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Ein Spießbock im Namibrand-Reservat. Überweidung des Landes und obendrein noch mehrere Dürrejahre hatten der Vegetation schwer zugesetzt. Inzwischen hat sich die Natur weitgehend erholt.
Ein Spießbock im Namibrand-Reservat. Überweidung des Landes und obendrein noch mehrere Dürrejahre hatten der Vegetation schwer zugesetzt. Inzwischen hat sich die Natur weitgehend erholt. © CHRISTIAN SELZ

Ein Reservat in der namibischen Wüste will zeigen, wie Naturschutz, Gewinnstreben und soziales Engagement zusammenpassen.

Von Christian Selz

Der fast 2 000 Meter hohe Losberg strahlt noch stahlblaue Kälte aus, die Ebene davor ist bereits wohlig warm. Rapide steigt die Sonne höher, die Kühle der Nacht weicht der Hitze des Tages. Eine kleine Herde Spießböcke trottet gemächlich über den Dünenrücken, rupft ein paar Grashalme aus dem feinen, roten Sand und starrt dann gelassen in die Kameras. Auch ein paar Zebras äugen aus wenigen Metern Abstand neugierig durch die offene Tür in den Konferenzraum der Namibrand Nature Reserve. Die Tiere zeigen keine Spur von Furcht. Sie haben sich daran gewöhnt, dass diese Besucher harmlos sind.

Es ist keine 30 Jahre her, dass das Wild hier erbarmungslos gejagt wurde. Die Schafzucht im Westen Namibias lag am Boden, und die Farmer verkauften Biltong – getrocknetes Wildfleisch –, um zu überleben. Sie schnitten Löcher in den Zaun zum angrenzenden Nationalpark Namib-Naukluft und lockten die hungrigen Tiere, die auf der Suche nach Wasser und Futter waren, in Drahtgehege, die wie Reusen zum Ende hin immer enger wurden. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Jagd war der falsche Weg

„Ein Modell privater Initiative zur Erhaltung der Natur“, verheißt das Eingangsschild zum Reservat. Auf 172 000 Hektar Fläche bemüht sich das Team um Park-Gründer Albi Brückner um den Nachweis, dass privater Naturschutz zugleich die soziale Entwicklung vorantreiben kann. Ende vergangenen Jahres erhielten sie dafür die Zertifizierung als Global Ecosphere Retreat, eine Auszeichnung, die die Zeitz-Stiftung für nachhaltigen Tourismus verleiht. Jochen Zeitz, ehemaliger Chef des Sportartikel-Herstellers Puma und inzwischen in der Pariser Zentrale des Mutterkonzerns PPR für das Ressort Nachhaltigkeit zuständig, ist an diesem Morgen selbst nach Namibrand gekommen, um eine Solaranlage einzuweihen. Der hochaufgeschossene Spitzenmanager, der auch im von der Bundesregierung berufenen Rat für Nachhaltige Entwicklung mitwirkt, hat ein Faible für die Reize der Wüste. „Die Weite ist atemberaubend“, schwärmt er, während er Fotos von grasenden Antilopen schießt.

Wenn der 48-Jährige über Nachhaltigkeit spricht, gelangt er schnell zu Rechnungen in Euro und Cent, und man muss sich auf Sätze wie diesen gefasst machen: „Die Übersetzung der Umwelt auf Werte soll in keinster Weise die echte Werthaltigkeit der Natur vermonetarisieren, sondern visualisieren, welche Auswirkungen Wirtschaften auf die Umwelt hat, und welche enormen Leistungen unsere Natur uns täglich gibt.“ Etwas vereinfacht ausgedrückt, fordert Zeitz die Entscheidungsträger in der Wirtschaft auf, Themen wie Umwelt und Natur „nicht länger zu negieren, sondern automatisch in unserm Kalkül zu berücksichtigen.“ Noch kürzer gesagt: eine ökologische Revolution in der Marktwirtschaft.

Dem Tourismus hat Zeitz dabei eine Vorreiterrolle zugedacht. Zehn Objekte weltweit hat seine Stiftung als Global Ecosphere Retreat – also als Rückzugsraum für die Natur – ausgewählt, weil sie Pioniere eines neuen Wirtschaftens sind. „Leute, die glauben, sie wären mit einem Solarpanel, das ein bisschen Heißwasser erzeugt, schon nachhaltig, gibt es viele“, sagt Zeitz. Namibrand hat mehr zu bieten.

„Als ich hier 1984 das erste Stück Land kaufte, haben die Leute mich für verrückt erklärt“, erzählt Albi Brückner. Die Karakul-Wirtschaft lag am Boden, die Schafe verhungerten nach vielen Jahren der Dürre. Doch Brückner, Deutsch-Namibier in zweiter Generation, der sein Vermögen als Maschinenbau-Industrieller in der Hauptstadt Windhuk verdient hatte, war nicht auf Viehzucht aus. Er wollte das Land in seiner stillen, weiten Schönheit erhalten, die die verarmten Farmer längst nicht mehr sahen. Ganz zu Anfang versuchte er es mit einer Jagd-Farm, „aber das gab ständig Krach“, wie er heute schmunzelnd zugibt: „Auf dem Pritschenwagen lag dann der Spießbock, das Blut tropfte nur so herunter, und dann liefen die Touristen vorbei …“

Nach und nach kaufte Brückner Land hinzu, und 1992 gründete er schließlich Namibrand. Heute zählt sein Unternehmen sieben Gesellschafter und ist mit einer Fläche doppelt so groß wie Berlin eines der größten privaten Naturreservate im südlichen Afrika. 2 000 Kilometer Farmzäune sind verschwunden, Hunderte über das ganze Gelände verstreute Dieselfässer der Vorbesitzer wurden entsorgt. Die Tiere bewegen sich frei über das von der Natur zurückeroberte Land. Von den Dünenspitzen am Rande des Reservats lässt sich deutlich der Unterschied zwischen den natürlichen, mehrjährigen Dünengräsern innerhalb des Schutzgebiets und den überweideten Flächen außerhalb der Grenzzäune erkennen.

Um aber die Natur auf Dauer zu bewahren, glaubt Brückners Sohn Stephan, muss sie für die Menschen vor Ort auch von Wert sein und Gewinn bringen. „Land in Afrika ist ein begehrtes Gut. Es reicht nicht, ein riesiges Stück Land zu haben, nur weil es Spaß macht, oder weil man die Natur schützen will. Das Land muss etwas erwirtschaften, es muss Arbeitsplätze schaffen, es muss ein ökonomischer Nutzen entstehen.“

Brückner junior hat dafür 1995 die Wolwedans Collection gegründet, vier luxuriöse Zelt-Lodges, die den Park auch wirtschaftlich nachhaltig machen. Die hauseigene Desert Academy bildet junge Namibier zu Hotelfachpersonal aus, und das ebenfalls von Brückner gegründete Namibian Institute of Culinary Education ist die renommierteste Küchenschule im ganzen Land. Dazu kommt ein Naturbildungszentrum, das vorrangig Schulklassen in einwöchigen Kursen im Umgang mit ihrer Umwelt und den gerade im Wüstenland Namibia so raren natürlichen Brennstoff- und Wasser-Ressourcen vertraut macht – für arme Schulen kostenlos, mitten im Luxus-Naturreservat.

Geld bewegt die Welt

Das Geld bringen die Touristen mit, von denen die meisten aus Deutschland, Frankreich oder den Benelux-Ländern kommen. Für die perfekte Ruhe der Wüste und einzigartige Begegnungen mit tanzenden Straußen, jagenden Hyänen oder lauernden Leoparden zahlen die Gäste in den exklusiven Camps pro Nacht mindestens 250 Euro. „No money, no honey“, sagt Stephan Brückner, „wenn du kein Geld verdienst, kannst du nichts bewegen.“ Umgerechnet eine Million Euro hat sein Lodge-Betrieb bisher für das ihn umgebende, aber strukturell unabhängige Naturreservat erwirtschaftet. Eine Dividende haben die Teilhaber in all den Jahren noch nie gesehen, und wenn es nach dem 44-Jährigen geht, werden sie auch so bald keine sehen. „Wenn man ins Gras beißt mit einem Riesenvermögen“, sagt Stephan Brückner, „dann hinterlässt man kein Erbe.“

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