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Der Präsident und seine Außenministerin.

Hillary Clinton

Programm Ich

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Hillary Clinton versucht dem amtierenden Präsidenten Barack Obama literarisch nachzueifern. Das ist nicht falsch. Doch die gewiefte Akteurin bleibt hinter dem klugen Visionär Obama zurück.

Es gibt eine gewisse, gesellschaftlich durchaus akzeptierte Form des Voyeurismus, die von den Beobachteten auch gerne bedient wird. Die Beobachteten sind Politiker, die Voyeure – so sie nicht irgendwie Hauptstadt-journalistisch engagiert sind – dagegen können jedermann und jedefrau sein. Was sie von ihren Mitmenschen unterscheidet, ist, dass sie das Persönliche am Politischen zumindest „irgendwie spannend“ finden. So die politischen Menschen etwas Persönliches preisgeben. Manchmal ist das Persönliche Programm.

Bei Hillary Clinton ist das ganz zweifelsfrei so.

Man kann das sehr leicht an ihrer jüngsten „Autobiografie“ (sie hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Ghostwriter beschäftigt) sehr leicht erkennen, fast schon zu leicht. Es wäre eine sportliche Aufgabe die „Ichs“ oder die „I“ zu zählen in „Hard Choices“, das im Deutschen komischerweise zu „Entscheidungen“ reduziert wurde. Aber die Quantität der ersten Person Singular in „Hard Choices“ entlarvt die Selbstdarstellerin weniger als die Qualität ihrer Ichs.

Hillary ist eine Macherin. Sie spricht mit Freund und Feind, sie ist unterwegs, sie ist zu Hause, sie ist im Job, sie ist ganz bei sich, ganz bei ihren Untergebenen, ja, sie ist auch ganz bei Gott – niemand wird in den USA Präsident ohne Gottes Hilfe –, sie ist hier, da und dort, sie erledigt dieses, sie initiiert jenes, sie bespricht das eine oder sie verhandelt das andere, sie, sie, sie, sie, sie, ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich, ich …

Wer am Ende der 495 Seiten – US-Ausgabe – nicht verzweifelt zum nächstbesten Groschenroman, erzählt in der dritten Person Singular, greift, hat ein schwerwiegendes Problem und braucht therapeutische Hilfe.

Aber wie gesagt, es kommt auf die Qualität der Ich-Erzählung an. Die soll sich messen lassen, so will es die Autorin, an ihrer Leistung als Politikerin, als Außenministerin in der ersten Obama-Regierung, als Kämpferin für die Rechte der Frauen und Kinder weltweit sowie als Ehefrau, Mutter und schließlich auch Großmutter. Vordergründig ist die Bilanz trotz aller Rückschläge (für die praktisch durchweg egoistische Republikaner oder geistlose Diktatoren verantwortlich sind) nur positiv. Was nun wirklich nicht verwunderlich ist: Denn wer will schon eine Versagerin ins Weiße Haus wählen?

Man kann „Hard Choices“ lesen als einen Filibuster, jene US-amerikanische parlamentarische Unart des schier unendlichen Redebeitrags im Plenum, um ein unliebsames Gesetz nicht zur Abstimmung zu bringen. Wer Hillarys – diese intime Reduktion auf den Vornamen ist nach 495 Seiten „ich“ absolut korrekt – Filibuster in Buchform durch hat, wird nicht mehr zweifeln wollen am Erfolg ihrer politischen und persönlichen Karriere. Sie könnte ja sonst noch etwas erwidern …

Wollte man die Vehemenz, mit der Clinton ihre Leistungsbilanz in Buchform vorträgt, als Gradmesser für ihre Erfolgsaussichten 2016 sehen, so könnten sich die USA die unmäßigen Millionenausgaben für den Wahlkampf sparen: Hillary macht das Rennen. Vielleicht kommt es auch so. Aber das ist nicht die entscheidende Erkenntnis aus der Lektüre von „Hard Choices“. Die wirklich entscheidende kann Hillary nicht schmecken – und die Erkenntnis darüber scheint sich auch in ihr professionell-politisches eisiges Grinsen eingegraben zu haben. Als eine permanente Drohung.

Diese Erkenntnis ist: Aus eigener Kraft wird Hillary Clinton sich nicht in die Weltgeschichte einschreiben. Zu sehr verschwindet sie im Licht, das Barack Obama verstrahlt. Da kommt es nicht so sehr auf das konkret Erreichte im politischen Welt-Alltag an, sondern vielmehr auf das, was bleibt. Obama besorgte das 2006 mit seinem Bestseller „The Audacity of Hope“. Das war genau so eine Kandidatur-Rede in Buchform wie es nun „Hard Choices“ ist. Mit einem gravierenden Unterschied: Obama rief niemandem in Erinnerung, dass er schon immer der Bessere gewesen ist: Schaut her, was ich alles schon geleistet habe, was die anderen alles vermasselt haben, warum es nicht an mir liegt, dass ich nicht weitergekommen bin.

De facto hat Clinton nicht weniger geleistet als Obama. Nur was sie getan hat, das wollte sie als singulär anerkannt sehen. Der US-Mythos vom „super-human“, vom Übermenschen. Obama aber paart smarte Souveränität mit Teamgeist, seinen eigenen Weitblick mit dem Respekt vor dem Leben und der Expertise der anderen. Nur wird das bei „Audacity“ zu einem narrativen Fluss, während bei „Choices“ jedes Team immer die gleiche Führerin hat. Denn sie allein ist ja hart genug zu entscheiden. Es ist ein klassischer Fall von Hochmut.

Vielleicht wird eine Präsidentin Clinton einmal mehr konkret erreicht haben als ihr Vorgänger. Aber bleiben wird trotzdem nicht sie, sondern etwas, das ihr – „Hard Choices“ belegt das durch Auslassung – vollkommen fremd ist: die Hoffnung. Dafür stand dann ein Präsident namens Barack Obama, den es in 250 Jahren USA nur einmal geben konnte.

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