„Ich bekenne mich nicht schuldig.“ - Iwan Safronow wird zu einer Gerichtsanhörung gebracht. Evgenia Novozhenina/rtr
+
„Ich bekenne mich nicht schuldig.“ - Iwan Safronow wird zu einer Gerichtsanhörung gebracht. 

Iwan Safronow

Presse fordert Freiheit

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
    schließen

Vorwurf Hochverrat: Dem russischen Ex-Journalisten Iwan Safronow drohen 20 Jahre Haft.

Die letzten Worte, die Iwan Safronows Kollegen von ihm hörten, lauteten: „Ich bekenne mich nicht schuldig.“ Kurz darauf erklärte der Haftrichter die Sitzung im Bezirksgericht Lefortowo für nicht öffentlich, die Medienvertreter mussten den Saal verlassen.

Am Dienstag haben Beamte des Staatssicherheitsdienstes FSB in Moskau Iwan Safronow festgenommen, den Pressesprecher des Konzerns Roskosmos und langjähriger Rüstungsjournalist der Zeitungen „Kommersant“ und „Wedomosti“. Der FSB verdächtigt ihn des Landesverrats, Safronow soll ab 2012 für den tschechischen Geheimdienst spioniert und diesem 2017 Geheime Informationen über Waffengeschäfte Russlands mit einem Nahoststaat geliefert haben. Ihm drohen nun zwölf bis 20 Jahre Gefängnis.

Moskaus Journalisten reagierten prompt. Dutzende Kollegen versammelten sich vor dem Bezirksgericht. Und vor dem FSB-Hauptquartier an der Lubjanka nahm die Polizei 25 Journalisten fest, die dort aus Protest Mahnwache hielten. Mehrere Redaktionen veröffentlichten Solidaritätsadressen. „Wir glauben nicht an Iwan Safronows Schuld“, titelte die Internetzeitung „meduza.io“ – „Und wir haben Grund dafür.“ Die journalistische Zunft macht Front gegen den FSB, um den Kollegen zu retten.

Safronow arbeitete erst zwei Monate bei Roskosmos, vorher war er lange Jahre politischer Redakteur beim „Kommersant“, zuständig für Militär- und Rüstungsfragen, manchmal auch als Kremlreporter für Wladimir Putin persönlich. Dessen Sprecher Dmitri Peskow versicherte, Safronow sei hochtalentiert, seine Festnahme aber habe nichts mit seiner früheren journalistischen Tätigkeit zu tun.

Safronow gehörte als Rüstungs- und Raumfahrtexperte sowie als Kremlreporter zu den Moskauer Berichterstattern, auf die die Sicherheitsorgane ein besonderes Augenmerk hatten. „Für einen ausländischen Geheimdienst arbeiten…“, räsoniert Ilja Bulawinow, ehemaliger „Wedomosti“-Chefredakteur, „Iwan wirkte nie wie ein Idiot.“

Safronow schrieb viele für die Staatsmacht unbequeme Geschichten: über Unfälle auf Atom-U-Booten, Kampfjet-Abstürze, gescheiterte Starts von Interkontinentalraketen. Im März 2019 berichtete er über den geplanten Verkauf von mindestens 20 russischen Su-35-Mehrzweckjägern an Ägypten. Der Artikel sorgte für einen internationalen Skandal, laut Interfax drohte US-Außenminister Mike Pompeo Ägypten wegen des Geschäftes mit Sanktionen, der Text verschwand schnell wieder von der Website des „Kommersants“.

Zwei Monate später wurden Safronow und ein Kollege entlassen, nach einem Stück über den möglichen Rücktritt der Senatssprecherin Valentina Matwijenko, der angeblich den Besitzer der Zeitung, den kremlnahen Milliardär Alischer Usmanow, erbost haben soll.

„Mir scheint, der FSB hat nach mehreren unliebsamen Artikeln, auch nach dem Text über den Kampfjet-Deal mit Ägypten, beschlossen, konkret gegen Safronow vorzugehen“, sagt Roman Dobrochotow, Chefredakteur des Rechercheportals „The Insider“ unserer Zeitung. „Die Informationen über Matwijenkos angeblichen Rücktritt erhielt er von einem FSB-Mann. Der FSB wollte ihn so wohl aus den Medien herausdrängen. Und bringt ihn jetzt, wo er kein Journalist mehr ist, vor Gericht.“

In den vergangenen Jahren endeten mehrere Hochverratsprozesse gegen russische Wissenschaftler mit hohen Haftstrafen. Auch Safronows Chancen gelten als gering, zumal der FSB wieder einen Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit anstrebt. Allerdings hoffen viele ehemalige Kollegen, dass Safronow frei kommt, so wie vergangenes Jahr der Enthüllungsjournalist Iwan Golunow. Ihm hatten Polizisten Drogen untergeschoben und ihn als Rauschgifthändler verhaftet. Aber nach lautstarken Protesten der Öffentlichkeit wurde die Anklage fallengelassen. „Auch jetzt hängt alles davon ab, wie solidarisch die Journalisten auftreten“, glaubt Dobrochotow. „Gut, dass auf der Lubjanka gestern auch eine Mitarbeiterin von „Russia Today“ und die TV-Moderatorin Xenia Sobtschak demonstrierten, also eigentlich staatstreue Medienleute.“ Am Montag wird die offizielle Anklage gegen Safronow erwartet.

Kommentare