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Der Luisenplatz in Darmstadt.

Bundestagswahl Darmstadt

Promi-Politiker oder Polit-Promi?

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In Darmstadt liefern sich die Bundestagskandidaten Brigitte Zypries und Charles Huber ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Dabei setzt der Ex-Schauspieler im Duell mit der SPD-Politikerin ganz auf seine Prominenz - Zypries punktet mit Erfahrung und Inhalten.

Vor nicht allzu langer Zeit hat Charles Huber Google aufgerufen und „D-A-R-M-S-T-A-D-T“ eingetippt. Damit begann für den 56-jährigen Schauspieler etwas, das ihn am 22. September in den Bundestag und damit in die große Politik spülen könnte. Als Direktkandidat für eben dieses Darmstadt. Es ist eine Geschichte von Zufällen, einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein und über die Frage, welchen Stellenwert der Promi-Faktor in unserem politischen System haben soll. Doch der Reihe nach.

Erster schwarzer Serienschauspieler

„Darmstadt war mir als Stadt schon ein Begriff. Nur wo es genau liegt und was es ausmacht, das wusste ich ehrlich gesagt nicht.“ Huber muss lächeln, wenn er an die Anfänge denkt, die nicht mal anderthalb Jahre zurückliegen. Er sitzt im knallroten Pullover und Jeans im K.u.K.-Café in der Darmstädter Innenstadt, neben sich auf dem Stuhl einen Motorradhelm. Huber hat sich ein paar Minuten verspätet, weil er einen Parkplatz für sein „Wahlkampfmobil“ finden musste: eine Harley Davidson, Modell Fat Bob. Seit Neuestem auch mit örtlichem Kennzeichen, damit das Geläster aufhört, die Kandidatur sei ein Publicity-Gag und Huber nur auf der Durchreise.

Wer sich für eine Harley entscheidet, will vor allem eins: auffallen. Der blitzende Chrom, das Tuckern des Motors, der mythische Name verleihen jedem Besitzer einen Hauch von Abenteur. Ein Motorrad, wie gemacht für die Bedürfnisse von Charles Huber, dem Bescheidenheit noch nie lag und der sich in Darmstadt schleunigst bekannt machen muss.

Es hat eine Zeit gegeben, da war der uneheliche Sohn eines senegalesischen Diplomaten und einer deutschen Hausangestellten, der in Niederbayern aufgewachsen ist, ziemlich prominent. Immer wieder freitags betrat Huber an der Seite von Rolf Schimpf die westdeutschen Wohnzimmer. In den achtziger Jahren fing es an, als Charles Huber, der eigentlich Karl-Heinz heißt, im ZDF-Krimi „Der Alte“ zum ersten schwarzen Serienschauspieler der Republik wurde. Damals galt das fast als Sensation.

Die Rolle war nicht anspruchsvoll, doch das Geld gut. Irgendwann aber hat Huber das Korsett der kurzen Sätze nicht mehr ausgehalten, ihm fehlte die Leidenschaft. 1996 schied er aus der Serie aus.

„Auf eigenen Wunsch“, sagt Huber, während er an seinem Pfefferminz-Tee nippt. In der Branche munkelten sie, der Bayer habe es nicht ertragen, die zweite Geige zu spielen. Egal, vom Ruhm dieser Zeit zehrt Charles Huber bis heute. Selbst in Darmstädter Straßencafés kommen schon mal ältere Herrschaften an den Tisch und bitten ihn um ein Autogramm. „Mich freut das“, sagt Huber geduldig.

Mittlerweile hat sich Charles Huber als Autor, Regisseur, Lizenzeinkäufer, Musical-Sänger, Entwicklungsexperte und vieles mehr versucht. Auf seiner Autogrammkarte steht überdies als Berufsbezeichnung Zahntechniker, Moderator und Berater für interkulturelle Kommunikation.

Es geht um Interesse und Interessen

Drängt es Huber jetzt in Zeiten, in denen seine Kollegen in vergleichbarer Lage zum Promi-Boxen auf Pro7 oder ins RTL-Dschungelcamp ziehen, in die Politik? „Ach was, ich war immer ein politischer Mensch.“ Huber wirkt jetzt genervt, als ob er fürchtet, man könne seine Ambitionen als Politiker nicht ernstnehmen. Seit Jahren engagiere er sich für den afrikanischen Kontinent für Äthiopien, für den Senegal, zählt er auf. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) begleitete er vor einigen Monaten als Fachmann auf eine Afrika-Reise. Für die Bundeskanzlerin, über die Huber spricht, als sei man bestens miteinander bekannt, hat er im letzten Wahlkampf einen Internet-Werbespot entworfen. Soll heißen, Charles Huber ist mit den Großen der Politik auf Tuchfühlung.

Politisch ist der Mime ein Wanderer. Im Jahr 2004 tritt er zunächst der damals regierenden SPD bei. Ein paar Jahre später wechselte er in die CSU und möchte im Osten von München, fast in seinem Kiez, für den Bundestag kandidieren. Doch die Sache geht schief, denn die Parteigranden haben etwas gegen den selbstbewussten Quereinsteiger. In Bayern gehe es weniger um Politik als um die Partei, bilanziert Huber. „Das tue ich mir nicht an.“ Das CSU-Mitglied meldet sich stattdessen im Konrad-Adenauer-Haus bei Generalsekretär Hermann Gröhe und bekundet sein Interesse, dann eben für die CDU in den Bundestag einzuziehen.

Vielleicht gibt es in der Berliner CDU-Zentrale ja eine Übersicht, in welchen der 299 Wahlkreisen der Republik gerade dringend ein Kandidat mit Glamourfaktor gesucht wird. Ob es der Partei dabei um die Schlagzeilen im Wahlkampf und den prominenten Namen geht, oder ob die CDU im Neuzugang Huber tatsächlich ein politisches Talent entdeckt zu haben glaubt, ist schwer zu sagen. Jedenfalls klingelt ein paar Wochen später bei Huber tatsächlich das Telefon und die frühere hessische Kultusministerin Karin Wolff ist am Apparat. Ob er sich vorstellen könnte, für Darmstadt und die CDU in den Bundestag zu ziehen, fragt sie. Darmstadt? Huber bemüht Google.

Brigitte Zypries schnaubt. Der Huber! Ausgerechnet ein Schauspieler. Darmstadt, das ist ihr Terrain. Seit acht Jahren vertritt die langjährige Bundesjustizministerin den Wahlkreis 186 im Bundestag. Politik ist für die SPD-Politikerin, die Anfang der neunziger Jahre in der niedersächsischen Staatskanzlei von Gerhard Schröder das Regierungshandwerk erlernte und Karriere im Innen- und Justizressort machte, ein ernsthafte Angelegenheit. Es geht um Interesse und Interessen, um das Austarieren von Bedürfnissen. Etwas für fleißige Fachleute, nicht für geltungswütige Mimen. So sagt sie das natürlich nicht. Anders als Huber ist Zypries eine miserable Schauspielerin, wenn sie verbergen möchte, was sie denkt.

Zyprieß kennt Darmstadt

Jetzt lehnt die Juristin an einem Barhocker und dirigiert gekonnt vier Dutzend meist junge Leute durch eine Diskussion über soziale Netzwerke und den Schutz des Urheberrechts – noch so ein sperriges Thema. Der Ort der Veranstaltung ist großartig: Im 11. Stock eines Studentenwohnheims in der Innenstadt liegt das „Ponyhof Penthouse“ und bietet durch bodentiefe Fenster einen Blick auf die Stadt. Im Osten erstrecken sich der Campus der Technischen Universität und die Mathildenhöhe, im Westen die Bürokomplexe der Telekom und der Weltraumbehörde ESA. Und im Norden zeichnet sich im blauen Dunst die Skyline von Frankfurt ab. Im Penthouse gibt es kostenlos Aperól Spritz, süffigen Hugo, jede Menge Antworten zum Urheberrecht, ein paar Kugelschreiber und am Ende die Aufforderung, am 22. September zur Wahl zu gehen. „Jede Stimme zählt“, sagt Brigitte Zypries.

Und wie sie zählt! Vor vier Jahren musste Zypries am Wahlabend lange zittern, so stark schmolz ihr Vorsprung. Erst gegen 23 Uhr stand fest, dass sie sich gegen den CDU-Gegenkandidaten Andreas Storm behauptet hatte: mit gerade einmal 45 Stimmen – dem bundesweit knappsten Vorsprung in einem Wahlkreis überhaupt. Storm ist inzwischen Minister im Saarland – und der Wahlkreis lange ohne CDU-Kandidaten gewesen.

Seit Schwarz-Gelb regiert und sie nicht mehr Ministerin ist, sondern nur noch Abgeordnete, verbringt Zypries mehr Zeit in Darmstadt. Sie kennt den alltäglichen Stau auf dem Weg durch die Innenstadt, weil es keine Umgehungsstraße gibt. Sie weiß, wie schwierig es in der Studentenstadt mit ihren 150 000 Einwohnern ist, bezahlbare Wohnungen zu kriegen. Die Gentrifizierung macht auch vor der Provinz nicht halt. Die SPD-Politikerin hat eine gute Vorstellung davon, was sich daran im Bundestag in Berlin ändern lässt, und was nicht.

Zypries erinnert sich noch gut an ihre Anfänge in der Stadt vor neun Jahren. Der Wahlkreis ist nicht einfach. Neben Darmstadt, das von einem grünen Oberbürgermeister regiert wird, umfasst der 186er noch die umliegenden Landgemeinden: Bodenständige Leute, heimatverbunden, etwas konservativ. „Die CDU hat damals gegen mich Stimmung gemacht: ,Keine von hier. Niemand von uns‘, stand auf deren Plakaten.“ Die SPD-Frau stammt zwar aus Gießen, doch ihre Patentante und Neffen wohnen in der Stadt. Deshalb habe sie einfach den CDU-Chef angerufen. „Dann war Ruhe.“ Jetzt jubelt sie für Darmstadt 98, abonniert das Darmstädter Echo und begeistert sich für das Heinerfest, ein großes Volksfest.

Inhalt gegen Image

Kein leichtes Terrain für eine Sozialdemokratin. Und für einen Schwarzen aus Niederbayern? Einen, der gerade Mal seit einem Jahr der CDU angehört und vor ein paar Monaten erst in dem Örtchen Seeheim-Jugenheim eine kleine Wohnung bezog? Die örtliche CDU betrachtet „das Experiment“ Huber skeptisch. Sein Selbstbewusstsein, manche sagen auch seine Arroganz, hat zusätzlich Distanz geschaffen. Seinen Wahlkampf betreibt der Schauspieler fast alleine, sein Team besteht aus einer Angestellten und einem Freund in Berlin. Viele Plakate klebt er selbst, schließlich geht es für ihm um alles – abgesichert über die Landesliste ist er nicht.

„Ich habe das Gefühl, dass die Leute sich freuen, dass ich hier bin“, sagt Huber fast trotzig. Natürlich hat er die CDU-Verbände abgeklappert, sich bei Stammtischen sehen lassen, auf Volksfesten posiert. Richtig wohl fühlt er sich aber, wenn er mit seiner Harley durch den Wahlkreis knattert. Darmstadt, so seine Beobachtung, sei ein Juwel im Schlafrock. Es erinnere ihn an viele Städte im Osten direkt nach der Wende. Dabei gebe es hier einen erfolgreichen Mittelstand. Doch nicht mal der ICE halte am Darmstädter Bahnhof. Das gehe doch nicht. Als Bundestagsabgeordneter wolle er das ändern. Wie? „Ach, lassen Sie mich mal machen.“ Die Skepsis pariert er mit Begriffen wie Investoren, Imagekorrektur, frischer Wind.

Huber ist ein guter Erzähler. Mit ihrer angenehm weichen bayerischen Färbung schmirgelt seine Stimme alles glatt. Das Projekt Bundestag erhält in seiner Erzählung eine ungeheure Leichtigkeit, als habe Darmstadt, die dortige CDU, ach was, die Republik nur auf ihn gewartet. Einen, der sie alle aus dem Schlaf reißt. Der Quereinsteiger aus Niederbayern sieht sich in Berlin nicht als braver Hinterbänkler – und Parteiräson mache er nicht mit. Noch so ein Satz, über den Zypries, die Erfahrene, die Augen verdreht. Die Frau, die sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Huber liefert, hatte versucht, mit ihrem Herausforderer konkret inhaltlich zu diskutieren – doch Huber ließ sie auflaufen. In seiner Kampagne setzt er auf die eigene Prominenz – und den Zeitgeist, der die CDU recht populär macht.

So können die Darmstädter an diesem 22. September nicht allein darüber befinden, ob ihr Direktkandidat von der CDU oder der SPD kommt. Sie entscheiden auch, ob ein neuer Typ Abgeordneter künftig die Geschicke im Bundestag (mit)-bestimmt. Einer, der keine klassische Parteikarriere durchlief, sondern kraft seiner Popularität und ungeachtet seiner politischen Vorstellungen ins Parlament gelangt. Deshalb könnte die Geschichte von Charles Huber, dem Schauspieler, der auf der Suche nach einer neuen Bühne ist, weit über die Bundestagswahl hinausweisen.

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