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Bei den Protesten in Chile geht es auch darum, dass Gemeingüter wie Wasser widerrechtlich angeeignet wurden, erklärt Eduardo Giesen.

Interview

„Das Problem ist das System“

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Carola Rackete spricht... mit Eduardo Giesen, Organisator des „People’s Summit“ in Chile.

Eduardo Giesen (54) ist schon lange dabei: Giesen ist einer der Organisatoren des „People’s Summit“. Er arbeitet für die Organisation Viento Sur, beschäftigt sich vor allem mit Klimagerechtigkeit und nimmt seit zehn Jahren an den Klimagipfeln teil.

Eduardo, was hältst du davon, dass der UN-Klimagipfel nach Madrid verlegt wurde?

Die chilenische Regierung war dazu gezwungen. Sie hatte keine Wahl. Die Mobilisierung und Wut der chilenischen Bevölkerung hätten nicht erlaubt, dass diese Verhandlungen hier in Ruhe stattfinden. Zum einen aus logistischen Gründen: Die Hotels sind alle in den reicheren Stadtteilen, die Veranstaltungsorte im Zentrum – die Delegationen hätten auf ihren Wegen jeden Tag an Demonstrationen vorbei gemusst. Und auch der öffentliche Nahverkehr funktioniert derzeit nur unregelmäßig.

Auch politisch ist es im Moment vollkommen unmöglich, hier eine Verhandlung zu führen, bei der es um Gerechtigkeit und Gemeingüter geht. Schließlich geht es bei den Protesten gerade darum, dass Gemeingüter wie Wasser in Chile widerrechtlich angeeignet wurden: gestohlen, schlecht genutzt oder ungerechterweise privatisiert. Es ist eine bis heute andauernde Folge der Pinochet-Diktatur. An keinem anderen Ort der Welt ist das schlimmer – wer kein Geld hat, sitzt oft einfach auf dem Trockenen.

Jetzt finden Parallelgipfel in Madrid und Santiago de Chile statt. Ist es ein Problem, dass die südamerikanische Zivilgesellschaft von der UN-Klimakonferenz in Madrid ausgeschlossen ist?

Einige Gruppen sind von hier nach Europa gereist, während manche Gruppen aus Europa hierhergekommen sind. Aber die südamerikanischen Netzwerke interessierten sich sowieso schon immer mehr für die Gipfel der Zivilgesellschaft als für die offiziellen Verhandlungen, die oft ohne Ergebnisse blieben.

Hast du Vertrauen, dass die Klimakonferenzen geeignet sind, den Klimawandel aufzuhalten?

Nein. Der Prozess wird immer stärker beeinflusst von privaten Interessen: Zum einen von den internationalen Konzernen, welche die Gipfel mitfinanzieren, aber auch von den Oligarchen innerhalb einzelner Länder. In Chile etwa gehört ein paar Familien der Großteil der Reichtümer unseres Landes und der Wirtschaft. Aber Parallelgipfel wie der „People’s Summit“ sind wichtig für die Vernetzung der Zivilgesellschaft in Südamerika. Wir können so auch Druck auf die Regierungen ausüben, die sich manchmal beeinflussen lassen.

Wie geht es weiter mit Chile und der Klimakrise?

Eduardo Giesen beschäftigt sich vor allem mit Fragen der Klimagerechtigkeit.

In Chile hat die Diskussion über den Klimawandel erst dann viel Aufmerksamkeit bekommen, als klar war, dass die Klimakonferenz hier stattfinden soll. Überall wird nun darüber gesprochen, die Kohlekraftwerke abzuschalten. Aber wir müssen auch über Klimagerechtigkeit reden. Und das heißt: über den Neoliberalismus in Südamerika und den Extraktivismus.

Was meinst du damit?

Es ist kein Einzelproblem der Arbeiter oder der Studenten oder der Frauen oder der Gesundheit. Das Problem ist das System. Das gilt auch für die gewaltigen Dürren und Waldbrände in Chile. Sie sind Teil des Systems von Neoliberalismus und Extraktivismus. Wir könnten den Leuten zwar mehr über Treibhausgase erklären und darüber, wie verletzlich Chile gegenüber dem Klimawandel ist. Aber wir können das Problem nicht lösen, solange die Regierung in Chile nur das Interesse einer kleinen Elite bedient. Die Chilenen wissen das selbst ganz genau, und deshalb protestieren sie jetzt auch.

Wie könnte man das System der Klimakonferenzen ändern?

Zunächst braucht es bessere Regeln, wer die Verhandlungen finanziert. In Chile wären 80 Prozent der Gelder von genau den internationalen Firmen gekommen, die das Problem erst verursacht haben. Es kann nicht sein, dass die Vereinten Nationen mit Shell und Zementfirmen verstrickt sind und dann Entscheidungen über das Klima treffen wollen.

Interview: Carola Rackete

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