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19. Oktober 1977: Im französischen Mülhausen wird der ermordete Arbeitgeberpräsident gefunden ? im Kofferraum eines Audi 100.

RAF

Der Primat der Gewalt

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Eines einte in den 70ern die RAF und die Mächtigen im Staat: Im Kampf gegeneinander verloren beide die Gesellschaft aus dem Blick. So passiert es auch bei der Bekämpfung des islamistischen Terrors heute.

Auch unter Journalisten erfreuen sich Gedenktage nicht gerade großer Beliebtheit. Sie wiederholen sich, und selten werden passend zum Jubiläum neue Entdeckungen gemacht. So lauten die häufigsten Einwände. Sie sind meist berechtigt. Der Hauptgrund aber ist, glaube ich: Sie rauben den Tagesereignissen, und sei es nur dem Hunger auf Neues, die Aufmerksamkeit. Das, so heißt es, sei fatal, denn die Gegenwart können wir ändern. Die Vergangenheit dagegen bleibe, wie sie war. Der Blick auf die unveränderliche Vergangenheit bestärkt, so die Befürchtung, unser Gefühl der Ohnmacht. Statt uns Mut zu machen, lässt er uns unsere Hilflosigkeit noch stärker spüren. Auch das stimmt.

Aber genau das ist das Gute an Gedenktagen. Wir erinnern uns an Situationen, Konstellationen, wir lassen sie uns erklären von Historikern und Zeitzeugen, und unwillkürlich platzieren wir sie in unsere Gegenwart. Mal naiv, mal sehr bewusst. Wir nutzen die Vergangenheit wie der Röntgenologe ein Kontrastmittel. Wir geben sie ein, um unsere Gegenwart genauer zu verstehen. Und noch etwas: Die Vergangenheit ist anders als unsere Gegenwart. Diese Einsicht macht uns Mut oder Angst, jedenfalls aber gibt sie uns die Gewissheit, dass unsere Gegenwart nicht unsere Zukunft sein wird. Zugleich wissen wir, dass die Gegenwart sich nicht in allem von der Vergangenheit unterscheidet. Wir begreifen, dass wir sehr genau hinschauen müssen. Oft genauer, als wir können.

Gedenktage sind eine ganz besondere Art, sich mit der Vergangenheit zu konfrontieren. Sie haben den Nachteil, dass sie nicht den Prozess deutlich machen, der zu dem Ereignis führte, an das wir uns erinnern wollen, sondern sich ganz auf es selbst konzentrieren.

Wer in diesen Tagen an die Schleyer-Entführung (5. September 1977 bis 18. Oktober 1977), an die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten, an die Geiselnahme der Landshut-Passagiere erinnert, zeigt, dass die Bundesrepublik durchaus in der Lage war, einen eigenständigen Terrorismus hervorzubringen und dass auch damals der Terrorismus international vernetzt war. Er zeigt auch, dass der Terrorismus, auch wenn er sich angeblich gegen „die Herrschenden“ richtet, damals wie heute nicht zögert, auch die Beherrschten umzubringen. Sechzig Mal feuerten die RAF-Mörder auf den Leibwächter Schleyers. Reinhold Brändle war kein Kollateralschaden. Seine Ermordung wurde nicht in Kauf genommen, sondern gehörte zum Konzept RAF.

Der bewaffnete Kampf, der Terrorismus auch, waren keine deutsche Besonderheit. Die deutsche RAF hätte es ohne die internationalen Vorbilder – etwa Black Panther, Tupamaros, Weathermen – nicht gegeben. Wie auch die undenkbar waren ohne die antikolonialen Befreiungsbewegungen, ohne auch das Modell Kuba. Es war der Sieg der Leute um Fidel Castro über den kubanischen Diktator Fulgencio Batista, der 1959 einer überraschten Weltöffentlichkeit zeigte, dass ein paar Handvoll entschlossener Männer innerhalb weniger Jahre ein Regime stürzen können. Seitdem war der bewaffnete Kampf, der immer wieder auch terroristische Attentate einschloss, immer mehr zum zentralen Mittel im Kampf gegen die alten europäischen Kolonialmächte geworden.
Die Protestbewegung der 60er Jahre war militant. Überall auf der Welt. Sie definierte sich wesentlich darüber, dass sie nicht den Weg über die Parteien ging. Militante Selbstorganisation war eines der Schlagwörter. Militant hieß nur in den seltensten Fällen bewaffneter Kampf aus dem Untergrund heraus. Aber weit verbreitet war die Auffassung, dass „die Herrschenden“ bezwungen werden müssten.

Über die Wahl der Zwangsmittel wurde heftig gestritten. An einem Samstagnachmittag zum Beispiel – wenn ich mich recht erinnere, im Jahre 1969 – gab es in der von Maoisten betriebenen Buchhandlung Libresso am Frankfurter Opernplatz (heute ist dort ein schickes Restaurant) eine Diskussion zum Thema Parteiaufbau und revolutionäre Gewalt. Die Maoisten predigten die Notwendigkeit einer straff geführten Partei und dass alle Aktivitäten ihr untergeordnet zu sein hätten. Sie müsse Strategien für Kindergärten, Fahrpreisauseinandersetzungen, Streikbewegungen und auch für den bewaffneten Kampf entwickeln. Die einzelnen Sektoren unterstünden der Parteidisziplin. Das wurde kräftig mit Mao-Zedong-Zitaten unterstrichen.
Auf der anderen Seite standen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und andere Freunde des bewaffneten Kampfes. Baader wies die Anmaßung der Kader einer so gut wie nicht vorhandenen Partei zurück, erklärte Mao Zedongs Volkskrieg-Konzeption für völlig ungeeignet in einer modernen Industriegesellschaft, wies auf die Aktionen der Tupamaros in Uruguay hin, bot dann aber als Kompromiss die Arbeitsteilung an: „Baut ihr die Partei auf, wir bauen die Rote Armee auf.“

Darum Rote Armee Fraktion. Aber als die Genossen sich darauf nicht einlassen wollten und vom „Primat der Politik“ sprachen, wuchs sein Zorn auf die marxistisch-leninistischen Familienväter. Er warf ihnen das Che-Guevara-Zitat „Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen!“ wütend an den Kopf und verließ mit seinen Getreuen den Kampfplatz. So spiegelt mir meine Erinnerung die Szenen jenes Tages vor 48 Jahren vor.

So gespenstisch sie einem heutigen Leser vorkommen mögen, er hat nichts von jenen Jahren verstanden, wenn er sich nicht vor Augen hält, dass ähnliche Auseinandersetzungen über Jahre in jeder bundesrepublikanischen Großstadt – Göttingen und Freiburg gehören so betrachtet mit in diese Kategorie –, in jeder zweiten, wenn nicht gar in jeder Wohngemeinschaft stattfanden. Aber eben nicht nur in Deutschland, sondern überall in Westeuropa, ja überall in der westlichen Welt. Gewalt wurde als ein wichtiges Mittel der Selbstermächtigung betrachtet. Nicht nur in linksradikalen politischen Zirkeln, sondern auch in den christlichen Kirchen, in Literatur, Kunst und Musik. „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ wurde 1969 geschrieben.

Die RAF war nicht isoliert. Sie isolierte sich in einem langen Prozess. 1977 hätten nicht mehr Zehntausende die Mitglieder einer terroristischen Untergrundarmee bei sich übernachten lassen. Es waren die Taten der RAF, ihre Morde und die „Betonsprache“ ihrer Bekennerschreiben, die der militanten Szene einen Spiegel vorhielten, in dem sich immer weniger wiedererkennen wollten. Nicht nur aus moralischen Gründen. Die RAF demonstrierte auch, wohin die Konzentration auf die gesamtgesellschaftliche Machtfrage führte. Es gab immer noch viel zu viele, die den Weg der RAF gingen. Aber sie reihten sich ein in die Auseinandersetzung Staat–RAF. Das interessierte immer weniger.

Die staatlichen Maßnahmen gegen die RAF   – Kontaktsperregesetz, der neue Straftatbestand der Bildung, Unterstützung oder Werbung für eine terroristische Vereinigung und anderes mehr – halfen, den Terrorismus zu stärken. Mehr noch aber als die übrigens immer noch gültigen, damals geschaffenen Gesetze mobilisierten die staatlichen Behörden ihre Widersacher mit illegalen Aktionen. Das Celler Loch, das der Verfassungsschutz selbst im Juli 1978 in die Außenmauer des Gefängnisses geschlagen hatte, um eine Gefahrenlage zu simulieren, mit der die Behörden parlamentarische Genehmigungen für weitere Hochsicherheitstrakte durchsetzen konnten. Der Betrachter von außen – und das wurden im Laufe der Zeit immer mehr – konnte sich des Eindrucks nicht erwehren: Hier kämpften zwei, die nur noch Augen füreinander hatten.

Nicht aber mehr für die Gesellschaft, in der sie lebten. Die Konzentration auf die Aufgabe wird in dem Moment falsch, in dem man über ihr den Zusammenhang nicht mehr sieht, in dem sie steht.
Das galt für den Kampf gegen den Terrorismus der RAF, wie es heute für den Kampf gegen den Terrorismus des IS oder seine anderen Vertreter gilt. Es dauerte damals viele Jahre, bis auch der Staat sich nicht mehr erkennen wollte in dem, was aus ihm im Kampf gegen den Terrorismus der RAF geworden war. Einigermaßen kennen wir die Entwicklung der RAF-Kämpfer bis zur Auflösung der RAF – nach mehr als 30 Morden sowie Geiselnahmen, Banküberfällen und anderen Verbrechen mit mehr als 200 Verletzten – am (man beachte das Datum) 20. April 1998.

Wenig untersucht ist bisher der Prozess, in dem sich die staatlichen Behörden oder doch Teile von ihnen von ihrer ursprünglichen Strategie der Härte im Kampf gegen den Terrorismus verabschiedeten. Die Erfahrung der „bleiernen Zeit“ hatte die Bundesrepublik verändert.

Aber wiederholen wir nicht den Fehler der Konzentration auf das Gedenkdatum, werfen wir einen Blick auf den Zusammenhang. Die Welt hatte sich auch geändert. Der Vietnamkrieg wurde von den USA verloren. Es gab erst einmal Tausende Flüchtlinge: Boatpeople auch sie damals. Vietnam war von Grund auf zerstört. Wie die Länder in Afrika, in denen Befreiungsbewegungen bald nicht mehr die verschwundenen Kolonialherren, sondern einander bekämpften. In Lateinamerika kam es zu parlamentarischen, friedlichen Regierungswechseln. Die USA putschten dort deutlich weniger, als sie es in den 60er und zu Beginn der siebziger Jahre getan hatten. Keine Sekunde lang war die Gewalt abgeschafft, aber der bewaffnete Kampf hatte angesichts dieser Entwicklungen, auch konfrontiert mit seinen Ergebnissen, für die Emanzipationsbewegungen seinen Zauber verloren. Überall auf der Welt.

Heute blicken wir auf den islamistischen Terror so entgeistert, als hätten wir nicht jahrzehntelang denjenigen Made in Germany erlebt und analysiert. Wie aus netten jungen Frauen und Männern, die sich für die sozial Entrechteten engagierten – und sei es nur in Gedanken – Terroristen werden, die bedenkenlos niederknallen, was zwischen ihnen und ihrem Ziel steht, das ist in Oldenburg so rätselhaft wie in Tuttlingen. Auch in Riad und Kairo wird dieser Gang der Evolution nicht verständlicher. Allerdings wissen wir oder könnten wir doch wissen, dass den Bomben mit Bomben nicht beizukommen ist. Der „Krieg gegen den Terror“ hat den Terrorismus stark gemacht. Erst durch ihn wurde er zu einer militärischen Macht.

Natürlich kann man einem bewaffneten Terroristen nicht mit nichts als dem Grundgesetz gegenübertreten. Aber wer die Frage so stellt, stellt sie falsch. Der Kampf gegen den Terrorismus kann nur als Kampf um die Köpfe, Herzen und – nicht zu vergessen – Bäuche der Bevölkerungen erfolgreich geführt werden.

Das war die Erkenntnis, zu der man sich vor vierzig Jahren mühsam durchrang. Nichts anderes wäre heute zu tun. Wenn wir das mitbringen könnten aus unserer Erinnerung an den Terrorismus der 70er Jahre, hätte dieser Gedenktag sein Gutes.

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