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Lars Klingbeil sagt über sich, dass er bei vielen Dingen „in between“ sei – dazwischen.

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Das Prinzip Lars

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Lars Klingbeil galt in der SPD als Hoffnungsträger, inzwischen gehört er zur Führungsreserve der Partei. In der aktuellen Krise wächst der Einfluss des Generalsekretärs. Wagt er den Sprung nach ganz oben?

Die Frage kommt jetzt immer. Egal, mit wem er gerade spricht. Journalisten, Genossen, Wähler – selbst die Schüler einer Besuchergruppe im Bundestag wollen es wissen. „Werden Sie der nächste SPD-Chef?“

Lars Klingbeil quittiert diese Frage meist mit einem Lächeln. Oder einem Witz. „Kandidaturen erkläre ich nur bei Youtube.“ Danach erst kommt die richtige Antwort. Sie geht so: „Als Generalsekretär muss ich jetzt den Prozess organisieren, wie wir eine neue Parteiführung finden. Erst wenn alles geregelt ist, denke ich darüber nach, was ich selbst will.“

Die Antwort ist kein Ja, vor allem ist sie aber kein Nein. Sie passt damit ganz gut zu der Situation, in der Lars Klingbeil, 41, Bundestagsabgeordneter der SPD, gerade steckt. Vieles ist möglich. Wird Klingbeil Ende des Jahres Abgeordneter sein? Weiter Generalsekretär? Oder Parteichef? Alles ist jetzt drin.

Nach dem Rücktritt von Andrea Nahles sucht die SPD eine neue Führungsspitze. Es ist ein komplizierter Prozess, mehr als 23 000 Vorschläge aus der Mitgliedschaft gibt es. Am Montag will der Vorstand das weitere Vorgehen beschließen. Entschieden ist wohl, dass es auf eine Doppelspitze hinauslaufen soll. Auch die Befragung der Parteimitglieder scheint sicher. Die Kandidaten werden sich in einer Roadshow vorstellen, vermutlich bei Regionalkonferenzen.

Andere Fragen sind offen. Treten Männer und Frauen einzeln an oder in Teams? Soll der für Dezember terminierte Parteitag vorgezogen werden? Und was passiert, wenn bei der Mitgliederbefragung keine eindeutige Mehrheit herauskommt?

Klingbeil redet nun bei all diesen Fragen mit. Jeden Abend koordiniert er sich mit den kommissarischen SPD-Vorsitzenden Manuela Schwesig, Malu Dreyer und Thorsten Schäfer-Gümbel. Als Generalsekretär sind es seine Parteichefs vier bis sechs. Noch vor wenigen Jahren war Klingbeil ein Talent, inzwischen ist er fast schon ein alter Hase.

Es ist eine Zwitterrolle, die auch ein Problem werden kann. Es wäre nicht das erste Mal. Klingbeil war Juso-Vize, ist aber kein Linker. Er ist Mitglied der Seeheimer, aber ein richtig konservativer Genosse ist er auch nicht. Er ist kein Nachwuchspolitiker mehr, er ist aber auch noch nicht Teil des Establishments. Er macht Netz- und Verteidigungspolitik. Gegen Uploadfilter und für Panzer.

Er sagt selbst über sich, dass er bei vielen Dingen „in between“ sei – dazwischen. Man könnte es auch das „Prinzip Lars“ nenne. Die Frage ist, ob er mit dem Prinzip Lars bis nach ganz oben kommt. Ober ob er sich irgendwann für eine Rolle entscheiden muss.

Vergangenen Mittwoch steht er vor Studenten in einem Hörsaal in Berlin. Es geht um die Macht von Daten. Klingbeil fordert eine Pflicht für Digitalkonzerne, Daten der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Der Wirtschaftswissenschaftler Justus Haucap, politisch unverdächtig, lobt den Vorschlag überschwänglich.

Nicht viele SPD-Politiker diskutieren bei Netzthemen auf Augenhöhe mit den wichtigsten Akteuren. Klingbeil schon. Er war einer der ersten Netzpolitiker im Bundestag, zusammen mit Dorothee Bär (CSU), Konstantin von Notz (Grüne), Thomas Jarzombek (CDU) und dem inzwischen schwerkranken Jimmy Schulz von der FDP. Sie verstehen sich bis heute. Auch, weil sie anfangs belächelt worden sind.

„Digitalpolitiker hieß 2009, dass die älteren Kollegen ankamen, wenn ihr IPhone kaputt war“, sagt Klingbeil. „Oder wenn sie ein Ladekabel brauchten“. Die Studenten lachen. Von ihnen bezweifelt niemand, dass Deutschlands Zukunft von Künstlicher Intelligenz abhängt, von Automatisierung und Big Data. Seit dem Streit über Uploadfilter und den Youtuber Rezo ist auch in den Parteizentralen angekommen, dass man mit Digitalpolitik Wahlen gewinnen kann. Oder verlieren.

Nach der Diskussion sitzt Klingbeil in seinem Dienstwagen. Die Fahrt geht durch Charlottenburg, als seine Freundin ihm ein Foto schickt. Klingbeil zeigt es herum. Seine neuen Turnschuhe sind zu Hause angekommen, die Sohlen leuchten in allen Farben des Regenbogens. „Hoffentlich färben die nicht ab, wie die ollen Dinger, die Du jetzt trägst“, ruft sein Fahrer von vorne. „Die machen immer so weiße Striche auf meine Sitze.“ Die Mitarbeiter lachen, der Generalsekretär schaut kokett hilflos. Insgesamt wirkt alles sehr menschlich und locker. Und das soll es auch. Es ist Teil vom Prinzip Lars.

Manch einer in der SPD-Bundestagsfraktion war überrascht, als er, der Lars, nach der Wahl 2013 Chef der niedersächsischen Landesgruppe wurde. Er kritisierte den damaligen Parteichef Sigmar Gabriel, warb früh für einen Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Ende 2017 stritt er sich mit Hubertus Heil um den Posten des Parlamentarischen Geschäftsführers. Zwischen den beiden Niedersachsen soll es derart hoch hergegangen sein, dass Landeschef Stephan Weil eingreifen musste.

Wenn es um den nächsten Schritt geht, wägt Klingbeil Chancen und Risiken ab. Würde Stephan Weil antreten, sein Vertrauter, stünde Klingbeil schnell in Reih und Glied. Der niedersächsische Ministerpräsident aber hat selbst betont, keine Ambitionen auf den Bundesvorsitz zu haben.

In der Talkshow von Markus Lanz sagt Klingbeil kürzlich einen bemerkenswerten Satz. Es geht um den Mannheimer Parteitag, den Sturz von Rudolf Scharping, und das Trauma, das daraus entstanden ist. Die Politikergeneration jener Tage müsse das jetzt endlich hinter sich lassen, fordert Klingbeil, der damals 17 war. „Wenn die das nicht hinkriegen, dann ist meine Generation dran. Dann können wir zeigen, dass wir es besser machen.“

Er kann es jetzt zeigen. Wenn er sich traut. Und wenn die Partei ihn lässt.

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