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Professor verbietet Studierenden das Gendern – und verlangt „Hochdeutsch“

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Von: Anika Zuschke

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Buchstabenwürfel zeigen die Aussage „Ich gendere nichts“.
Ein Professor rechnet Studierenden die Nutzung von Gendersprache als Fehler an – diese reichen Beschwerden ein. (Symbolbild) © U. J. Alexander/Imago

An der Universität Halle-Wittenberg ist eine Gender-Debatte entbrannt. Ein Professor rechnet seinen Studierenden Gendern als Fehler an – doch die wehren sich.

Halle – Gendergerechte Sprache löst in der deutschen Gesellschaft oftmals hitzige Debatten aus. Während insbesondere junge Menschen mit der Ansprache aller Geschlechter Ausgrenzungen umgehen wollen, betrachten andere das Gendern als unnötige und komplizierte Sprachverhunzung. Diese Debatte macht auch vor wissenschaftlichen Toren keinen Halt. An der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg streicht ein Professor den Studierenden Gendern als Fehler an. Dagegen entbrannte reger Protest – mit weitreichenden Folgen für den Professor.

Gender-Debatte: Professor verbietet das „ideologisch geprägte“ Gendern

Die Universität Halle-Wittenberg selbst spricht sich für eine gendergerechte Sprache aus. In einem Schreiben aus dem Jahr 2021 heißt es laut der Welt: „Die Universität hat sich in ihrem Leitbild Gleichstellung zu einem geschlechtergerechten Sprachgebrauch in allen offiziellen Dokumenten verpflichtet und strebt an, dass die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache in der Lehre selbstverständlich wird.“

Politikprofessor Jürgen Plöhn sieht das aber offenbar anders. Er lehrt seit fast dreißig Jahren an der Universität und hält eine gendergerechte Sprache für „ideologisch geprägt“ sowie „unwissenschaftlich“. Von seinen Studierenden fordert Plöhn deswegen, deutsche Hochsprache zu verwenden und erklärt im Gespräch mit dem MDR: „Ich möchte nichts anderes als das, was alle Studenten, die ich irgendwo gehabt habe von 1985 bis zum Wintersemester letzten Jahres: Diese Sprache verwenden. Und möglichst korrekt.“

Texte, die inhaltlich oder sprachlich ideologisch geprägt sind, sind eo ipso unwissenschaftlich und entsprechen daher nicht den Leistungsanforderungen. Dies gilt für den Stil ebenso wie für den Inhalt. Dies gilt insbesondere auch für die ideologisch geprägte ‚Gendersprache‘.

Eine Passage in den Seminarhinweisen von Politikprofessor Jürgen Plöhn, laut der Welt.

Fehler in den Texten seiner Schülerinnen und Schüler streiche er an, „und das ist auch Teil der Bewertung. Das gilt auch für Gendersprache“, so der Politikprofessor. Gegen Gendern hat sich übrigens auch schon Til Schweiger deutlich ausgesprochen.

Gendern an der Universität: Professor Jürgen Plöhn fühlt sich persönlich diskriminiert

Wie der MDR berichtet, geht die Begründung Plöhns aber noch über eine wissenschaftliche Erklärung hinaus. Demnach fühlt sich der 64-Jährige von Gendersprache persönlich diskriminiert. In der Beschreibung zu einem seiner Seminare schreibt der Professor: Wer die männlichen Bevölkerungsteile nicht mehr für erwähnenswert halte, der drücke seine bewusste Verachtung aus. Wenn er also der einzige Leser einer Seminararbeit sei, dann sei das ein gezielter Affront gegen ihn.

Was ist Gendern?

Das Wort „gender“ kommt aus dem Englischen und bedeutet „Geschlecht“. Der Begriff Gendern steht derweil für geschlechtergerechte Sprache, die eine Gleichbehandlung alle Geschlechter/Identitäten zum Ausdruck bringen soll. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten, zu gendern:

Dazu gehört die Doppelnennung beider Geschlechter (Lehrerinnen und Lehrer/LehrerInnen), das geschlechtsneutrale Plural (Lehrende) oder die Nutzung eines Gender-Zeichens (Lehrer*innen/Lehrer:innen).

Quellen: ZDF und Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Das Verbot der Gendersprache hat laut Plöhn bei den „Studenten, die in meinen Seminaren einen benoteten Leistungsnachweis haben wollten, [...] nicht ein einziges Mal zu Konflikten geführt“, so der Professor laut Welt. „Wer Gendersprache verwenden wollte, hat sich entweder angepasst oder den Kurs verlassen. Wegen Genderns wurde kein Leistungsnachweis verweigert.“

Studierende gehen gegen Gender-Regel von Professor vor

Doch im April 2021 fand die Akzeptanz der Studierenden wohl ein jähes Ende, als bei der „Präventionsstelle Diskriminierung und sexuelle Belästigung“ der Martin-Luther-Universität erste Beschwerden eingingen. Die Leitung des Instituts für Politikwissenschaft forderte den Professor anschließend dazu auf, seinen Schülerinnen und Schülern bei der Verwendung der Gendersprache freie Hand zu lassen.

Man könne die angestrebte Diskriminierung jener nicht dulden, „die dem Aufruf und dem Leitbild der Universität folgen und eine geschlechtersensible Sprache in ihren Ausarbeitungen verwenden!“, hieß es laut der Welt vonseiten der Universität. Im Gespräch mit dem MDR versicherte die Hochschule zudem: „Herr Plöhn wurde aufgefordert, die einschlägigen Einträge in den elektronischen Informationen zu seinen Lehrveranstaltungen zu entfernen und den Studierenden mitzuteilen, dass sich die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache nicht nachteilig auf die Leistungsbewertung auswirken werde.“

Professor an Martin-Luther-Universität wehrt sich gegen Gender-Vorschriften

Doch Wirkung zeigten diese Aufforderungen nicht. Obwohl man Plöhn laut der Universität noch nicht einmal dazu aufgerufen hat, selbst eine gendersensible Sprache zu verwenden, blieb der Politikprofessor stur. Der Welt zufolge begründet er dieses hartnäckige Sträuben gegen die Gendersprache mit folgenden Worten: „Wissenschaft ist Wahrheitssuche, und das wesentliche Instrument dazu ist in den Geisteswissenschaften die Sprache. Wer gendert, bringt damit eine politische Ideologie zum Ausdruck, die die Verhältnisse nicht nur erforschen, sondern verändern will.“

Im Privatleben oder in der Politik sei das legitim, habe in wissenschaftlichen Arbeiten aber nichts verloren – zumal es die Regeln der deutschen Rechtschreibung verletzten würde und zu logischen Brüchen führe. Das könne Plöhn nicht mit der Note sehr gut, „vielleicht auch nicht mit gut bewerten“. In der Politik wird die Gendersprache tatsächlich immer mehr zur Norm – mit Blick auf die Niedersachsen-Wahl sind sich CDU und SPD in dem Aspekt zumindest einig.

Gender Debatte: Professor darf noch lehren – aber nicht für Pflichtmodule

Das vorläufige Ende vom Lied ist nun, dass der außerplanmäßige Professor an der Universität Halle-Wittenberg zwar weiterhin unterrichten darf, seine Lehrveranstaltungen aber keinem Pflichtmodul mehr angerechnet werden können. Außerdem stelle das Institut für Politikwissenschaft Plöhn in Zukunft keinerlei Ressourcen zur Unterstützung seiner Lehre zur Verfügung.

„Ich weiß nicht, sehr geehrter Herr Plöhn, ob Sie unter diesen Voraussetzungen noch Freude an der Lehre haben werden“, schrieb Institutsdirektor Johannes Varwick laut Welt dem Professor. Und damit sollte er Recht behalten. Denn im Sommersemester 2022 bot der 64-Jährige zum ersten Mal seit 19 Jahren keine Lehrveranstaltung an. Ganz vorbei scheint die Debatte aber trotzdem noch nicht zu sein, denn laut der Welt erwägt Plöhn unter gewissen Umständen, eine Klage gegen die Universität einzureichen. (Anika Zuschke)

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