boyer mit der Hand auf der Brust direkt neben Kaepernick. „Das war ein wichtiger Moment, um zu zeigen: Wir sind nicht einer Meinung, aber wir können einander respektieren“, sagte Boyer. Plötzlich lässt Kaepernick auch die Reporter näher an sich heran, seine Interviews werden länger, sympathischer. Da will jemand seine Haltung in die Öffentlichkeit tragen und streift dafür seinen Schutzpanzer ab.

Proteste gegen Rassismus: Es geht auch ohne Gewalt

Während die Proteste gegen Rassismus mancherorts in blinder Aggression eskalieren, zeigt Kaepernick, wie es auch gewaltfrei geht – mit Worten und Zeichen. Immer mehr Menschen folgen seinem Beispiel, jüngst erst Sportlerinnen und Sportler quasi aller Spitzenligen in den USA, angestoßen von den Basketballprofis aus Milwaukee. Die NBA-Stars wollen keine Basketbälle durch die Reusen werfen, wenn andernorts auf Afroamerikaner geschossen wird. Ein kompletter Stillstand des US-Sports vergangene Woche ist die Folge, initiiert von Schwarzen wie Weißen. Die TV-Bildschirme in mehr als 200 Ländern bleiben dunkel oder senden politische Botschaften von Topathleten.

Ein weiteres Beispiel: Nach dem Champions-League-Triumph der Münchner Fußballer sinkt Bayern-Profi David Alaba noch auf dem Rasen direkt neben dem Pokal nieder. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Black Lives Still Matter“.

Allerdings: Gerade die Sportlerlinnen und Sportler in Nordamerika stehen weiterhin in der Kritik, sie werden von Präsident Trump wahlweise als „sehr böse“ oder „sehr dumm“ bezeichnet. Auch als jüngst in der US-amerikanischen Fußballliga MLS die Spieler bei der Hymne knien, werden sie von den coronabedingt wenigen Fans im Stadion ausgebuht und beleidigt.

Bei der TV-Gala vor knapp zwei Jahren in Los Angeles darf übrigens nicht nur Colin Kaepernick auftreten, auch seine Mutter sagt einige Worte in Richtung ihres Sohnes: „Wenn du Ungerechtigkeit siehst, bist du nicht der Mensch, der sich zurücklehnt, auch wenn du deshalb deine Träume opfern musst. Bist du perfekt? Nein. Aber es macht mich stolz, deine Mutter zu sein.“

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