Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auch in Berlin protestierten Frauen im Herbst 2020 gegen Polens Abtreibungspolitik.
+
Auch in Berlin protestierten Frauen im Herbst 2020 gegen Polens Abtreibungspolitik.

Abtreibung

§ 218 abschaffen!

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
    schließen

Schwangerschaftsabbrüche sind kein Unrecht. Stephanie Schlitt von Pro Familia über die hohen Hürden in Deutschland für Frauen, die abtreiben wollen.

Frau Schlitt, ich bin schwanger und will selbstbestimmt über einen Abbruch entscheiden. In welchem Land bin ich dann am besten aufgehoben?

Leider nicht in Deutschland. Hier haben wir restriktive Vorgaben zum Schwangerschaftsabbruch, die durch das Strafgesetz geregelt sind. Frauen müssen viele Hürden überwinden, bis ein sicherer Abbruch möglich ist, und ihre Entscheidung ist grundsätzlich sanktioniert und damit stigmatisiert.

Ein positives Gegenbeispiel?

Neuseeland hat gerade den Schwangerschaftsabbruch entkriminalisiert. Erst ab der 20. Woche ist eine medizinische Indikation erforderlich. Es gibt keine Beratungspflicht, sondern Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, Schwangere auf Beratungsangebote hinzuweisen. Das zeigt ein völlig anderes Verständnis, worum es eigentlich geht.

Stephanie Schlitt.

Das wäre?

Die Schwangere bestmöglich dabei zu begleiten, eine für sie richtige Entscheidung zu treffen. Und diese Entscheidung als eine zutiefst moralische aufzuwerten – egal wie sie ausfällt.

Seit der Spätantike wird Frauen das Recht auf Abtreibung abgesprochen. Die Herrschaft über den weiblichen Körper als älteste und effektivste Form der Unterdrückung von Frauen?

Natürlich. Das schlägt sich dann in abstrakten moralischen Debatten nieder, die an den Lebensrealitäten von Frauen und ihrem Umgang mit einer ungewollten Schwangerschaft vorbeigehen. Frauen werden als moralisch inkompetent dargestellt, man misstraut ihrer Entscheidungsfähigkeit. Pro Familia geht von der Entscheidungskompetenz der Frauen aus. Schwangere sollen eine für sie richtige Entscheidung treffen, mit der sie gut leben können.

Zur Person

Stephanie Schlitt ist seit 2019 stellvertretende Vorsitzende des Pro-Familia-Bundesverbands und wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Bundestagsabgeordneten.

Sie engagiert sich seit 15 Jahren in der Forschung und politischen Arbeit für Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit und Frauengesundheit, u. a. als Referentin im Internationalen Sekretariat von Amnesty International und bei der Weltgesundheitsorganisation, mit einem Schwerpunkt auf dem Schwangerschaftsabbruch. mik

International versuchen vor allem Rechtspopulisten und Nationalisten, ein restriktives Abtreibungsrecht durchzusetzen ...

... weil sie hegemoniale Machtkonstellationen rechtfertigen wollen. Das wird auch auf Geschlechterpolitik übertragen. Und je mehr Menschen sich nicht mehr an den tradierten Geschlechterrollen orientieren wollen, desto stärker wächst der Druck von der anderen Seite. Auch deshalb ist die Auseinandersetzung um den Schwangerschaftsabbruch gesellschaftspolitisch so zentral.

In Deutschland gibt es den § 218 bereits seit 1871, im Faschismus wurde er noch einmal verschärft. Warum werden abtreibungswillige Frauen noch immer kriminalisiert?

Klar ist, dass die Gesetzeslage nicht mehr unserem Verständnis von reproduktiver Selbstbestimmung entspricht. Menschenrechtsnormen haben sich weiterentwickelt, an denen müssen wir uns orientieren. Nicht umsonst wird Deutschland von den UN-Menschenrechtsgremien zur Regelung des Schwangerschaftsabbruchs befragt.

Geht es beim § 218 nicht letztlich um den Versuch, Frauen zum Gebären zu zwingen – also um Bevölkerungspolitik?

Die Ursprünge dieses Gesetzes kommen ja aus einer Zeit, in der bevölkerungspolitische Erwägungen eine große Rolle gespielt haben. Auch deshalb ist es wichtig, heute noch einmal ganz genau hinzuschauen. In der DDR gab es ja alternative Regelungen ohne Beratungspflicht und mit Anspruch auf Kostenübernahme und unentgeltliche Kontrazeptiva – was zeigt, wie stark die strafrechtliche Verortung kulturell geprägt ist.

Was ist an dieser Verortung so problematisch?

Alles. Es hat Konsequenzen für den Zugang zu Informationen, denn in Deutschland darf eine Ärztin über ihr Leistungsangebot nicht umfassend öffentlich informieren. Dann ist eine zielorientierte Pflichtberatung vorgeschrieben mit einer dreitägigen Wartezeit, was Frauen zusätzlich belastet. Hinzu kommt die Schwierigkeit in manchen Landesteilen, eine Praxis oder Klinik für den Abbruch zu finden. Zudem gibt es für die meisten Schwangeren keine Kostenübernahme der gesetzlichen Krankenkassen. Und vor der Klinik müssen Schwangere damit rechnen, von Gegnern der reproduktiven Selbstbestimmung belästigt und beschimpft zu werden.

Klingt, als hätte sich die Situation gegenüber den 1970er Jahren, als Frauen zur Abtreibung nach Holland gefahren sind, kaum verbessert.

Nach wie vor wird das Nachdenken über einen Schwangerschaftsabbruch als Konfliktsituation definiert – und damit eine gesellschaftliche Auseinandersetzung auf die Schwangere projiziert. Über die gesellschaftliche Sanktionierung und Missbilligung wird ihr vermittelt, dass es eine richtige und eine falsche Entscheidung gibt. Zudem wird diese medizinische Leistung komplett anders behandelt als andere ärztliche Eingriffe. Ein Schwangerschaftsabbruch ist Grundversorgung, aber so wird er in Deutschland mitnichten behandelt.

Es gibt immer weniger Ärztinnen und Ärzte, die einen Abbruch ausführen. Die Bundesländer haben aber einen Versorgungsauftrag. Wo bleibt der Druck, damit sie den ernst nehmen?

Die Politik muss sich ehrlich machen und die Gründe für diese Situation auf den Tisch legen. Pro Familia weist schon lange auf Versorgungslücken hin, die die physische und psychische Gesundheit von Schwangeren beeinträchtigen. Die Lage wird sich noch weiter verschärfen, weil Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche machen, in Rente gehen und Nachfolger:innen in diesem Bereich häufig fehlen.

Kein Wunder, im Medizinstudium stehen Schwangerschaftsabbrüche ja nicht auf dem Lehrplan ...

... obwohl das einer der häufigsten gynäkologischen Eingriffe ist. Es gibt noch keine medizinische Leitlinie, die eine einheitliche Behandlung nach modernen Standards gewährleistet. Hintergrund ist auch hier, dass Schwangerschaftsabbrüche durch die strafrechtliche Regelung stark stigmatisiert und tabuisiert sind.

Welche Alternativen haben Frauen, die sich dem nicht aussetzen wollen?

In unserem Rechtssystem keine. Es gibt aber nach wie vor Frauen, die außerhalb von Deutschland Unterstützung suchen. Die Organisation Women on Web hat gerade eine Studie zu den Beweggründen und Zugangsbarrieren von befragten Frauen veröffentlicht, die sich für eine telemedizinische Begleitung außerhalb des formellen Gesundheitssektors entschieden haben. Sie werden von Women on Web beraten und mit Medikamenten zum Abbruch versorgt.

Warum haben die Schwangeren diesen Weg gewählt?

Women on Web nennt all die Punkte, die in der Stigmatisierung und Tabuierung von Schwangerschaftsabbrüchen begründet sind. Fast die Hälfte der Frauen sagte zum Beispiel, dass sie die Schwangerschaft vor der Familie oder ihrem Partner geheim halten wollten. Die Angst vor Stigmatisierung wurde genannt, Probleme bei der Finanzierung des Abbruchs, logistische Hindernisse wie lange Wartezeiten und Entfernungen vom Heimatort oder Arbeitsausfall und Kinderbetreuung.

Mein Körper – meine Entscheidung. Davon sind wir Meilen entfernt ...

Deshalb ist es so wichtig, dass Frauen diese Situation nicht vereinzelt erleben, sondern alle in der Gesellschaft verstehen, dass wir die strukturellen Rahmenbedingungen in den Blick nehmen müssen. Eine selbstbestimmte Sexualität ist nur dann lebbar, wenn ein Abbruch frei von Strafandrohung und staatlicher Einflussnahme möglich ist – natürlich auch, wenn der Zugang zu Verhütung für alle gut gegeben ist.

Was also muss getan werden, um den § 218 zu kippen?

Wir müssen uns bewusst machen, was die Kriminalisierung gesellschaftlich kostet, was sie Schwangeren, den Familien, Ärztinnen und Ärzten aufbürdet. Die Rechte von gebärfähigen Menschen und deren Erfahrungen müssen im Mittelpunkt stehen. Auf dieser Grundlage können wir eine verfassungskonforme Neuregelung in Angriff nehmen.

Wer kann die treibende Kraft bei diesem Prozess sein?

Es wird darauf ankommen, dass Frauen und auch Männer, aber auch Verbände ihre Erfahrungen mit einem Schwangerschaftsabbruch kritisch reflektieren und daraus die Forderung nach einer menschenrechtskonformen Regelung erwächst. Wie das Beispiel von Irland zeigt, muss dieses Anliegen in vielen Bereichen der Gesellschaft laut werden, damit die politisch Verantwortlichen das Thema endlich angehen. 150 Jahre Kriminalisierung sind genug!

Interview: Bascha Mika

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare