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Angehörige suchten nach Kindern, Geschwistern oder Ehepartnern.

Klage gegen KIK

Der Preis der Billigkleidung

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Die Kleidung von KIK ist spottbillig. Die Produktion wird immer wieder von verheerenden Unfällen und Bränden begleitet. Auch der Sohn von Saeeda Khatoons starb auf tragische Weise in der Fabrik eines KIK-Zulieferers.

Erst die grünen, dann die blauen, dann die weißen, so hängen die Hemden auf ihren Bügeln, streng geordnet, 3,99 Euro das Hemd. Daneben Hosen, 4,99 Euro. Kinderjacken, 3,99 Euro. 30, 50, 70 Prozent Rabatt versprechen die Aufkleber auf den Scheiben. Angebotstage bei KIK.

Saeeda Khatoon steht vor der Filiale in der Dortmunder Fußgängerzone, Westenhellweg, den Blick fest auf das strahlend hell erleuchtete Geschäft geheftet, auch wenn sie spricht. Eine kleine Frau in traditioneller pakistanischer Kleidung, den bunten Schal, den Dupatta, um den Kopf gewickelt. „So sauber, so aufgeräumt, faszinierend“, sagt sie. Ganz anders als der Keller der Textilfabrik in Karatschi, in dem ihr Sohn diese Sachen fertigte. Heiß war es dort, eng, staubig, „die Hölle“, so hat er diesen Ort genannt. Hier, in der Fußgängerzone von Dortmund, ist nicht die Hölle. Hier ist es hell, sauber. Aber was heißt schon sauber. „Wenn ich auf dieses Geschäft blicke, dann sehe ich die verkohlten, geschrumpften Körper vor der Fabrik vor mir“, sagt Saeeda Khatoon mit starrem Blick. „Ich kann nicht anders.“

Bis zum 11. September 2012 gehörte ihr Sohn zu den Tausenden Arbeitern, die in Südasien dafür sorgen, dass auf den Kleiderständern in den KIK-Filialen immer genug Hosen, Hemden, Jacken hängen. Genug, das sich mit Gewinn verkaufen lässt, auch für 30, 50, 70 Prozent weniger. Im Keller der Fabrik Ali Enterprises breitete der damals 18-jährige Ejaz den Stoff aus, aus dem die Schneider die Hosen nähten. Bis das Feuer ausbrach. An jenem Tag vor sechs Jahren verbrannte Ejaz in der Fabrik. Und jetzt ist Saeeda Khatoon, Ejaz‘ Mutter, in Dortmund, weil sie Gerechtigkeit will. Für ihren Sohn, für die anderen 258 Toten, und für sich.

Es ist ein ungewöhnliches Verfahren, das an diesem Donnerstag im Saal 130 des Landgerichts Dortmund beginnt. Zum ersten Mal muss sich ein Unternehmen in Deutschland in einem Zivilverfahren für mögliche Missstände und Menschenrechtsverletzungen seiner Zulieferbetriebe im Ausland vor Gericht verantworten. Zusammen mit Saeeda Khatoon klagen zwei Elternpaare, die ebenfalls ihre Kinder bei dem Brand verloren, sowie ein Überlebender. Es geht zunächst einmal darum ob sie alle jeweils 30 000 Euro Schadenersatz bekommen.

Aber das ist nicht der Grund, warum die deutsche Textilwirtschaft an diesem Tag mit einem gewissen Bangen nach Dortmund schaut. Denn es geht auch um die Frage, wie weit die Verantwortung deutscher Unternehmen für ihre Lieferanten in Übersee reicht.

„Es handelt sich um einen Präzedenzfall von großer Bedeutung für die weitere Rechtsentwicklung, weit über die Textilbranche hinaus“, sagt Markus Kaltenborn, Professor für Öffentliches Recht von der Ruhr-Universität Bochum. Wenn der Jurist Recht hat, geht es in Dortmund auch um die Frage, ob das Recht mit den Bedingungen der globalisierten Produktion Schritt hält. Oder ob es sich raushält.

Der 11. September 2012 ist ein Dienstag, ein milder Tag in der 15-Millionen-Stadt im Süden Pakistans. Am frühen Abend, kurz nach sechs, kocht Saeeda Khatoon, Witwe, Erzieherin, gerade ein Hühnercurry für sich und ihren einzigen Sohn, als es an der Tür klopft. Normalerweise ist es Ejaz, der um diese Zeit nach Hause kommt. Jetzt ist es ihre Mutter. Ein Feuer in der Fabrik, ruft sie. Auf der Straße, trifft sie weitere Eltern, viele Kinder und Jugendliche aus dem Viertel arbeiten in der Fabrik. Als Saeeda Khatoon dort ankommt, sieht sie ein Gebäude in Flammen. Menschen, die in Todesangst vom Dach springen.

Am nächsten Tag tragen Helfer Leichen aus dem Gebäude. Saeeda Khatoon erkennt ihren Sohn sofort. Sein Gesicht ist fast unversehrt. Er konnte es schützen, mit einem Teller. „Der Rest seines Körpers“, sagt Saeeda Khatoon, „war komplett verbrannt.“ In der Ruine fanden die Helfer nicht nur Leichen. Sondern auch Kleidung mit dem KIK-Label. Die Firma mit Sitz in Bönen in Nordrhein-Westfalen ist zu diesem Zeitpunkt fast alleiniger Auftraggeber der Textilfabrik in Karatschi. 75 Prozent der Produktion waren im Schnitt in den Jahren zuvor für das Unternehmen mit dem rot-weißen Schriftzug bestimmt.

Kann man da noch von einer eigenständigen, unabhängigen Zulieferfirma sprechen? Auf jeden Fall, meint das Unternehmen KIK.

Saeeda Khatoon und diejenigen, die ihre Klage ausarbeiteten und ermöglichten – die Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights mit Sitz in Berlin und Medico International – halten dagegen: Ali Enterprises, Ejaz und seine Kollegen waren Scheinselbständige, für die KIK eine besondere Fürsorgepflicht hatte.

KIK verweist auf regelmäßige Kontrolle und Zertifizierung der Fabrik. Zuletzt bescheinigte ihr ein Auditor nur drei Wochen vor dem Brand den SA-8000-Standard, eine anspruchsvolle internationale Norm für Arbeitssicherheit. Kann man auf diese Weise Verantwortung auslagern? Nein, sagen die Kritiker. Solange die Prüfer, die Auditoren, von den Auftraggebern wirtschaftlich abhängig sind, „ist keine echte Kontrolle zu erwarten“, sagt der Jurist Kaltenborn.

Saeeda Khatoon sagt, ihr Sohn habe sich in der Fabrik nie sicher gefühlt, Zertifikate hin oder her. Von engen Treppen habe er erzählt, einem Notausgang, der in acht oder neun Metern Höhe im Nichts endete, von schlechtem Handyempfang. Seit vier Jahren arbeitete Ejaz als Helfer bei Ali Enterprises, mit 14, fast noch ein Kind, hat er angefangen. Sein Lohn: 70 Euro im Monat. Nebenbei ging Ejaz auf eine private Schule, er träumte von einem guten Job, von Aufstieg. „Immer wieder habe ich ihm gesagt, er solle endlich aufhören, dort zu arbeiten“, sagt Saeeda Khatoon. „Es ist zu gefährlich.“ „Noch zwei Monate“, habe er zuletzt geantwortet. Dann brach das Feuer aus.

Frau Khatoon gegen KIK; die Mutter, deren einziges Kind starb, gegen den Textildiscounter, der in Deutschland mit seinen Billigklamotten dank der niedrigen Löhne in Südasien Millionen scheffelt: Das sieht nach einer eindeutigen Geschichte aus. Gut gegen Böse. KIK steht für „Kunde ist König“. Zuletzt meldete der Discounter einen Rekord-Umsatz von zwei Milliarden Euro.

Bei näherem Hinsehen hat diese Geschichte einige Graustufen. Tatsächlich zählt KIK in der Branche zumindest heute zu den überdurchschnittlich Engagierten in Sachen Arbeitsschutz. Als eines von wenigen Unternehmen wendet es die strengen Regeln, die in Bangladesch als Konsequenz aus dem verheerenden Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza im Jahr 2013 mit mehr als 1000 Toten erlassen wurden, auch in anderen Ländern an. Den Hinterbliebenen des Brandes von Karatschi zahlte KIK freiwillig insgesamt gut 6 Millionen Dollar Entschädigung – zum Teil in einen Fonds, aus dem auch Saeeda Khatoon eine Pension erhält.

Während die Bundesregierung noch ganz auf das freiwillige Engagement der Wirtschaft setzt, während sich viele Unternehmen mit Händen und Füßen gegen schärfere Verpflichtungen wehren, fordert KIK, wie zum Beispiel auch Tchibo, ein Gesetz, das deutsche Unternehmen zu mehr Fürsorge für seine Zulieferer im Ausland verpflichtet. Auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf, wenige Tage vor dem Prozess, schimpft Ansgar Lohmann, Leiter des Bereichs Soziale Verantwortung bei KIK, regelrecht auf die „trittbrettfahrenden Unternehmen“, die sich hinter dem Engagement von KIK und anderen verstecken.

Geht es da um Menschenfreundlichkeit? Um ein soziales Gewissen? Vielleicht auch. Vor allem geht es um ein gutes Image. Und um gleiche Kosten für alle.

Den Brand in Karatschi jedoch sieht KIK als Sonderfall. Da habe es sich um einen Brandanschlag gehandelt. Um Terror. Brandsätze hätten gezielt die Notausgänge blockiert. Da hätten auch die besten Schutzvorkehrungen nicht alle retten können. Tatsächlich kam ein polizeilicher Untersuchungsbericht 2015 zu genau diesem Ergebnis. Der Besitzer der Fabrik habe sich geweigert, Schutzgeld zu zahlen. Deshalb sei Feuer gelegt worden.

Saeeda Khatoon kennt diese Erklärung. Aber sie hat ihre Zweifel. Wie so viele der Überlebenden und Angehörigen. „Wenn der Besitzer erpresst wurde und die Angestellten in Gefahr waren“, fragt sie, „warum ging der Betrieb dann ganz normal weiter? Und wenn es wirklich ein Anschlag war, warum wurde dann bis heute niemand verurteilt?“

Für sie ist das alles vor allem eine Theorie. Bequem für den Besitzer, den Auftraggeber, den Auditor. Weil sie sie entschuldigt. Um all das könnte es nun von diesem Donnerstag an in Dortmund gehen. Wenn die Richter denn soweit kommen. Denn zunächst wird es darum gehen, ob die Ansprüche womöglich verjährt sind. Ob der Prozess also endet, bevor er richtig beginnt.
So wird es am Anfang darum gehen, ob es Absprachen gab, die die Verjährung verzögern. Und Vorwürfe, die wird es auch geben. KIK stehle sich aus der Verantwortung, sagen die Anwälte der Pakistaner. KIK habe keine andere Wahl, sagt KIK.

Saeeda Khatoon hat für diese Art von juristischem Streit wenig Verständnis. Ihre Trauer verjähre doch auch nicht, sagt sie. „Warum soll dann so eine Klage verjähren?“

In Dortmund, in der Fußgängerzone, rollen die Verkäuferinnen die Kleiderständer zurück in die KIK-Filiale. Es ist Abend, kurz vor Ladenschluss, Saeeda Khatoon sieht unbeirrt zu. Was ihr Ziel ist? Was sie antreibt, diese Anstrengung, diesen Kampf auf sich zu nehmen? „Ich würde gerne dem Chef von KIK erzählen, wie es ist, sein einziges Kind zu verlieren“, sagt sie. Dann fügt sie hinzu: „Und ich möchte etwas dazu beitragen, dass so etwas nie wieder vorkommt.“

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