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Über Jahre hinweg hatte Harvey Weinstein gut lachen: Viele Prominente schwiegen, obwohl sie von den Umtriebigkeiten des Hollywood-Produzenten wussten.

Harvey Weinstein

Der Produzent des Skandals

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Harvey Weinstein ist nicht erst seit den Enthüllungen um sexuelle Nötigung umstritten. Auch als Filmproduzent ließ er die Menschen gerne seine Macht spüren. Ein Porträt.

Noch immer muss bei den Vorwürfen gegen den Produzenten Harvey Weinstein die Unschuldsvermutung gelten, noch wurde er nicht einmal offiziell angeklagt. Das lange Schweigen der mutmaßlichen Opfer ist jedoch erst verständlich, wenn man sich die Bedeutung Weinsteins als Produzent in Erinnerung ruft, seine künstlerischen und ökonomischen Erfolge, sein Ansehen, seine Macht, aber auch den enorm schlechten Ruf, den er sich bei vielen Regisseuren, die unter ihm arbeiteten, eingehandelt hat.

Mit Harvey Weinstein, dessen Karriere nach seiner Entlassung aus der von ihm mitbegründeten Weinstein Company vorerst beendet ist, hat man es mit einer schwer fassbaren Figur zu tun. Tatsächlich ist der Oscar-Gewinner für „Shakespeare in Love“ eine Schlüsselfigur der amerikanischen Filmindustrie. Es gibt wenige Produzenten, deren Namen in der Filmwelt so geläufig sind wie der von Harvey Weinstein.

„Was kümmert das Publikum, wenn irgendein Schmock etwas produziert hat?“, fragte Billy Wilder einmal, als er über den Sinn von Filmvorspännen sinnierte. Und er hatte Recht. Im alten Hollywood waren es Schauspieler und bestenfalls Regisseure, die den Käufern von Kinokarten etwas sagten. Und noch immer erreichen Produzenten vielleicht die Sparschweine von Finanziers und Fördertöpfen – aber kaum die breite Öffentlichkeit. In Deutschland wurde lediglich Bernd Eichinger in diesem Beruf zu einer Berühmtheit, der souverän in Talkshows über große Summen reden konnte, vor allem aber selbst Künstler genug war, um einen eigenen Stil zu prägen.

Über 300 Oscar-Nominierungen

Auch Harvey Weinstein und sein Bruder Bob gehören in diese Reihe. Sie stehen für einen bestimmten Typ von Filmen, den sie seit der Gründung ihrer Firma Miramax 1979 prägten. Es ist das sogenannte Art House, ein Kino zwischen dem persönlichen Autorenfilm und dem großen Studiokino, populär und doch persönlich genug, um eigenwilligen Regisseuren wie Anthony Minghella („Der englische Patient“, 1996), Quentin Tarantino („Pulp Fiction“, 1994), Robert Altman („Prêt-à-Porter“, 1994), John Madden („Shakespeare in Love“ (1998) oder Martin Scorsese („Gangs of New York“, 2002) eine Heimat zu geben. Weinstein gilt weniger als künstlerischer Produzent denn als genialer Werbemann. Seine Spezialität ist das Beeinflussen der Oscar-Juroren in den Wochen vor der Stimmabgabe. Mit aufwendigen, manchmal an Bestechung grenzenden Kampagnen wurden seine Filme allein zwischen 1990 und 2014 für mehr als dreihundert Oscars nominiert.

Bereits 1993 verkauften die Weinsteins ihre Firma Miramax an Disney, wirkten dort jedoch weiterhin als Produzenten beziehungsweise „executive producers“. 2004 überwarfen sie sich mit ihrem Arbeitgeber wegen des kontroversesten Films ihrer Karriere, Michael Moores „Fahrenheit 9/11“. Mit eigenen Mitteln kauften sie den Film zurück, brachten ihn selbst heraus, erwirtschafteten ein Einspielergebnis von knapp 120 Millionen Dollar allein in den USA und verhalfen dem Filmemacher zu einem Oscar.

In diesem Augenblick mochte einem Harvey Weinstein als Retter der Filmkunst erscheinen, doch sein künstlerischer Ruf war schon damals höchst gespalten. Quentin Tarantino, der ihm seine Karriere verdankte, ließ nichts auf Bob und Harvey kommen. Aber wie weit die Brüder die unter ihnen arbeitenden Filmkünstler gewähren lassen würden, war von nicht immer vorherzusehen. Wann immer etwas Unangenehmes zu entscheiden war, war es Harvey, der dies exerzierte. „Es ist unmöglich, bei ihm director’s cut zu bekommen, nur Harvey hat den Endschnitt“, sagte mir seinerzeit Michael Radford, der mit Weinstein gleich nach seinem Oscar-Gewinn mit „Il Postino“ 1998 den Thriller „B. Monkey“ drehte. Derartige Offenheit ist selten in einer Branche, die negative Äußerungen mit Konventionalstrafen ahndet.

Als ich den Filmemacher Terry Gilliam 2005 zum Kinostart von „Brothers Grimm“ nach seinen Erfahrungen mit den Weinsteins befragte, antwortete er noch recht kurz: „Es sind harte Typen, die wissen, was sie wollen. Am Anfang lief alles furchtbar, doch sie mochten am Ende den Film, und es ist der Film, den ich gemacht habe.“ Einige Jahre später sprach das ehemalige Monty-Python-Mitglied dagegen frei von der Leber weg. „Zwar hatte ich den Endschnitt, nur wurde der Film schon bei seiner Herstellung von Anfang an kaputt gemacht.“ Gilliams weitere Ausführungen mögen marginal klingen angesichts der Schwere der aktuellen Missbrauchsvorwürfe. Und doch sind sie hilfreich, um sich ein Bild von Macht und Einfluss dieses Produzenten zu machen.

„Nehmen wir die Geschichte von der Beule auf Matt Damons Nase. Das ist reinster Märchenstoff. Ich fand Matt Damons Nase dämlich, oder sagen wir lieber besser: nicht sehr ausdrucksstark. Und am Tag vor Drehbeginn sagt Weinstein: Wenn Du dem eine Beule auf die Nase setzt, blasen wir den Film ab. Und verklagen dich für alle Kosten, die bis dahin entstanden sind. Die Produktion rief noch mitten in der Nacht an und erklärte mir, was das bedeutet hätte: kein Film, ein Jahr im Gerichtssaal, eine Million Dollar zahlen plus Riesenanwaltskosten. So haben mir die Weinstein-Brüder allen Spaß am Filmemachen geraubt. Martin Scorsese sagt übrigens genau das Gleiche über seine Erfahrung mit ihnen. Man geht dann nur noch täglich zur Arbeit und arbeitet unter seinem Niveau. Es sind ein paar schöne Momente drin. Aber der Gesamteindruck ist nicht das, was ich hätte machen können.“

Man muss vielen Filmemachern, die sich zur Zeit in den Medien erschüttert über den Fall Weinstein äußern, ihre Verwunderung glauben. In ihrem Arbeitsbereich waren es allein die künstlerischen Werke, die es vor möglicher Vergewaltigung zu schützen galt. Auch viele große Stars ahnten offenbar nichts. Cate Blanchett sagte mir 2008 in einem FR-Interview: „Nichts gegen die Weinsteins. Sie lieben Filme wirklich.“

Aber konnte man wirklich nichts bemerken? Es war die Schauspielerin Asia Argento gewesen, die mir Ende der 90er Jahre von der – wie sie es ausdrückte – Zerstörung des Radford-Films „B. Monkey“ durch Weinstein erzählt hatte, in dem sie ihr Hollywooddebüt gegeben hatte. Als ich dann in ihrer ersten Regie-Arbeit „Scarlett Diva“ (2000) in der Darstellung eines sexuell übergriffigen Produzenten Harvey Weinstein wiederzuerkennen glaubte, sprach ich sie direkt darauf an. „Weinstein ist viel, viel schlimmer“, gab sie zur Antwort. Am 10. Oktober 2017, zwei Jahrzehnte nach ihrer Zusammenarbeit mit Weinstein an „B. Money“, bestätigte Argento in New York gegenüber der Medien, dass Weinstein tatsächlich das Vorbild für diese Szene abgegeben hatte. Er hatte sich vor Beginn der Filmarbeit zwangsweise oral an ihr vergangen. Und in der Tat ist die Darstellung im Film etwas weniger entsetzlich – dort kommt sie mit knapper Not davon. 

Zumindest wenn man Argentos autobiografischen Film kannte, überraschten die Vorwürfe also nicht. Aber vielleicht diente das Bild des selbstherrlichen Produzenten, der lediglich Filme vergewaltigte, auch als willkommene Fassade.

Gerne inszenierte sich Weinstein in der Öffentlichkeit als das archetypische Bild des despotischen Produzenten. Ich erinnere mich an eine Nacht beim Filmfestival Venedig, 2004. Verspätungen im Programmablauf hatten die starbesetzte Premiere des Familienfilms „Wenn Träume fliegen lernen“ bis viertel nach zwei in der früh verzögert. Die anwesenden Stars Johnny Depp und Kate Winslet überließen den Protest ihrem Produzenten, der sich wütend dem Hausherrn zuwandte. „Marco Müller wird Ihnen, liebe Zuschauer, wenn Sie bis zum Schluss durchhalten, ein Frühstück spendieren, das er selbst kochen wird“, adressierte er den sichtlich eingeschüchterten Programmchef. „Als Gegenleistung dafür, dass wir darauf verzichten, seine Füße in Beton einzugießen und ihn in den Canale zu werfen.“ Das klang alles andere als lustig.

Als ich Terry Gilliam von diesem Schurkenauftritt erzählte, lautete sein Kommentar: „Hier ist der Unterschied zwischen Fantasy und Realität. Es ist eine Sache, sich einen Harvey Weinstein einfach nur vorzustellen. Eine andere, ihn tatsächlich zu ertragen. Er kann der charmanteste Mensch auf der Welt sein, und wenn er spricht, sagt er bemerkenswerte und tolle Dinge, die er glaubt, sobald sie seinen Mund verlassen. Ich bin sicher, das war ein Gedanke, den er niemals hatte, aber dann glaubt er es, so sehr Sie es glauben. In diesem Sinne ist er auch gar kein Lügner, denn er glaubt ja das, was er sagt. Aber es sind Lügen. Intrigen.“

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