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Kinder und Jugendliche demonstrieren in Durban, Südafrika, für eine bessere Klimapolitik ihrer Regierung.

Klimakrise

Ein Problem unter vielen

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In Afrika spielt der Kampf gegen die Erderwärmung keine große Rolle - denn viele Menschen sorgen sich weniger um die Zukunft als um ihre Situation im Hier und Jetzt.

Die halbe Welt war auf den Beinen. Insgesamt sollen mehr als vier Millionen Menschen in den sieben Kontinenten der Erde auf den Straßen gewesen sein. Auch in Afrika fanden am vergangenen Freitag einige der mehr als 2 500 Protestkundgebungen zur Klimaerwärmung statt. Doch auf dem zweitgrößten Erdteil der Welt wurden die Demonstranten nicht in Hunderttausenden oder Millionen, sondern im Dutzend gezählt. Viele Dutzende in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, mehrere Dutzend in der nigerianischen Mega-City Lagos, ein paar Hundert im südafrikanischen Kapstadt. Und das, obwohl Afrika als eines der ersten und verletzlichsten Opfer des Klimawandels gilt: Auf dem Kontinent schrumpfen einst riesige Seen zu Tümpeln zusammen, fegen Zyklone über einst stille Küstenregionen hinweg oder trocknet die Wasserversorgung einer Millionenstadt aus.

In Afrika werden mit dem Zuzug von Flüchtlingen, neuen Hungersnöten und Kriegen ums Wasser die schlimmsten Folgen für die Bevölkerung erwartet: Die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung rechnete aus, dass der Klimawandel bereits in drei Jahrzehnten rund 200 Millionen Menschen in die Abhängigkeit fremder Hilfe treiben werde, die jährlich bis zu 50 Milliarden Dollar ausmachen werde. Trotzdem ist von Wut oder Verzweiflung auf dem ohnehin erhitzten Kontinent kaum etwas zu spüren.

Die Gründe für die scheinbare Gleichgültigkeit liegen auf der Hand: Die Afrikaner haben dringendere Probleme, als sich um die ferne Zukunft zu kümmern. Menschen pflegten künftigen Risiken wesentlich weniger Aufmerksamkeit zu schenken als gegenwärtigen, meinen die Autoren des jüngst erschienenen Beststellers „How Your Brain Works“: Wer sich um sein morgiges Essen sorgen muss, zerbricht sich nicht auch noch den Kopf um seine Ernährungslage in mehreren Jahrzehnten.

Afrikaner sollen verzichten

Hinzu kommt, dass die Afrikaner zur Klimaerwärmung so gut wie nichts beigetragen haben. Sie können deshalb auch nichts tun, um den rasanten Temperaturanstieg abzubremsen. Schlimmer noch: Inzwischen wird von ihnen verlangt, dass sie im Namen des Klimawandels auf Dinge verzichten, die im Norden des Globus selbstverständlich sind und von denen ihre Entwicklung abhängt: Straßen und Autos, Flugzeuge und Elektrizitätswerke, Industrieparks oder Klimaanlagen.

Nirgends ist dieser Konflikt augenfälliger als in Südafrika, das wirtschaftlich aus zwei Ländern besteht: einer hochentwickelten Industrienation und einem bettelarmen Entwicklungsland. Hier wurde das berüchtigte Konzept der Apartheid erfunden, das heute in dem Begriff der „Klima- Apartheid“ weiterlebt: der Beschreibung dafür, dass die Welt in Klimatäter und -opfer auseinanderfällt. Südafrikas einzige noch ernstzunehmende überregionale Tageszeitung, der „Business Day“, hatte am Freitag eine einzige Geschichte zum Thema, das die Welt bewegt, im Blatt: Es ging darum, dass sich die hiesigen Industriekapitäne vehement gegen die von der Regierung erlassene Treibhausgasabgabe aussprechen. Sie füge der lahmenden Ökonomie des Landes unnötig noch zusätzlichen Schaden zu, hieß es.

Südafrika gehört zu den schlimmsten Kohlenwasserstoff-Emittent der Welt: Die Elektrizität wird zu 90 Prozent in Kohlekraftwerken hergestellt, außerdem produziert der Staatskonzern Sasol auch noch Benzin aus Kohle.

Umgekehrt ist Südafrika eines der ersten Opfer der Klimaerwärmung: Der Temperaturanstieg ist hier doppelt so hoch wie im weltweiten Durchschnitt. Trotzdem sträuben sich die Gewerkschaften, denen Präsident Cyril Ramaphosa seinen Wahlsieg verdankt, gegen den Ersatz des Kohlestroms durch Sonne- und Windkraftwerke: Sie fürchten, dass die Kumpels in den Kohleminen und Kohlekraftwerken ihre Arbeitsplätze verlieren.

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