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Kirchliche Großveranstaltungen wie diese Massenhochzeit im februar 2020 werden auch in Südkorea noch lange tabu sein.

Südkorea

Wo die Predigt per Livestream normal ist

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Das Christentum ist in Südkorea eine junge Religion. Glaube und Technologie haben sich dort gemeinsam entwickelt.

Andächtig singen die Chormitglieder, aufgestellt vor einer Blumenstafette. Das Publikum lauscht, sitzt aufrecht und still da, die Hände in den Schoß gelegt, bereit zum nächsten „Amen“, sobald die Musik aussetzt und der Pastor dazu aufruft. Aber noch ist das Lied der Männer nicht vorbei. Ihre synchronen Klänge reichen klar verständlich bis an jedes Ohr im Publikum. Allerdings nicht wegen der akustisch durchdachten Architektur des Gebetssaals. Eher wegen der modernen Soundanlage, die die meisten Haushalte in ihren Wohnzimmern eingerichtet haben.

Denn gebetet wird derzeit nicht in der Kirche. Inmitten der Corona-Krise sind Präsenz-Gottesdienste auch in Südkorea verboten. Dort hat dies einen besonderen Grund; im Februar war es eine christliche Sekte, die durch ihre Versammlungen in Kirchen einen Ausbruch des neuartigen Virus im Land provozierte. Die verantwortliche Kirche namens Shincheonji wurde gerügt, alle anderen ermahnt. Auch durch diese klare Ansage hat es Südkorea geschafft, das Virus relativ erfolgreich einzudämmen.

Ende April haben die ersten Kirchen unter strengen Auflagen wieder geöffnet. Die meisten aber bleiben geschlossen. Doch es wirkt nicht so als litten die Gläubigen im Land darunter sehr. Anders als in Deutschland melden sich in Südkorea kaum Kirchenvertreter mit Öffnungsforderungen zu Wort. Dort bieten Kirchen ihre Dienste einfach online an – und niemand findet das sehr außergewöhnlich.

Das Christentum ist in Südkorea nichts Altertümliches, sein Siegeszug erst ein paar Jahrzehnte alt. Wohl nirgends auf der Welt wurde eine Gesellschaft so schnell und friedlich missioniert wie dort. Mit rund 30 Prozent Gefolgschaft ist das Christentum derzeit die bedeutendste Religion im Land, deutlich vor den viel länger etablierten Glaubenssystemen des Buddhismus und Konfuzianismus.

Schon Ende des 18. Jahrhunderts erreichten zwar die ersten katholischen Missionare Korea, doch der Anteil der Christen blieb zunächst bei etwa einem Prozent. Erst nach dem Koreakrieg, der die Halbinsel 1953 in Nord und Süd teilte, setzte ein Glaubensboom ein. Als sich in den folgenden dreieinhalb Jahrzehnten das US-protegierte Südkorea in kürzester Zeit vom Agrarland zur Industrienation entwickelte, wirkte der von den kapitalistischen Amerikanern vorgelebte christliche Glaube modern. Er gab immer mehr Koreanern eine spirituelle Begleitung zum harten Arbeitsalltag. Heute stehen allein in der Hauptstadt Seoul rund 20 Riesenkirchen, die in normalen Zeiten mehr als 2000 Besucher anziehen.

Neben der Rolle als ideologische Stütze für die in Südkorea etablierte Marktwirtschaft sowie der Funktion als Ort des geschäftlichen Netzwerkens liegt ein wichtiger Faktor für den Erfolg der Kirchen auch in ihrer Affinität zu neuen Technologien. Viele Kirchen bieten in ihren Häusern Klimaanlagen, Cafés und natürlich auch offenes Wifi. Größere Kirchen übertragen ihre Gottesdienste nicht nur schon länger live im Fernsehen. Auch in den Kirchen selbst sind überall an Wänden Flatscreens und Lautsprecher angebracht, sodass aus jedem Winkel des Saals gut zugehört werden kann. Fast wie in einer typischen TV-Show unterbrechen Prediger ihre Ansprachen mit eingespielten Videos. Und auch wenn gerade die großen Kirchen Südkoreas vor Ausbruch der Corona-Krise jeden Sonntag gut besucht waren, bestand schon immer die Möglichkeit, einen Gottesdienst alternativ per TV oder Internet zu verfolgen.

Wer trotzdem nicht von zu Hause aus beten will, hat aber schon seit März die Möglichkeit zu einer neuen Art von Gottesdienst. Seit Ostern haben Kirchen in Seoul auch Fußballplätze angemietet, um Drive-in-Gottesdienste abzuhalten. Das Ganze scheint zu funktionieren. Wer sein Fenster ob der Infektionsgefahr lieber nicht runterkurbeln will und deshalb die Worte des Predigers kaum versteht, kann die Ansprache auch per Livestream über Handy verfolgen.

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